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Repertoire

Erstaunlich

sparsam

inszeniert



Sir John Tomlinson (re.) und Lance Ryan als Moses und Aron in der Semperoper Dresden | Foto (C) Ludwig Olah

Bewertung:    



Arnold Schönbergs Oper Moses und Aron endet eigentlich, wie sie beginnt. Dem biblischen Propheten Moses fehlen die Worte für die Beschreibung des einzigen, ewigen und unvorstellbaren Gottes, der ihm befiehlt, das Volk Israel aus der ägyptischen Knechtschaft zu führen. Als Überzeugungsgehilfen braucht er seinen beredten Bruder Aron, der Gedanken in Worte und Bilder fassen kann. Der Denker und der Redner. So könnte heute keiner mehr Politiker werden. Moses benötigt Arons Sprachgewalt zur Erfüllung seiner Mission. Als der verhinderte Missionar 40 Tage lang auf dem Berg Sinai die Gesetzestafeln empfängt, wird allerdings das wankelmütige Volk etwas ungeduldig und Aron gibt den Unzufriedenen ihre alten Götter zurück. Der Tanz ums Goldene Kalb ist symptomatisch für eine Welt, die nach einfachen Antworten sucht und diese in mannigfaltiger Präsenz von vielerlei Heilsversprechungen, Fortschrittsgläubigkeit, Mammon und Konsum erlangt. Das ist in mehrerer Hinsicht interpretierbar, was die Oper inhaltlich auch heute noch sehr interessant macht.

Musikalisch ist Schönbergs Zwölftonkomposition eher kein geschmacklicher Selbstläufer. Das zeugt vom Mut des neuen Intendanten der Dresdner Semperoper, Peter Theiler, der zu diesem gewagten Spielzeitauftakt noch den katalanischen Skandalregisseur Calixto Bieito für die Inszenierung beauftragt hat.

*

Das zweite Gebot „Du sollst dir kein Bild machen.“ ist das Grundthema der Oper, an der Schönberg seit den frühen 1920er Jahren gearbeitet hat. Zwei Akte liegen vollendet vor. Für den 3. Akt hat Schönberg nur das Libretto verfasst. Die Komposition hat er trotz vieler Willensbekundungen sicher auch durch die Wirren der Flucht vor den Nazis nicht mehr in Angriff nehmen können. Vielleicht ist das Scheitern aber selbst auch ein Ausdruck für die Schwierigkeit, für eine Idee einen künstlerischen Ausdruck zu finden. Da sind sich Schönberg und Moses wohl sehr nahe. Im Grunde aber fehlt der Oper inhaltlich nichts, die Verurteilung und der Tod Arons lösen das Problem sicher nicht auf.

Regisseur Calixto Bieito geht die Sache dann erstaunlich unspektakulär an. Das fast schon Aufregendste und zugleich doch auch sehr Karge ist das Bühnenbild von Rebecca Ringst. Eine nach drei Seiten geschlossene Betonwüste. Die hintere Wand ist eine absenkbare Schräge, auf der zunächst ganz oben abgewandt Aron sitzt, während Moses an der Bühnenrampe die Stimmen aus dem Dornbusch empfängt. Die SängerInnen stehen dabei in den Seitenlogen und im Rang. Der Bass-Sprechgesang des Mosesdarsteller Sir John Tomlinson ist klar und gut verständlich. Sein „Mund“ Aron, der Tenor Lance Ryan, lässt stimmlich ebenfalls nichts zu wünschen übrig. Ein ausdrucksstarkes Duo, das sich bestens ergänzt. Tomlinson, hemdsärmelig mit Wallehaar, als verzweifelt suchender Sender und Ryan, ein Macher im Anzug, als geschickter Empfänger und Interpret von Moses‘ Gedanken.

Dass Aron die von Moses als „unerbittliches Gedankengesetz“ des Wahren angemahnte Gedankenreinheit zu Gunsten leicht verständlicher Bilder verfälscht, ist die Krux fast jeden Politikers. Insoweit könnten beide auch eine Figur sein. Dazu könnte man hier gut und gerne noch über Dogmatismus und Ideologie phrasieren. Schönberg ging es seinerzeit um ganz anderes. Ein Ringen mit der eigenen Religionsauffassung. Die Einheit von politischem und religiösem Judentum. Das auserwählte Volk auf der Flucht vor seinen Feinden. In Zeiten von Pegida und AfD muss sicher auch über Populismus geredet werden. Aron der große Verführer der Massen. Aber auch das greift sicher zu kurz. Calixto Bieito verfolgt ein relativ offenes Regiekonzept, das einen nicht mit allzu naheliegenden Interpretationsansätzen bevormunden will. Der Tanz ums Goldene Kalb ist hier eine Video-Show aus der Computer- und Cyber-Hexenküche mit zwei nackten Androiden-Wesen und einem Homunkulus, den das Volk anbetet und als kleinen Schockeffekt frisst. Später geraten alle mit Virtuell-Reality-3-D-Brillen in Ekstase. „Be God Yourself“, oder im Cyberspace ist sich jeder selbst genug.

So eine Moses und Aron-Inszenierung steht und fällt natürlich auch mit dem Chor, der hier in den vielen Massenszenen zahlreich und großartig mit dem Sächsischen Staatsopernchor Dresden, dem Sinfoniechor Dresden - Extrachor der Semperoper Dresden dem Kinderchor der Sächsischen Staatsoper Dresden und dem Vocalconsort Berlin vertreten ist. Musikalisch ist Schönberg immer eine Offenbarung, wenn man sich ganz auf die Musik einlässt. Die Sächsische Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Alan Gilbert leistet ihr Übriges zum Gelingen dieses Opernabends.



Moses und Aron in der Semperoper Dresden | Foto (C) Ludwig Olah

Stefan Bock - 4. Oktober 2018
ID 10954
MOSES UND ARON (Semperoper, 03.10.2018)
Musikalische Leitung: Alan Gilbert
Inszenierung: Calixto Bieito
Bühnenbild: Rebecca Ringst
Kostüme. Ingo Krügler
Chor: Jörn Hinnerk Andresen
Licht: Michael Bauer
Video: Sarah Derendinger
Dramaturgie: Johann Casimir Eule
Mit: Sir John Tomlinson (Moses), Lance Ryan (Aron), Tahnee Niboro (Ein junges Mädchen), Christa Mayer (Eine Kranke) u.v.a.
Sächsischer Staatsopernchor Dresden
Sinfoniechor Dresden - Extrachor der Semperoper Dresden
Kinderchor der Sächsischen Staatsoper Dresden
Vocalconsort Berlin
Sächsische Staatskapelle Dresden
Premiere war am 29. September 2018.
Weitere Termine: 06., 10., 15.10.2018


Weitere Infos siehe auch: http://www.semperoper.de/


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de

Opernpremieren



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