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Premierenkritik

Auf der Suche

nach Gold

und Glück



La fanciulla del West an der Oper Leipzig | Foto (C) Tom Schulze

Bewertung:    



Angesiedelt in einem einsamen Goldgräbercamp im Wilden Westen zeigt es eine Gemeinschaft der Einsamen und Suchenden. Beherrscht wird diese Männerwelt von einer klaren Hierarchie mit Sheriff Jack Rance an der Spitze. Inmitten der rauen Gesellschaft: Kneipenbesitzerin Minnie, eine starke Power-Frau, die sich notfalls mit dem Colt gegen die Männer zu behaupten weiß und ihnen regelmäßig aus der Bibel vorliest. Als plötzlich ein undurchsichtiger Fremder dieses abgeschottete Universum betritt, gerät die scheinbare Ordnung ins Wanken.

Die kaum gespielte Wildwest-Oper La fanciulla del West bietet aufgrund ihres Handlungsorts viel Kitschpotenzial, jedenfalls dann, wenn versucht wird ein Breitwand-Opus im Western-Look auf die Bühne zu bringen. Das macht Regisseur Cusch Jung zum Glück aber nicht. Statt Kitsch mit Karo-Hemden und Cowboyhut zu zeigen, versetzen er und Bühnen- und Kostümbildnerin Karin Fritz das Stück in die heutige Zeit in eine Art Fabrik oder Tagebau, in dem die Männer ihrer harten Arbeit nachgehen. Mit Kartenspiel und Whisky vertreiben sie die Zeit und versuchen sich von ihrer Sehnsucht nach der Heimat abzulenken. Minnies kleine Holzhütte, in der sie den angeschossenen Fremden Dick Johnson vor dem Sheriff versteckt, ist der einzige kleine Fingerzeig in Richtung Wildwest.

Wie auch schon in Tosca oder seinem Opern-Zweitling Edgar entwirft Puccini eine spannungsreiche Dreiecksgeschichte um die Hauptfiguren. Allerdings ist der Held hier der gesuchte Anführer eine Räuberbande und will eigentlich das Gold aus dem Camp stehlen, und der scheinbar "böse" Sheriff zeigt - im Gegensatz zum machtgeilen Scarpia - durchaus menschliche Züge. Die Grenzen zwischen Gut und Böse bzw. good guy und bad cop werden aufgeweicht und verschwimmen. Und im Gegensatz zu den meisten Puccini-Opern gibt es hier tatsächlich ein Happy End in allerletzter Minute - und das sogar ohne Tote; Dick und Minnie bekommen quasi die Chance, die Cavaradossi und Tosca nie hatten.

Mit der Rolle der Minnie kreiert Puccini einen neuen, emanzipierten Frauen-Typus, der von den Männern als eine Mischung aus Mutterersatz, Heilige und sexuelle Projektionsfläche angesehen wird. Meagan Miller singt und spielt sie überzeugend mit viel Vitalität und Herzenswärme. Ihr Sopran klingt warm und ausgeglichen, klug dosiert die dramatischen Ausbrüche. Gaston Rivero, der bereits die letzte Spielzeit als Don Carlo eröffnete, singt mit weichem, heldischem Tenor einen lässig-unangestrengten Dick Johnson. Was die Rollengestaltung anbelangt, so hätte man sich hier mehr Verwegenheit und Undurchsichtigkeit gewünscht. Zu nett und durchschaubar wirkt sein Bandit.

Differenziert ist der Sherriff von Simon Neal, mit durchschlagskräftigem Bariton und vielen Nuancen zeichnet er das Bild eines durchaus menschlichen Widersachers, weit weg von einem pistolenschwingenden Scarpia.

In markanten Nebenrollen runden u.a. Patrick Vogel, Randall Jakobsh oder Jonathan Michie das Bild ab, der Männerchor bietet eine gewohnt sehr gute Leistung.

*

Warum wird die Oper so selten gespielt? An der Musik kann es nicht liegen, man hört sofort, dass es Puccini ist. Das Stück ist voller wunderbarer, süffiger Melodien, unglaublich packend und mit immer wieder durchschimmernden Leitmotiven, manchmal fast veristisch grell, jedoch ohne Arien-Hits wie in Tosca oder La Bohéme. Dazu kommen noch Pistolenschüsse oder ein pfeifender Schneesturm. Überhaupt ist die Musik unglaublich bildhaft und fast schon kinoartig.

Insgesamt ein sehr komplexer und anspruchsvoller Orchesterpart, dessen mal impressionistische, mal brutale Farben und teilweise kühne Harmonien vom Gewandhausorchester unter der Leitung von Ulf Schirmer mit satten Klängen, wohldosierten Ausbrüchen und Präzision zum Klingen gebracht werden. So darf es am Anfang (im knappen aber eindrucksvollen Vorspiel) oder bei Tumultszenen lautstärkemäßig ordentlich knallen, doch nimmt Schirmer das Orchester immer wieder zugunsten der Sängerstimmern zurück und schafft so kleine, fast lyrische Momente.

* *

Wenn man so wie hier in Leipzig La fanciulla del West von jeglichem sentimentalen Western-Kitsch entpackt, ohne Holzhammer-Methode modernisiert und die wesentlichen Elemente herausfiltert, ist die Oper heutzutage problemlos spielbar. Schon allein wegen der fantastischen Musik Puccinis ist diese Inszenierung absolut hörens- und sehenswert!



La fanciulla del West an der Oper Leipzig | Foto (C) Tom Schulze

Eva Hauk - 30. September 2018
ID 10946
LA FANCIULLA DEL WEST (Oper Leipzig, 29.09.2018)
Musikalische Leitung: Ulf Schirmer
Inszenierung: Cusch Jung
Bühne und Kostüme: Karin Feritz
Choreinstudierung: Thomas Eitler-De Lint und Alexander Stessin
Dramaturgie: Christian Geltinger
Besetzung:
Minnie ... Meagan Miller
Wowkle ... Christiane Döcker
Jack Rance ... Simon Neal
Dick Johnson ... Gaston Rivero
Nick ... Patrick Vogel
Ashby ... Randall Jakobsh
Sonora ... Jonathan Michie
Trin ... Matthew Peña
Sid ... Franz Xaver Schlecht
Bello ... Viktor Rud
Harry ... Tyler Clarke
Joe ... Sven Hjörleifsson
Happy ... Jakob Kunath
Larkens ... Roland Schubert
Billy Jackrabbit ... Artur Mateusz Garbas
Jake Wallace ... Sejong Chang
José Castro ... Jean-Baptiste Mouret
Ein Postillon ... Tae Hee Kwon
Chor der Oper Leipzig
Gewandhausorchester Leipzig
Premiere war am 29. September 2018.
Weitere Termine: 03., 06., 28.10. / 10., 24.11. / 02.12.2018


Weitere Infos siehe auch: http://www.oper-leipzig.de


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