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Kommentar

Kultur kommt aus dem seelischen Offoffoff

Ein Subkulturministerium würdigt die Kreativität


(C) Tom de Toys



Wie abgestumpft sind wir eigentlich schon? Alle wissen es, aber keiner traut sich, die Wahrheit zu sagen, weil man sich schämt. Auch Betroffene schämen sich selber, und nicht nur das. Sogar Fremdschämen kann sich ein Künstler: für diesen Staat, der seine Eliten fördert und den ganzen Rest einfach ignoriert. Deutschland lässt seine rein ökonomisch erfolglosen Künstler am Rande der Armut verzweifeln und beweist damit einen seelisch verarmten, unkritischen Kulturbegriff, der nur einseitige Erfolgsrezepte (Massenkompatibilität) übersubventioniert und das subkulturelle Off seinem eigenen Hartz4-Schicksal ohne öffentliche Bühne überlässt. Wer aber den ganzen Reichtum der subkulturellen Offoffoff-Mikroszenen nicht würdigen kann, der ist auch seelisch verkümmert: Die Chance der kulturellen Vielfalt liegt gerade in der Fähigkeit der Kunst, inhaltlich kritisch statt ökonomisch erfolgreich zu sein. Anspruchsvolle, gute Kunst ist immer vielschichtig und unbequem. Unbequem wie ein harter Holzstuhl zum Meditieren, kein flauschiges Sofa zum besoffenen Chillen! Denn Künstler sind selbstehrliche Sinnsucher, die die Welt auf den Kopf stellen, um dank einer anderen Perspektive auch andere Lösungsansätze für "große Probleme" zu finden. Als ich Anfang 20 war, hatte ich einen Traum. Ich dachte, die Welt bräuchte kritische Künstler und Dichter.

Bei all den Krisen und Kriegen, mit denen sich Menschen das Leben gegenseitig schwer machen, sind Kunst und Poesie geradezu Lichtblicke inmitten des tagtäglichen Grauens. Für mich waren künstlerische Mittel schon immer gesellschaftskritisch, auch Liebesgedichte, vielleicht sogar die ganz besonders; denn LIEBE ist nicht nur der Anfang des Lebens sondern womöglich auch sein allergrößter konkreter Sinn. Das behaupten die Esoteriker in den kitschigsten "kosmischen" Ausformulierungen, deshalb kann man das Gerede von Liebe kaum noch ertragen, aber auch analytisch unterkühlte Psychiater und Soziologen wissen ein Lied davon zu singen: die Liebe hält die Menschheit am Leben, Liebe macht diplomatisch und kreativ. Als junger Mensch muß man dann plötzlich entdecken, dass es an Liebe überall mangelt, die Weltnachrichten erzeugen den permanenten Schock, dass die meisten Strukturen aus fanatischem, kollektivem Egoismus bestehen. Jeder trampelt auf den Werten des Nächsten herum, um sein eigenes Überleben, Prestige und absurde Bonuspunkte zu sichern. Jede Gemeinschaft verteidigt ihre Ideale, als ob kein paralleles Leben in friedlicher und befruchtender Nachbarschaft möglich sei. Ein einziges GIGANTISCHES GEGENEINANDER von Kulturen und Subkulturen. War das also das "erwachsene" Leben? Ich hatte doch einen Traum... Wozu waren denn Künstler und Dichter überhaupt da? Wozu waren sie gut? Wozu waren sie "brauchbar"? Sänger nur als Soundtrack für Soldaten, um die Kampfeslust zu verstärken? Dichter als Wortakrobaten für Politpamphlete? Maler zur Darstellung von ideologischen Ikonen? Die FREIHEIT der "freien Kunst" wurde der praktischen Verwertbarkeit von Kreativität in einer sogenannten Kreativwirtschaft geopfert - und damit die Freiheit der SEELE des Menschen sabotiert! Wenn ein Mensch seine eigene Seele versklavt, merkt er natürlich nicht, dass er wie ein Zombie hypnotisch ferngesteuert lebt. Ihm erscheint alles natürlich und logisch, was seine antrainierten Ideale pusht. Aber sobald der Mensch aus der Hypnose erwacht und seine Seele aus der Vermarktung befreit, stellt er fest: die gesamte Menschheit hyperventiliert auf einer kollektiv-manischen Ebene von Produktionswahn und Konsumwahn.

