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Feuilleton


6 - 8 Mai / re:publica 13 / Station Berlin

Auf Deutschlands größtem Internettreffen wurde wieder einmal der Einfluss des Netzes auf die Welt von morgen diskutiert




Es war einmal: das Fernsehen

Die bundesweit größte Konferenz von Internetaktivisten und solche, die es werden wollen, die Berliner re:publica, hat sich mittlerweile zur interessantesten Medienveranstaltung des Jahres gemausert. Auf keinem anderen Jahrestreffen wird über eine Vielzahl medien- und gesellschaftspolitisch relevanter Themen so lebhaft, offen, faktenreich und zukunftsgerichtet diskutiert. Das lockt immer mehr Teilnehmer an: In der letzten Woche kamen in das ehemalige Busdepot am Berliner Gleisdreieck zeitweise mehr als 5.000 Menschen. Ein Andrang, der die Organisatoren vor so manches Versorgungs- und Platzproblem stellte. Einige Veranstaltungen, so auch ausgerechnet jene über die Bedeutung des alten Mediums Buch, mussten wegen Überfüllung geschlossen werden. Umso besser, dass viele Mitschnitte von Vorträgen und Diskussionen im Internet auf der Homepage (s. u.) oder dem Portal YouTube nachgeschaut werden können.




Die Internetkonferenz re:publica zählt zu den am stärksten besuchten Fachkonferenzen in Deutschland - Foto (C) Max-Peter Heyne



Da die Telekom unmittelbar vor Beginn der Konferenz angekündigt hatte, Internetnutzer, die besonders große Datenmengen bewegen, ab 2016 stärker zur Kasse zu bitten als bisher, verzeichneten jene Diskussionsrunden, an denen Telekom-Manager beteiligt waren, besonderen Zulauf. Wer Tumulte erwartete, kam indes nicht auf seine Kosten: Die inhaltlich freigeistig ausgerichtete, gleichwohl straff organisierte re:publica ist eben nicht deckungsgleich mit Piratenparteitagen. Die Diskussionsleiter der re:publica räumten dem aktuellen Streit nur einen bestimmten Zeitrahmen ein – nicht zuletzt, da noch längst nicht alle Details der geplanten Telekom-Tarifreform offengelegt sind. Vertreter des größten deutschen Telekommunikationskonzerns wie Jan Krancke bekannten sich mehrfach für „ein frei zugängliches, offenes und transparentes Internet“. Er argumentierte allerdings damit, dass der weitere Ausbau eines leistungsstarken Kabelnetzes wirtschaftlich gedeckt werden müsse. Da die Nutzer in Zukunft immer größere Datenvolumen durch die Netze bewegen, könne die Effizienz der Infrastruktur nur aufrechterhalten werden, wenn die Intensivnutzer – also solche, die im Alltag deutlich mehr Megabytes verbrauchen als der Durchschnittsbürger – „adäquater als bisher“ an den Kosten beteiligen. Es fehlt die staatlich finanzierte Breitbandförderung.

Andere Diskussionsteilnehmer, darunter Cara Schwarz-Schilling von der Bundesnetzagentur und der IT-Unternehmer Klaus Landefeld, äußerten sich skeptisch bis ablehnend über die Telekom-Pläne. Wenn die höheren Tarife nur zwei bis drei Prozent der Telekom-Kunden beträfen (wie der Konzern behauptet), stelle sich die Frage, wie ausgerechnet diese kleine Gruppe für die geballte Zukunftsinvestition aufkommen könne. Doch neben der Frage, wie viele Kunden im Jahr 2016 tatsächlich von einer Aufhebung der bisherigen Flatrates betroffen sind, fehlen Cara Schwarz-Schilling auch die Fakten, wie die Telekom den Pro-Kopf-Verbrauch an Datenvolumen ablesen und dem Kunden kommunizieren will – per Warnhinweis während des Surfens? Klaus Landemann und andere Manager von Internetdienstleitern mahnten, dass die Telekom mit ihren Plänen unmittelbar das Nutzungsverhalten der Kunden beeinflussen, ja bevormunden würde, indem der Konzern festlegt, wie viel wer wann verbrauchen darf: Es bestehe „die überwunden geglaubte Gefahr“ des verunsicherten, verzagten Internetnutzens, um nicht über eine bestimmte Marge hinauszugelangen und draufzuzahlen, so Landemann: „Für eine Informationsgesellschaft ist das ein Problem.“

Die Diskussion verdeutlichte, dass sich große Dienstleister wie die Telekom unter Druck sehen, ihrem technikbasierten Kerngeschäft gewachsen zu sein, während sich die Infrastrukturen im Internet massiv verändern. Denn mittlerweile trachten auch klassische Inhalte-Anbieter der Fernseh- und Onlinewelt (wie die Suchmaschine Google und dessen Tochter YouTube) danach, eigene Kabelnetze auszubauen. Andererseits drängen ehemals reine Technik-Dienstleister in die Produktion von Inhalten. Schon jetzt sind Inhalte-Erzeugung und deren Transport nicht mehr klar getrennte Felder, anders gesagt: Jeder Global Player der Medienwelt versucht die staatlichen und juristischen Regularien so zu umgehen oder auszulegen, dass er „in alle Felder der Wertschöpfungskette vordringen kann“, so Telekom-Manager Jan Krancke.





