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Interview

Von Wortmetzen in Sprachkunst und Philosophie | Folge 7

Tom de Toys, Neuropoet, im E-Mail-Interview mit Arnd Moritz


Tom de Toys, Düsseldorf 2012 - Foto © BGN (G&GN)



"der künstler fungiert nur als empathischer empfänger des ekstatischen und dessen koordination in formalen bahnen!" (Tom de Toys)




Wer in der Berliner Kunstszene unterwegs ist, stößt schnell auf den Namen Tom de Toys. Wer Dich im Internet sucht, wird schnell fündig (http://www.POEMiE.de). Du schreibst, Du malst und Du kreierst beeindruckende Performances. Du begeisterst durch Vielfalt, Purismus und Aussagepotential. Welcher Kunstrichtung fühlst Du Dich zugehörig und als welcher Art Künstler bezeichnest Du Dich?

wieso berliner? wo stößt es genau? ich bin doch schon seit 1 jahr raus! DDORF HELAAF!!! da kann nichts mehr stoßen! es sei denn bei der zeitschrift "floppy myriapoda" rund um Kai Pohl, die einzigen berliner kollegen (neben dir), denen ich mich menschlich & metapoetologisch verbunden fühle :-) und was ist überhaupt mit "szene" gemeint? ich halte das für einen absolut hohlen sensationslüsternen sammelbegriff, nachdem ich in all den jahren so viele verschiedene scheuklappen-klüngelclübchen durchkreuzen durfte. ich habe mir für jede disziplin eine eigene kunstrichtung erschaffen: für die malerei den "Integralen Impressionismus", für die schreiberei die "Neurolyrik", für die performance das loch-perhappening und für die fotografie die "Mobilfotomie". hinter allen werksbereichen steht die radikal-kontaktive lebensphilosophie des LOCHiSMUß (http://www.Lochismus.de), so daß ich mich am liebsten als "lochist" bezeichne, weil das künstlertum aus meiner total-transreligiösen lebenseinstellung resultiert.


Du nennst Dich seit 1996 nicht mehr 'Tom Toys' sondern 'Tom de Toys'. Wie kam es dazu und warum hast Du einen Künstlernamen angenommen?

daran war eine nachbarin aus düsseldorf-garath schuld, wo ich 1995/96 in den ateliers auf einem stillgelegten grundschulgelände bei den Space Indians International überwinterte, weil unsere künstlergruppe die deutsche delegation für die sogenannte "1.biennale für kunst und ökologie" der unesco in buenos aires bildete, die aber leider (angeblich aus geldmangel) kurzfristig abgesagt wurde. die nachbarin war die mutter des ddorfer performers D.C.Hoffmann und schneite mit lockenwicklerfrisur zufällig genau pünktlich bei uns rein, als ich meine katalogseite für die allerletzte ausstellung der freien kunstszene im unsanierten kunstpalast auf einer alten schreibmaschine tippte. sie war so begeistert von uns, daß sie spontan meinte, wir sollten doch unsere namen auch etwas großartiger klingen lassen, und schlug mir das "de" einfach vor! gesagt, getan: ich tippte erstmals meinen neuen namen quasi in echtzeit aufs papier und hatte das glück, ihn schon kurz darauf im zentnerschweren kunstkatalog "DIE DÜSSELDORFER" so vorzufinden - eine bessere presse-kampagne zur einführung der neuen marke war kaum möglich :-) begonnen hat das namensspiel aber schon 1985, als mich der roman "Schöne Neue Welt" (Brave New World) von Aldous Huxley dazu inspirierte, innerhalb einer behavioristischen weltmassenhypnose die kunst als das letzte legale spielzeug zu würdigen, das noch echte liebe, wahrheit und freiheit vermitteln kann: kunst als kreatives medium zur wiedergabe & weitergabe unkonditionierter informationen über das leben an sich...


Du bist, wie Du sagst, seit einem Jahr raus aus Berlin. Warum hast Du die deutsche Hauptstadt der Kultur verlassen?

ach, weißt du, ich wollte schon länger raus aus der freien szene und ein neues leben anfangen. ich war einfach müde, so blöd das klingt. verfrühtes seniorensyndrom irgendwie. 2010 hatte ich ja bereits den ausstieg vorbereitet, indem ich eine ausbildung zum kunsttherapeuten begann, um etwas sozial sinnvolleres zu machen als gedichte zu schreiben, die keiner braucht. leider haben mich dann ziemlich nervige somatoforme symptome gezwungen, die akademie abzubrechen und in einer spezialklinik zu überwintern (http://www.Therapietrip.de). danach tauchte wie aus dem nichts eine rheinische jugendliebe auf und es funkte sofort wieder. tja, da hatte ich also den fehlenden grund: abmarsch nach düsseldorf und hier bin ich nun - und nebenbei gesagt ist ddorf sowieso wesentlich schöner als berlin: ich liebe die innerstädtische grüne achse und die vielen natürlichen karibikstrände! die schnelllebige durchgeknallte subkultur spielt für mich nur noch eine untergeordnete rolle, weil meine angeschlagene gesundheit im vordergrund steht. das neue lebensmotto lautet: GEDULD, GENUSS & GENESUNG :-)


Nichtsdestotrotz schaffst Du als 'Neurolyriker' neue Texte, als 'integraler Impressionist' und 'Mobilfotomist' neue Bilder. Haben alle Deine Texte ein gemeinsames Thema oder einen gemeinsamen Aspekt? Und stehen alle Deine Bilder unter einem Zentralmotiv? Wenn JA, haben diese beiden Themenbereiche von Text und Bild etwas gemeinsam?

