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Drei, zwei, eins – Deins?

Über den Verkauf wertvolle mittelalterliche Handschriften aus der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe

Ein bemerkenswerter Vorgang ist das, der da nun schon seit zwei Wochen im konservativ regierten Baden-Württemberg seinen Lauf nimmt: Wertvolle mittelalterliche Handschriften aus der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe sollen dort nach dem Plan der von Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) angeführten Regierung im Rahmen eines Vergleichs mit dem Adelshaus Baden verkauft werden.

Man fragt sich unweigerlich: Ist der Verfall der humanistischen Bildung in unseren Führungseliten schon so weit fortgeschritten, dass alte Handschriften eiligst verhökert werden sollten, so lange sie noch den Preis von Altpapier übertreffen? Und ist das der Anfang vom Ende unser aller kulturellen Erbes als Konkursmasse? Herauszufinden, was sich die Herren über das Bundesland, das sich seiner jüngeren Geschichte mit Männern wie Carl Friedrich Benz oder Ferdinand Porsche auch rein ökonomisch immer noch bestens erfreut, dabei denken, scheint angesichts eines solchen Ansinnens schon gar keine Mühe mehr wert.

Aber es ist freilich alles noch viel komplizierter und, wie in den meisten viel zu komplizierten Dingen, entspringt dieser unselige Vorgang einem juristischen Problem: den ungeklärten Besitzansprüchen auf Kulturgüter zwischen dem Land Baden-Württemberg und dem Haus Baden. Das überschuldete Adelshaus und Seine Königliche Hoheit Bernhard Prinz von Baden, auf der eigenen Internetseite als „Weinbotschafter und Manager“ bezeichnet, brauchen dringend Geld, um ihre Finanzen und gleich auch Schloss Salem am Bodensee zu sanieren. Im Zuge dessen sollen nun also, frei nach dem Motto „drei, zwei, eins – Deins!“ die fraglichen Handschriften veräußert und der Rechtsstreit aus der Welt geschafft werden: Mit dem Erlös in Höhe von avisierten 70 Millionen Euro wäre dann Land und Adel gleichermaßen gedient.

Vor zwei Wochen hatte Ministerpräsident Oettinger noch unbeirrt erklärt, ablehnende Stimmen gegen dieses Vorhaben seien ja nur im Kultur- und nicht im Wirtschaftsteil der Zeitungen zu vernehmen. Angesichts dieser freimütig eingestandenen Scheuklappen scheint es, als ginge der Kölner Kabarettist Heinrich Pachl nicht ganz fehl mit seiner Annahme, „CDU“ ließe sich am besten wohl mit „Zaster, Dividende, Umsatz“ übersetzen. Mittlerweile hat der sogar internationale Protest aber immerhin dazu geführt, dass Oettinger nun von einem „Drei-Säulen-Modell“ spricht, mit dem Zuschüsse vom Land sowie von Sponsoren die Verkäufe flankieren sollen. Nichtsdestotrotz steht weiterhin der Verkauf von unersetzlichen Kulturgütern zur Debatte, die auch für die Wissenschaft unrettbar verloren gehen können.

Sollte es also bald soweit sein mit den schwäbischen „Alles-muss-raus“-Wochen, dann drücken wir die Daumen, dass auch andere Länder unseres Kulturstaats auf diese Idee verfallen und nur noch auf die nächste Sonderangebotsaktion beim Internet-Auktionshaus eBay lauern. Denn dann könnten auch wir Liebhaber endlich echte Schnäppchen machen auf dem Altertümchen-Markt: Großes Angebot drückt den Preis und Hobbysammler werden ihre Gäste dann bald mit einer feschen Mittelalter-Handschrift beeindrucken können. Denn, ganz ehrlich: wo anders als in den Schubladen jedes einzelnen von uns könnte ein über Jahrhunderte in Klöstern, nach der Säkularisation ab 1803 in Bibliotheken aufbewahrtes und schließlich einer fidelen Finanzpolitik geopfertes Gut seine würdige und wohl definitiv letzte Ruhestätte finden? In diesem Sinne: Ein Hoch auf die Höchstgebote für unser kulturelles Erbe. Mögen sie in den Finanzlöchern für das anno domini 2006 Wunder und dazu einen lange währenden Rechtsfrieden bewirken.

Stefan Andres / 6. Oktober 2006
ID 2711







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