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Eurovisionsgesang und Sozialdarwinismus

von Malte Olschewski



Der elektronische Sozialdarwinismus regiert über immer größere Flächen des Fernsehens. Die Formate, in denen es um Sieg und Niederlage, um Wettbewerbe oder Ausscheidungskämpfe geht, erobern immer mehr Sendezeit. In tausenden Bereichen gilt es, =Best of= zu ermitteln. Die politische Dokumentation ist aus den Bildschirmen verwiesen worden, weil sie ein gefahrvollen Nachdenken anregen könnte. Die Serien von Songkontesten, Starmania, Superstarsuche, Big Brother, Eurovision, Millionenshow, Dancing Stars und anderem Schwachsinn sind ein Reflex der Verhältnisse in der Gesellschaft. Der Unterbau muss sich notwendig im Überbau spiegeln. Weil dies schon Karl Marx festgestellt hatte, muss es deswegen nicht falsch sein. Die Realität von Arbeitslosigkeit und Schuldenfalle produziert ununterbrochen Gewinner a la carte. Im Fernsehen fließen, unterhaltsam verschlüsselt, die Ströme aus der Tiefe der Gesellschaft. In endlosen Korrekturen oder TV-Reformen zieht das Fernsehen jene Linien dramaturgisch zugespitzt nach, die von der Realität vorgegeben werden. Die gesellschaftliche Realität wird immer stärker vom Antagonismus der Gewinner und Verlierer, der Millionäre und der Sozialhilfe sowie der Prominenten und Unbekannten geprägt. Das Fernsehen beeilt sich, dieser Entwicklung mit seinen sozialdarwinistischen Shows zu entsprechen. Wenn die politische Dokumentation als Format verschwindet, so ist vorher anderes verschwunden: Das Interesse am Dasein des Anderen und des Nächsten oder auch die Solidarität. Wenn der Hauptabend neben dieses Shows zur Realitätsbestätigung mit Kriminalfilmen und Thrillern aufgefüllt wird, agieren auch hier Gewinner und Verlierer. Der Kommissar wird immer der Gewinner sein, der den Täter als spezifischen Looser aus der Reihe der Verdächtigen herausschält. Außerdem ist in den Tatort-Programmen des Fernsehens auch eine kalmierende Absicht verborgen: Wagt Euch besser nicht außer Haus! =It's jungle out there!= So geht der Titelsong der TV-Kriminalkomödie =Monk=. =Draussen ist der Dschungel!= Rundum lauert das Verbrechen. Bleibt zu Hause und seid brav! Akzeptiert das, was ist. Keine Kritik, kein Aufbegehren!
Sozialdarwinimus ist die Lehre, nach der die von Charles Darwin im Tierleben entdeckten Gesetze auch für die menschliche Rasse gelten sollen. Bei Tieren wie auch bei Menschen soll der Stärkere immer siegen. Der Löwe schlägt die Antilope. Der Diktator lässt hinrichten. Darwin sprach vom =Survival of the Fittest= (Überleben des Stärksten), einem Prinzip, das für Entwicklung, Auslese und Ausprägung der verschiedenen Arten bestimmend war. Unter vielen Versuchen der Spezien zur Erringung eines Lebensplatzes sichert sich nur der Stärkste oder =Fitteste= das Ticket zum Überleben. Die Übertragung dieses Prinzips auf die Menschen wurde im 19. und 20. Jahrhundert von vielen Wissenschaftern vertreten. Sie diente auch der NS-Bewegung als Grundlage ihrer Rassenlehre. Nach 1950 wurde der Sozialdarwinismus großteils als falsch oder später als politisch nicht korrekt abgelehnt. Als Gegenargument wurde vorgebracht, dass die Natur nicht das =suvival of the fittest=, sondern in der Propagation das =Überleben möglichst vieler= anstreben würde. Sie strebt aber die Fortpflanzung in Massen nur deswegen an, weil aus diesen Massen einige, ob =fit= oder nicht, automatisch überleben werden. Der Sozialdarwinismus wurde für einige Zeit als =naturalistischer Fehlschluss= (naturalistic fallacy) abgelehnt. Doch ab 1990 griff er als Neokonservativismus, vor allem in den USA, immer stärker in die Gesellschaft ein. Mitleid, Solidarität und Bürgersinn sind als Hauptargumente seiner Gegner langsam verdrängt worden.
Die höchsten Einschaltquoten erreichen regelmäßig jene Sendungen, die von einem heimlichen Sozialdarwinismus regiert werden: Einer wird gewinnen und viele anderen werden verlieren. Dem Publikum wird Gelegenheit gegeben, sich an der Niederlage des anderen ergötzen. Ganz typisch dafür war etwa bei =Starmania= die Vorführung jener Kandidaten, die gescheitert waren. Es werden im Fernsehen =Traumhäuser= gebaut, doch es geht darum, dass die einen gewinnen und die anderen verlieren. Es mag der Bauer seine Frau suchen. Einige bewerben sich, nur einer gewinnt die potentielle Bäuerin. Bei =Dancing Stars= fegen in Hochzeit weiter verwertbare Paare vorbei, ohne dass in der Jury jemand konkret seine Reihung begründen könnte. Es geht darum, die Wertung möglichst humorig und als =Show in der Show= zu gestalten. Jener, der dann im Endtanz die untere Hülle fallen lässt und über dürren Beinchen eine weiße Herrenunterhose vorweisen kann, muss dann wohl der Sieger werden. Und er ist es dann auch, der die Hauptrolle in einer Serie über dramatisierte Pokerbewerbe erhält, dem Nonplusultra im Reich der Gewinner und Verlierer.