Wer ganz langsam innehält und vorsichtig DURCHATMET, wird auffällig, wirkt störend im reibungslosen Ablauf der megaeventösen Weltroutine.

Der seelisch "freie" Künstler ist solch ein Störenfried gegen seinen eigenen Willen. Denn der Künstler will eigentlich niemanden stören, sondern nur stimulieren. Die grauen Zellen und das erkaltete Herz stimulieren. Der Künstler thematisiert die Seele als Freiheitsorgan des Menschen, als innerste Mitte, in der man sich sammelt, zur Ruhe kommt und die Kraft tankt, um in der Welt mitzuspielen. Der Künstler muss den direkten Kontakt zu seiner eigenen Seele tagtäglich pflegen, um an Informationen "aus der Mitte" zu gelangen, die MEHR sind als nur schnöde Werbung für weltliche Produkte. Hier geht es um emotionale Befindlichkeiten und visionäre Betrachtungsweisen des Lebens. Der Künstler durchwühlt die gesamte Zivilisation, um aus der tiefsten Tiefe tabulose Erkenntnisse, Einsichten, ja Weisheiten auszugraben, die urmenschlich und übermenschlich sind, die das Normale und Durchschnittliche übersteigen, um das LEBEN in seiner unendlichen Größe zu feiern. Er hat einen paranormalen Zugang zur Seele, und seine Werke sind keine groben Gebrauchsgegenstände, sondern feinstoffliche Reflektionen, die dem Rezipienten ebenso viel Muße abverlangen wie die Ruhe, die zu ihnen geführt hat. Die Kunst ist eine Arbeit im seelischen Off. Kreativität fängt in der grenzenlosen Leere der innersten Mitte an, dort, wo der Mensch nicht mehr redet, sondern dem "Ganzen" zuhört. Wo er das pausenlose Brabbeln der Bilder unterbricht und sich dem bildlosen Gefühl seiner puren Existenz stellt. Wo der Mensch wieder ganz Mensch wird, und nicht nur Biomaschine, die funktionieren muß. Ich hatte den Traum, dass die Gesellschaft den Künstler und Dichter benötigt, um sich selbst an diese Intensität des Lebens zu erinnern. Um bei all den Kriegen und Krisen nicht zu vergessen, dass der Mensch nicht nur zerstören sondern auch feiern kann - nämlich das Leben feiern! Kunst feiert das Leben, benennt die Schönheit und Brutalität der Natur und die Größe und Abgründe der menschlichen Seele. Kunst nennt die Dinge bei ihrem eigentlichen Namen. Wenn eine Gesellschaft ihre Künstler nicht als seelische Seismographen benötigt, sondern die Tiefe der Werke als Fastfoodkultur im Popbetrieb banalisiert, dann ist die Zivilisation in einer Krise des Menschlichen, die uns alle nachdenklich stimmen sollte. Wofür lohnt es sich tagtäglich zu arbeiten? Worin liegt der tiefere Sinn des Lebens? Wie lange können wir noch diesen Wahnsinn der Normalität ertragen, ohne unserer Seele zu lauschen? Wann rehabilitieren wir endlich die "schönen" Künste als tabulosen Tiefgang in die "letzten" Fragen UND Antworten? Der Mensch braucht Kultur als bedingungslosen Spiegel des Lebens, vor allem dort, wo er selbst auf einem Auge blind geworden ist. Kunst befreit von den blinden Flecken und schafft Bewusstheit in einer bewusstlosen Welt. Vielleicht ist nicht jeder Mensch dazu berufen, in diesem tiefsten Sinne "kreativ" zu werden. Es ist auch nicht jeder Mensch dazu berufen, Arzt oder Bäcker zu werden.

Zum Glück haben wir eine gut funktionierende Arbeitsteilung. Jeder Mensch leistet einen anderen Beitrag zum Ganzen. Früher war auch nicht jeder Mensch ein Schamane. Und bestimmt wollte nicht jeder einer sein.