JA, es ist dieser transreligiöse ZenToGo-aspekt, der mein gehirn neuromagnetisch antriggert: dieses GANZ (ohne "ich") in die GEGENWART eintauchen, um durch die intensivierte bewußtheit verborgene ebenen der wirklichkeit direkt-sinnlich zu erfahren anstatt alles geheimnisvolle in ein metaphysisch-dualistisches jenseits zu verbannen - bis hin zu der sagenumwobenen LEERE DER MATERIE, von der nicht erst die quantenphysik spricht sondern auch der taoismus und andere spirituelle traditionen! das schafft ekstatische erkenntnisse, die sich in tiefenpopkunst manifestieren können. ich habe eine solche "mystisch-materielle" herangehensweise an die ureigene kreativität bereits 1991 in damals noch sehr unpopulären konzepten für "lyriktherapie" niedergeschrieben, weil mir die oberflächlichkeit von crashkursen in creative writing zuwider war.


Du schreibst und malst. Deine Zeichnungen (http://www.artDdorf.de) strahlen pure Aussagekraft durch Schlichtheit in Mittel und Darstellung aus, so dass das Wesentliche Deiner Bildgestaltung nicht nur eine Gestaltung des Wesentlichen vermittelt sondern auch die Unmittelbarkeit erfassender Präsenz Sinn gebender und gestaltender Kraft. Wenn das so ist, stellst Du dann weniger die Aussage Deiner Zeichnung dar als die Zeichnung der Kraft, die Deine bildnerische Aussage gestaltet?

das klingt jetzt natürlich ziemlich paradox, was du da formulierst. hm... vielleicht hast du recht. ich vergleiche das mal mit meinen lochritualen: da geht es ja auch nicht um das tamtam drumherum, also den rahmen und meine show, sondern eigentlich nur um DIE LEERE DES LOCHES selbst, die sich aber nur durch das dualistische drumherum als kontrast sichtbar & erfahrbar machen lässt, wenn man es nicht sowieso schon durch alles hindurch wehen spürt. in meinen großformatigen gemälden geht es ja auch um das loch, dort dann als ausgeschnittene sonne, die ja in der kunstgeschichte ein gottessymbol war. ob diese leere allerdings eine "kraft" ist, kann ich nicht sagen. in meiner mystischen loch-erfahrung 1989 löste sich vor meinen augen die landschaft auf und mein körper verschwand darin gläsern. die ganze materie war plötzlich mitsamt meinem wahrnehmenden "ich" einfach futsch! aber es gab keine "andere seite", kein jenseits, auf dem ich "erleuchtet" landete, ganz im gegenteil: alles blieb beinhart vorhanden und war doch zugleich hohl wie ein alter knochen. die linien meiner dadurch entwickelten bilder sind sozusagen die knochen, die weiß belassene leinwand (anstatt einer klassischen landschaft) drumherum zeigt das verschwinden der materie - und die durchlöcherte sonne ist wohl die postmoderne alternative zum aberglauben an eine göttliche urkraft :-)


2001 hast Du die Quantenlyrik, wie Du sie nennst, erfunden, wie Du es nennst. Durch das Goethe-Institut erhieltest Du dann die Möglichkeit ihrer Uraufführung an der Universität von São Paulo. Bitte erzähle den Lesern von KULTURA-EXTRA kurz etwas zur Quantenlyrik (http://www.EchteQuantenlyrik.de), wie es zur Uraufführung kam und was sie beinhaltete.

die welturaufführung war in gewisser weise eine art schildbürgerstreich, denn der dortige gastprofessor (Ulrich Johannes Beil) an der universität von sao paulo wußte zwar, daß ein junger deutscher "szene"-dichter in sein seminar kommen würde, aber selbst das goethe-institut (das neben den deutschen schulen an den flugkosten beteiligt war) wußte nicht, daß ich die quantenlyrik gerade mal einen monat zuvor erst frisch erfunden hatte! und die studenten verstanden so wenig deutsch, daß sie gar nicht merkten, wann ich ein normales und wann ich ein gequanteltes gedicht vortrug. die deutsche uraufführung später dann in der berliner z-bar war eigentlich wesentlich wichtiger: ich hatte eine abendfüllende multimediale show vorbereitet. einige gäste hielten nicht bis zum schluss durch, manche waren sogar richtig gelangweilt oder genervt, andere wiederum waren begeistert, wie konsequent ich das ganze präsentierte. mit der ersten quantenlyrischen methode (QLP) fand ich eine kongeniale sprachform, um meiner loch-erfahrung von 1989 gerecht zu werden: die quantenlyrik war eine möglichkeit, über mystisches laut zu sprechen, ohne der (konkreten=absoluten) gesichtslosigkeit der leere ein (abstraktes=gegenständliches) gesicht geben zu müssen!


