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Premierenkritik

Musiktheater

als Installation



Herzog Blaubarts Burg an der Staatsoper Stuttgart | Foto (C) Matthias Baus

Bewertung:    



Von wegen Guckkastenbühne! Längst durchforsten die Theaterleute, kirre gemacht von SIGNA und Co., die Städte nach Räumen und Locations, die durch nichts an Theaterbauten der Vergangenheit erinnern, schleusen sie das Publikum durch begehbare Installationen und nötigen es zum Mitmachen. Das Musiktheater allerdings blieb bislang von dieser Entwicklung weitgehend verschont. Das hatte unter anderem technische Gründe – nicht jeder akustische Missstand lässt sich mit Mikroports beheben –, auch ist das Opernpublikum in der Regel konservativer als jenes im Sprechtheater, und wer möchte schließlich die Zuschauer mitsingen lassen. Das überlässt man Verona und dem Gefangenenchor aus Nabucco.

Nun aber hat die Stuttgarter Oper, noch ehe die bevorstehende Sanierung ihres Hauses in Angriff genommen wurde, zu Herzog Blaubarts Burg von Béla Bartók in die Riesenhalle eines aufgelösten Paketpostamts unweit der klaffenden Baustelle von S21 eingeladen. Das Publikum wird in Kojen von „Zeremonienmeisterinnen“ in die Blaubart-Problematik eingeführt – warum lieben sich Menschen, die so gar nicht zusammenpassen? – und dann, versehen mit Leihstiefeln, durch einen überschwemmten Raum an seine Plätze gebracht, während Stimmen geheimnisvoll in ungarischer Sprache aus den Lautsprecherboxen flüstern. Die Zuschauerreihen umsäumen die Spielfläche von Hans Op de Beeck, der auch für die Regie zuständig ist: einen Steg mit schwarzen Ballons im Wasser, umgeben von kahlen Bäumen, Booten, Tonnen mit Feuer auf Sandbänken im Halbdunkel, kurz, eine trostlose Landschaft wie von Tarkowski. Das Orchester sitzt ebenfalls auf einem Podium, gut sichtbar dirigiert von Titus Engel.

Dieser Dirigent kommt, ebenso wie der Blaubart Falk Struckmann, mit dem Fahrrad an seinen Arbeitsplatz. Claudia Mahnke, die die Judith – übrigens ebenso wie Struckmann: ganz vorzüglich – singt, muss zu Fuß auftreten, aber sie ist ja ohnedies die Verliererin in dieser Kurzoper.

Der so oft variierte Blaubart-Stoff lässt sehr unterschiedliche Interpretationen zu. Man kann ihn verstehen als kritische Darstellung des Patriarchats, der Disziplinierung der Frau durch Verbote und blutige Grausamkeit. Man kann in ihm aber auch ein Motiv entdecken, das er mit Lohengrin teilt, mit dem die Stuttgarter Spielzeit eröffnet wurde: dass es ins Unheil führt, wenn man, wie Elsa oder Judith, das Recht auf Autonomie nicht anerkennt. Demnach wäre die Verbotsübertretung Ausdruck mangelnden Respekts vor der Privatsphäre, auch vor dem Recht auf ein Geheimnis, ein Bild also für die „Tyrannei der Intimität“ (Richard Sennett). Judith insistiert auf einer Wahrheit, deren Schrecken sie ahnt. Fürwahr, psychologisch ist Herzog Blaubarts Burg ein Abgrund. Der Librettist Béla Balázs war noch ein Zeitgenosse von Sigmund Freud.

Es passiert so gut wie nichts in Bartóks einziger Oper von 1911. Die Stuttgarter Inszenierung hat den Vorzug, durch ihre Statik die Musik voll zur Geltung kommen zu lassen. Nichts lenkt ab von dem gesungenen Dialog und von der klanglichen Differenzierung im Orchester. Dass es nicht im Graben sitzt, ist vielleicht der größte Gewinn, den die Übersiedlung ins Paketpostamt erbracht hat.




Herzog Blaubarts Burg an der Staatsoper Stuttgart | Foto (C) Matthias Baus

Thomas Rothschild – 3. November 2018
ID 11011
HERZOG BLAUBARTS BURG (Paketpostamt, 02.11.2018)
Musikalische Leitung: Titus Engel
Installation, Regie, Kostüme & Licht: Hans Op de Beeck
Dramaturgie: Barbara Eckle und Julia Schmitt
Mit: Falk Struckmann (als Herzog Blaubart) und Claudia Mahnke (als Judith)
Staatsorchester Stuttgart
Premiere an der Staatsoper Stuttgart: 2. November 2018
Weitere Termine: 04., 09., 11.11.2018
Koproduktion mit dem Studio Hans Op de Beeck


Weitere Infos siehe auch: https://www.oper-stuttgart.de/


Post an Dr. Thomas Rothschild

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