2013er re:publica-Impressionen - Foto (C) Max-Peter Heyne


Wie sehr die Grenzen inzwischen schon verwischt sind, wurde bei der Vorstellung der jüngsten YouTube-Entwicklungen deutlich: Die Plattform ist nicht mehr reine Abspielstation fremder Clips und Filme, sondern unterhält auch Produktionsstätten über ihre Netzwerke, in denen Beiträge von so genannten Multichannel-Unternehmen hergestellt werden. Das bedeutet Einfluss auf einen Markt, der bislang von herkömmlichen Fernsehsendern und -Produzenten bedient wurde. Da diese jedoch über ihre gebührenfinanzierten Sendungen alternative, vor allem für junges Zielpublikum, attraktive Inhalte (inklusive des kreativen Personals) verdrängt haben, fischen nun die vielen YouTube-Kanäle die Jugendlichen weg. Mit ständig steigendem Erfolg: Die YouTube-Netzwerke mit ihren mehr als 10.000 speziellen Kanälen erreichen weltweit rund 30 Millionen Nutzer. In Deutschland schließen die YouTube-Netzwerke zu den traditionellen TV-Anbietern und ihren Webangeboten auf: In 2012 wurden für die ProSiebenSat.1-Gruppe 9,3 Millionen und für die RTL-Group 6 Millionen „Unique Video User“-Einheiten gezählt, für die YouTube-Kooperationspartner Mediakraft Networks GmbH, Deutschlands größter TV-Sender im Internet, und die amerikanische International Data Group (IDG), wurden jeweils 6,1 und 4,7 Millionen Aufrufe gezählt, hieß es bei der re:publica. In den YouTube-Kanälen werden die Stars und Formate der Zukunft gemacht, denn die Mitglieder der entsprechenden Netzwerke seien deutlich aktiver und produktiver als der Rest der Internetgemeinde. Netzaktivisten auf der re:publica meinten, dass heute nicht mehr Blogger, sondern diejenigen, die eigene YouTube-Kanäle unterhalten, zur Web-Avantgarde gehören.
Wie bei TV- und Filmkonzernen bieten die Multichannel-Unternehmen, die in eigenen Studios für YouTube-Netzwerke neue Formate und Sendungen entwickeln und produzieren, nach US-amerikanischem Vorbild zielgruppenorientierte Geschäftsmodelle inklusive Promotion und Vertrieb. Die crossmediale Dimension umfasst auch Kooperationen mit Hollywood-Studios, die schon längst nicht mehr auf Zielgruppenmarketing in YouTube-Kanälen verzichten können. In Deutschland ist als klassisches Medienunternehmen Bertelsmann auf den Zug aufgesprungen, um die Klientel im Internet zielgerichteter anzusprechen. Über öffentlich ausgeschriebene Formulare kann man sich als Kreativer bei den Netzwerken von YouTube bewerben, seltener sprechen die Multichannel-Firmen auch selbst Leute an, deren kreative Begabung im Internet aufgefallen ist.

Die Idee, kreativen Konsumenten gegen Bezahlung zu Produzenten werden zu lassen und bestehende oder neue Formate und Programme zu entwickeln, hat der Erfinder des Online-Games „Minecraft“ vorgelebt: Der Schwede Marcus Persson hat vor einigen Jahren ein optisch eher schlichtes Spiel entworfen, dessen Reiz darin besteht, dass die Fangemeinde es beim Spielen, also livehaftig, modifiziert und optimiert. Alleine bei YouTube hat „Minecraft“ 90.000 Abonnenten. Als herausragendes Beispiel eines über pure Mundpropaganda wegen seines interaktiven Mitmach-Charakters millionenfach erfolgreichen Online-Spiel sind die Parallelen zu den YouTube-Netzwerken, die zur Kommentierung oder gar Beteiligung ermuntern, unübersehbar. Das Fernsehen der Zukunft wird also von anderen geliefert als bisher – und daher auch grundsätzlich anders aussehen.





Auch Blogger und Webaktivisten brauchen abseits der Diskussionen hin und wieder Sonne - Foto (C) Max-Peter Heyne


Gabriele Leidloff & Max-Peter Heyne - 14. Mai 2013
ID 6760

Weitere Infos siehe auch: http://www.re-publica.de/


Post an Max-Peter Heyne

Post an Gabriele Leidloff



 

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