Für wen machst Du Kunst, Tom? Muss man, um Dich und Deine Begriffe zu verstehen, zuvor Grundlagen Toysianischer Gedankenwelt an dem von Dir 1990 unter der Schirmherrschaft von Sebastian Nutzlos gegründeten 'Institut für Ganz & GarNix' (http://www.G-GN.de) studieren?

wieso "für" und wieso "wen"? wir veröffentlichen nicht unter der modern-metaphysischen prämisse, es gäbe eine statisch-personale identität im zentrum des rezipienten, sondern empfinden jede ästhetische information als kybernetisch-komplexes potenzial, das in jedem augenblick und von jedem bewußtseinszustand immer wieder anders und neu und sehr vielschichtig interpretiert werden kann. wer sich selbst als allzu eindeutiges ego festnagelt und
dementsprechend verrostete schubladen im kopf mithilfe geeigneter individualitätsdogmen nachölen will, mag an den G&GN-forschungsberichten verzweifeln, weil sie einen gern in den schlund der ontischen offenheit reißen, aber ganzheitliche kreativität fließt eben nur so: sie wird nicht "gemacht" sondern kommt zu dir, sobald du hinhörst, sie strömt durch dich hindurch wie radiowellen - der künstler fungiert nur als empathischer empfänger des ekstatischen und dessen koordination in formalen bahnen! Außerdem besteht meine eigentliche kunst gar nicht aus all diesen theoretischen begrifflichkeiten, sondern die ganzen systeme gehören zur sekundärliterarischen metapoetologie. die kunstwerke selbst sind doch im grunde sehr schlicht. zum beispiel ein text wie "DAS GEDICHT ÜBER DIE MODERNE" von 1992 bedarf keinerlei vorkenntnisse, um gelesen und verstanden zu werden: "Ich / Kriege / Nichts //". natürlich kritisiert solch ein 3-zeiler ganz nebenbei den gesamten zivilisationsprozess, steht doch jedes wort für eine komplette kulturelle disziplin: das Ich für die psychologie, die Kriege für die soziologie und das Nichts für die philosophie. aber trotzdem ist es nur ein normaler satz, der dank zeilenumbrüchen zum gedicht avanciert. und das kann jeder begreifen, ohne meine neologistischen begriffe heran zu ziehen.


2010 hast Du auf einem Spreedampfer DAS KOSMISCHE URMONSTER (http://www.LiveLyrik.de) im Rahmen des 12. Kunst- und Kulturfestivals "48 Stunden Neukölln" vorgetragen. Ein Mitschnitt dieser Darbietung ist im Internet zu sehen, und sie hatte Deinem Publikum offensichtlich sehr viel Spaß gemacht. Denkst Du an eine Wiederholung, und wenn JA, auch in Berlin?

sowas lässt sich doch nicht wiederholen, erstens weil es frei improvisiert war und zweitens, weil ich meine eigenen sachen nicht auswendig kann. nur zwei male lernte ich eigene texte mühsam auswendig, das war 2003 "SKANDAL" für die live-premiere der uep-CD: ich verbrachte den monat direkt vor dem gig in neuseeland, so daß ich dort jeden morgen in wechselnden motel-betten als erste amtshandlung die kopfhörer des walkmans aufsetzte, um darüberhinaus den richtigen einsatz zu der musik zu üben, was wirklich qualvoll war. und auf der bühne im wiesbadener Schlachthof spielten die musiker dann eine andere schlagzeug-version, so daß ich es trotzdem verpatzte. das andere mal war 2000 beim "german grand slam" in der stuttgarter Röhre: ich konnte die heftigen langgedichte "INFLATION" und sogar "EXTASE STATT ELITE" fehlerfrei auswendig brüllen und gehörte damit zu den gewinnern einer armbanduhr mit exklusivem slam-design. also wenn mir eine institution genug gage bieten würde, hätte das kosmische urmonster vielleicht eine chance, wieder zum leben erweckt zu werden - ein wirklich gruseliger gedanke ;-) es wäre mein allererster wiederholter Free Word Jam überhaupt...


[Das Interview fand in der Zeit vom 27. August bis zum 5. September 2012 statt.]
Interviewer: Arnd Moritz - 6. September 2012
ID 6194
Weitere Infos siehe auch: http://poemie.jimdo.com


KÜNSTLERPORTRAIT 1989-2011



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