Es wird wieder Zeit, sich darauf zu besinnen, dass auch Künstler einen existenziellen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Ich plädiere darum für die Gründung eines Subkulturministeriums, das die Kreativität des Menschen ernst nimmt und das künstlerische Potenzial der Gesellschaft nachhaltig "von unten" fördert, dort wo es brodelt und anfängt: im seelischen Off! Erst wenn wir der freien Kunst wirklich freien Lauf gewähren, wenn wir also die ganze Bandbreite an künstlerischem Ausdruck öffentlich präsentieren, können wir nach und nach leichter und feinfühliger erspüren, was wir ganz individuell brauchen, um unsere eigene seelische Empfindsamkeit anzuregen, den geistigen Horizont zu erweitern und dadurch zur unerwarteten Allgemeinbildung beizutragen. Solange wir nur von einem elitären Staatskunstbegriff mit überteuerten Megaevents abgespeist werden, verkümmert die Seele auf eben diesem plakativen Hochglanzniveau. Wer einmal nur eine wirklich schräge Performance oder ein experimentelles Konzert in der sogenannten Offszene erlebt hat (welcher Politiker traut sich überhaupt dahin!), der weiß, wie verrückt und wohltuend Kunst sein kann, wenn sie einen mit der Vielschichtigkeit des menschlichen Bewusstseins überrascht! Eigentlich sind wir gar nicht so eindimensional, wie uns der langweilige Alltag glaubhaft machen will.

Es fehlen nur die geeigneten Überraschungen! Aber wann haben wir die Gelegenheit, unsere eigene Tiefe durch kulturelle Ereignisse zu wecken? Auf welchem Fernsehkanal läuft das Programm "Seele" statt Soap? Wann hast du zuletzt etwas Subkulturelles in Deinem eigenen Stadtteil oder gar Dorf erlebt anstatt auf dem Sofa von einer Show zur nächsten zu zappen? Ich glaube, viele Menschen wissen gar nicht, was Kunst alles kann. Viele ahnen noch nicht einmal, was sie verpassen! Sie kennen nur RTL2 und Instagram. Es herrschen getrennte Welten. Wir verkümmern geistig und seelisch und nennen diese permanente Passivität dann "Kultur". Die neue Volkskrankheit ist kein Virus sondern die reine Virtualität. Jeder ECHTE Straßenmusiker wirkt da schon subversiv, jeder Pantomime berührt uns schon peinlich.

Und ein Gedicht, das sich anmaßt, über gewisse "menschliche" Dinge Klartext zu reden, ist schier unerträglich - hier ist zum Abschluss meiner Klage ein kleines Gedicht von dieser überflüssigen, nutzlosen Sorte. Ein reines Selbstzweckgedicht, für dessen Niederschrift man nicht bezahlt wird - und es trotzdem irgendwo im weiten Offoffoff-Feld schreibt, weil man die Wahrheiten der Seele nicht unterdrücken kann:



MEHR REALITÄT

aufgehende sonne
hinter dem feldweg
inmitten der großstadt
absolut real
eine fast leere tram
für ein paar gutgelaunte leute
mitten im frühen berufsverkehr
absolut real
baustellenlärm und orange signalwesten
maschinengeräusche und teergeruch
auf den noch unschuldigen straßen
absolut überreal
frischer kaffee der duft des seins
der geschmack von verrückten ideen
neubeginn nahtloser taumel
aus der zu kurzen nacht
durch einen kristallklaren herbsttag
der schöner nicht sein könnte
absolut megareal
das gefühl wirklich zu leben
ohne die weltformel zu kennen
geschweige denn das universum
von außen beobachten zu dürfen
dieses gefühl daß mein körper
die antwort auf alle fragen
von selbst produziert
sowas von absolut wahnsinnsreal
lichtdurchfluteter kögraben mit models
geschminkte gesichter
auch sehr real
ich genieße das geheimnislose
rätsel realität
in jedem atemzug

[ Tom de Toys 2012 © POEMiE™ ]



Graffiti von Klaus Klinger (von Farbfieber e.V.) + "Frei Raum" | Foto (C) Tom de Toys

Tom de Toys - 30. Mai 2015
ID 8676
Weitere Infos siehe auch: poemie.jimdo.com


Tom de Toys, Neuropoet

(im E-Mail-Interview mit Arnd Moritz, 2012)



 

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