Bald wird es im Fernsehen nur mehr Gewinner und Verlierer geben. Die Society-Sendungen, in denen die Gewinner ihre Münder zu einem riesigen Siegeslachen mit sichtbar baumelnden Gaumenzapfen öffnen, sind nun auch durch die Reform des ORF vermehrt werden. Die =Seitenblicke= wuchern wie ein Krebsgeschwür. Der Kult der Promis geht als neue Ersatzreligion rund um die Uhr. Der Rest der Realität wird verzichtbar werden. Auch der Sport hat im Fernsehen nur deswegen eine so ungeheuer große Sendefläche, weil er das Prinzip vom =Survival of the Fittest= oft bis auf einen einzigen K.O. Schlag verkürzt. Es geht immer nur darum, dass Gewinner und Verlierer dramatisch konfrontiert werden. Bestseller-Listen und Charts waren historische Vorzeichen des allumfassenden Weltkrieges von =Best of= gewesen. Es kann auch Klopapier getestet werden, wichtig ist nur, dass eine Marke gewinnt und die andere verliert. Die Realität ist ein einziger Kampf um den Titel =Best of.= Es geht auch mit leicht höherem Niveau: =Jan, Christine und Anja fighten um ihren Studienplatz,= hieß eine Sendung im seriösen =Spiegel TV=. Es werden auch Langstreckenläufe übertragen, nur um den Schwachen zuzusehen, wie sich nach langem Kampf zusammenbrechen. Das Fünfte Reich, in dem ununterbrochen Sieger auf Verlierer treffen, ist weiträumig. Und es leben viele Firmen davon, immer neue Wettkämpfe für das Fernsehen zu entwickeln. Im brasilianischen TV war unlängst ein Wettbewerb mit schnell wirkenden Abführmitteln zu sehen. Die Kandidaten saßen nach Einnahme auf Toilettensitzen mit gläsernen Abflussröhren. Wer sich oder es länger zurückhalten konnte, war der Sieger.
Nun kann das Fernsehen nicht anders sein, als es die Gesellschaft ist. Wett- und Ausscheidungskämpfe auf internationaler Ebene haben den höchsten Zuspruch deswegen, weil hier ganze Nationen zu Siegern und Verlierern werden. Daher genießen die Olympischen Spiele, eine Fußball-WM, manche Europameisterschaften und auch der Eurovision-Songcontest die ungeteilte Aufmerksamkeit. In Helsinki hatten sich 24 Finalisten um die höchste Zahl von Punkten aus allen europäischen Ländern beworben. spiegelte beide Prinzipien in einer grellbunten Show, bei der dann nationale Solidarität die sozial-darwinistische Anlage und Auslese unterlaufen hat. Dabei ging es nicht mehr um national grundierte Töne in den Darbietungen. Der ganze Contest war eine einzige, kaum zu unterscheidende Schrei-, Jodel- und Trällerarie des globalisierten Poprockhiphopdiskoblues, in dem der eine Song wie der andere klingt. Bei diesem Wettbewerb geht es schon seit langem nicht mehr um den musikalischen Gehalt, sondern in erster Linie um die Darbietung, um den Showeffekt oder um eine neue Idee in der Präsentation. Deshalb hatte beim Contest 2006 auch die finnische Gruppe =Lordi= mit Gruselmasken gewonnen. Auch diesmal gab es in der Präsentation durchaus neue Ideen. Slowenien brachte eine Art Opernarie. Bulgarien schwelgte in Trommeln. Aus Lettland kamen sechs Tenöre, die auf italienisch sangen. England brachte eine Travestie des Flugverkehrs. Serbien versank in eine Art Gebet. Die Ukraine war einem schrillen Dada-Text verhaftet. Im Prinzip waren alle gleich gut oder gleich schlecht. Kein Teilnehmer wäre mit einer großen, unverkennbaren Melodie aufgefallen, da der Musikstil der Moderne nichts so hasst wie Melodien.
