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RUHRTRIENNALE 2018

Aufbrausend

zerbrechliche

Klänge



Rebecca Saunders spricht bei der Einführung im Salzlager, Welterbe Zollverein, Essen | Foto © Ansgar Skoda

Bewertung:    



In der Szene der Neuen Musik (also der E-Musik des 20./ 21. Jahrhunderts) gibt es immer noch vergleichsweise wenige Komponistinnen, die sich gegenüber ihren männlichen Kollegen nachhaltig etablieren. Ein online verfügbarer, offener Brief von Prof. Dr. Zorka Wollny kritisiert etwa, dass Bewerberinnen bei der jüngsten Stipendien-Vergabe des Senats Berlin in den Bereichen Neue Musik/Klangkunst zu wenig berücksichtigt wurden. Immerhin widmete die RUHRTRIENNALE, deren Intendanz 2018 Stefanie Carp übernahm, vergangenen Samstag einen ganzen Porträtabend einer zeitgenössischen englischen Komponistin: Rebecca Saunders.

Die 1967 in London geborene Wahlberlinerin Saunders – eine Schülerin unter anderem von Nigel Osborne und Wolfgang Rihm – wurde mehrfach für ihr Schaffen ausgezeichnet und ist unter anderem Mitglied der Akademien der Künste in Berlin und in Sachsen. Die Künstlerin, die ihr Werk am Konzertabend in einer Einführung selbst vorstellte, arbeitet oft mit Soloinstrumenten. Sie interessiert sich für räumliche und skulpturale Eigenschaften organisierter Klänge und Klanginstallationen und insbesondere auch für den Übergang von Geräuschen in einen Klang. Drei markante, jüngere Werke wurden als spannungsreiche Momentaufnahmen während des kurzweiligen Abends in der großen Halle des ehemaligen Salzlagers in der Essener Kokerei Zollverein aufgeführt.

Fury II (2009), die erste Performance des Abends, überrascht mit kraftvollen Verläufen, Disharmonien und harten Klängen. Im Zentrum steht ein Kontrabass-Solo von Paul Cannon, das kammermusikalisch begleitet wird. Die bebende Gravitation des tief tönenden Kontrabasses kommt dem titelgebenden „Fury“ wie ein fauchender, peitschender und grollender Wutausbruch, einem naturgewaltigen Unwetter oder einer energiegeladenen Raserei von Furien schon recht nahe. Auch beim zweiten Stück des Abends, a visible trace (2006) stehen Instrumentalsolos im Vordergrund. In wellenhaften Klangbewegungen werden die titelgebenden Wege, Pfade und Spuren zurückverfolgt oder nachgezeichnet. Schichtungen von Klangverläufen ebnen sich. Die letzte Komposition des Abends ist nach einer Pause auch die längste. Skin entwickelte Saunders in den Jahren 2015 und 2016 in intensiver Zusammenarbeit mit der Sopranistin Juliet Fraser. Diese Komposition wurde 2017 mit dem Royal Philharmonic Society Award und dem British Composer Award ausgezeichnet.

Angeregt von Texten der englischsprachigen Schriftsteller Samuel Beckett, James Joyce oder David Foster Wallace widmet sich Saunders hier auf vielstimmige Weise den Bedeutungsschichten von Haut. Sie kann mal feine Membran sein, die innen und außen trennt. Mal ist sie eine Metapher der Vergänglichkeit. Solosopranistin Fraser verfügt über eine erstaunlich flexible Barockstimme. Neben gesungenen Sentenzen summt oder schluchzt sie auch und spricht kantig akzentuiert sehr schnell. Es eröffnet sich ein skelettartig durchdrungener, facettenreicher akustischer und philosophischer Raum, wenn es etwa um den „skin of the room“ geht und sich leise schwingend „dust“ unter der Oberfläche andeutet. Fraser gilt als versierte Interpretin sehr alter und sehr neuer Musik. Die Mitgründerin und Geschäftsführerin des renommierten Exaudi Vokalensembles unterstützt als Gründerin und künstlerische Leiterin von eavesdropping unter anderem auch Frauen in der Neuen Musik.  

Neben der Performance des Kontrabassisten Cannon sticht insbesondere die eindrückliche Leistung des 1980 gegründeten und in Frankfurt beheimateten Ensemble Modern hervor, geleitet vom 1988 in Simbabwe geborenen Dirigenten Vimbayi Kaziboni. Dem international führenden Kammerensemble für Neue Musik gehören derzeit 18 Solisten aus neun Nationen an, die größtenteils während der Vorführung fein austarierte, stimulierende oder auch bewusst irritierende Akzente setzen. Ein recht stimmungsvolles Klangerlebnis, das dazu einlädt, eigene Hörgewohnheiten zu hinterfragen, zu schulen und zu erweitern.



Schlussapplaus nach dem RUHRTRIENNALE-Konzert mit Kompositionen von Rebecca Saunders (im Salzlager, Welterbe Zollverein, Essen) | Foto © Ansgar Skoda

Ansgar Skoda - 29. August 2018
ID 10876
REBECCA SAUNDERS PORTRAIT (Salzlager, Welterbe Zollverein, 25.08.2018)
Musikalische Leitung: Vimbayi Kaziboni
Juliet Fraser, Sopran
Ensemble Modern:
Dietmar Wiesner (Flöte, Piccolo, Altflöte, Bassflöte)
Christian Hommel (Oboe)
Jean Bossier (Klarinette, Bassklarinette)
Sava Stolanov (Trompete)
Antonio Jimenez Marin (Posaune)
Ueli Wiget (Klavier)
Rainer Römer und David Haller (Schlagzeug)
Steffen Ahrens (E-Gitarre, Tenor-Banjo)
Stefanie Mirwald (Akkordeon)
Jagdish Mistry (Violine)
Megumi Kasakawa (Viola)
Michael M. Kasper (Violoncelo)
Paul Cannon (Kontrabass)


Weitere Infos siehe auch: http://www.ruhrtriennale.de


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