Aber es ging nicht um die Musik. Auch ging es erstmals nicht mehr um den Showeffekt. Schon bei vorherigen Contests war sichtbar geworden, dass sich bei Abstimmung durch das Publikum in den teilnehmenden Ländern Bündnisse und nationale Blöcke formierten. Die Stimmen aus einem Staat werden im Televoting per Telefon oder SMS entgegengenommen, in Punkte umgerechnet und dann verteilt. Die Höchstzahl sind zwölf Punkte. Deutschland, Schweiz und Österreich hatten schon bei vergangenen Veranstaltungen füreinander gestimmt, so wie es die Skandinavier taten und wie es sich auch bei den Osteuropäern abgezeichnet hatte. Wer nun wem bei Eurovision 2007 die acht, zehn oder zwölf Punkte gab, das nahm der Veranstaltung jeden weiteren Sinn. Es wurden Stimmen laut, dem Contest abzuschaffen oder zu teilen: Ein Bewerb für Ost- der andere für Westeuropa. Es war nämlich der langjährige Underdog und der von allen Seiten schlimm verdächtigte Paria Serbien, der mit einem politisch-ideologisch passenden =Gebet= auf den ersten Platz kam. Dies aber nur, weil er von allen, ehemals in Jugoslawien vereinten Staaten und von sympathisierenden Nationen aus dem ehemaligen Warschaupakt und aus der Ex-Sowjetunion mit Punkten überschüttet wurde. War. In Jugoslawien hatte man einander mit tausenden Toten bekriegt, trotzdem schenkten die ehemaligen Teilrepubliken einander die höchste Punktezahl. Mazedonien, Slowenien, Montenegro, Kroatien und Bosnien, sie alle waren für Serbien. Aber auch Österreich und die Schweiz belohnten Marija Serifovic aus Belgrad mit zwölf Punkten. Mit Hilfe der Stimmen ehemaliger Staaten der UdSSR und Jugoslawiens kam ein schriller Auftritt aus der Ukraine auf den zweiten Platz. Rang drei ging mit einer ähnlichen Unterstützungsfront an eine Mädchenband aus Russland. Im Beitrag der Türkei im vierten Rang waren sogar einige Klänge aus der nationalen Schlagermusik hörbar, die bei allen anderen Kandidaten fehlte. Es ging also nicht um typische Schlagermusik aus den jeweiligen Nationen, die wie etwa der =Austro-Pop= typische Klänge und Worte enthält. Im =Gebet= war nichts Serbisches, bei den Ukrainern gab es bizzare Wortspiele und Uniformen. Es folgten auf den Plätzen Bulgarien mit ideenreichen Trommeln, während Weißrussland, Griechenland und Armenien in qualvollem Kitsch versanken. Ungarn kam mit einem Blues auf die Bühne. Moldawien fiel durch seine Kostüme auf. Es folgten Bosnien, Georgien, Rumänien, Mazedonien, Slowenien und Lettland. Die ersten sechzehn Plätze gingen mit Ausnahme der Türkei und Griechenlands alle an ehemalige Staaten Jugoslawiens und der früheren UdSSR. Auf den hinteren Rängen landete eine Swing-Nummer aus Deutschland, ein Liedchen aus Italien, eine Air-Show aus England und ein experimenteller Gesang aus Frankreich. Malta stimmte für England. Litauen war für Lettland. Schweden war für Finnland. Armenien war für Russland. Man konnte die Höchstquoten geradezu voraussagen.
Der Ostblock scheint sich unter Ausstoßung von =Uhh!= und =Ähh!= und Onetwothree!= neu zu formieren. Der Eiserne Vorhang in Helsinki war nun aus Lametta und Rauchsäulen. Die Schlagersoldateska des neuen Nationalismus marschierte im glitzernden Fummel auf die Bühne Im Stechschritt für gute Laune schob man Verbündeten, Freunden und Bekannten die Punkte zu. Die kreative Aneignung des angloamerikanischen Pop-Universums war gelungen, nur dass dabei die Melodie als Seele der Musik keine Rolle mehr spielte.

Nationalismus oder Besinnung auf Geschichte wird heute als politisch nicht korrekt angeprangert. Es nehmen sich die Osteuropäer das Privileg heraus, per Knopfdruck gegen den singenden Sozialdarwinismus und für Solidarität mit verwandten oder historisch verbundenen Nationen zu stimmen. Dieses Muster trat diesmal so stark zutage, dass man sich fragen muss, wie bei solchen querverweisenden Sympathien Spannungen und sogar Kriege zwischen Staaten überhaupt anders als durch politisches Kalkül der Herrschenden zustande kommen konnten. Man kann dieses Televoting über ein prinzipiell gleichartig dahinfließendes Geräusch auch als eine heimliche Spur des verbotenen Nationalismus sehen. Dieser naturhafte Strom ist aber nur aufgestaut worden. Nun sucht er neue Wege und Umwege, in denen er auch die ersten Plätze in einem sozialdarwinistischen Wettbewerbes formen kann.

Malte Olschewski - red / 16. Mai 2007
ID 3217


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