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Premierenkritik

Walzertraum und

Charlestonglück



Die Herzogin von Chicago in der Musikalischen Komödie Leipzig | Foto (C) Kirsten Nijhof

Bewertung:    



Mittlerweile hat es fast schon Tradition, dass die Musikalische Komödie Leipzig unbekannte Werke ausgräbt und auf die Bühne bringt, so auch diese Spielzeit. Den Anfang macht Emmerich Kálmáns Herzogin von Chicago", die seit ihrer Uraufführung 1928 einen fast 90jährigen Dornröschenschlaf hielt, ehe sie auch in Leipzig zu neuem Leben erweckt wurde.

Kálmán illustriert in dieser Operette mit musikalischen Mitteln den Clash der Kulturen: Tradition gegen Moderne, altes Europa gegen neue Welt, Jazz gegen Walzer, Money gegen Monarchie. Ausgetragen wird dieser Wettstreit von der amerikanischen Milliardärstochter Mary Lloyd, die in Europa auf Shopping-Tour und auf der Suche nach etwas ganz Besonderem ist. Fündig wird sie in Form eines alten Schlosses im bankrotten Balkanstaat Sylvarien. Doch das Schloss gehört dem traditionsbewussten Erbprinzen Sándor, der nicht viel von Charleston und verwöhnten Milliardärstöchtern hält. Bald schlägt sein Herz jedoch im Dreivierteltakt für Mary, der es ähnlich geht. Kann es ein Happy-End zwischen diesen beiden verschiedenen Welten geben?

*

Regisseur Ulrich Wiggers belässt das Stück in seiner Entstehungszeit, den Goldenen Zwanzigern, was szenisch ungemein reizvoll ist. Leif-Erik Heine hat dafür ein sehr wandelbares Bühnenbild im Art-déco-Stil entworfen sowie wunderbar prachtvolle und detailverliebte Kostüme. Egal ob Glitzerdress, Pseudofolklore, Freiheitsstatuen-Look, pailettenbesetzte Fracks oder Uncle-Sam-Anzug, hier hat sich die Kostümwerkstatt so richtig ausgetobt, jedes einzelne Stück ist ein echter Hingucker!

Doch nicht nur szenisch, sondern v.a. auch musikalisch ist das Stück ungemein reizvoll, voller Ohrwürmer und unerschöpflichem melodischem Erfindungsgeist. Denn Kálmán verquickt hier auf raffinierte Weise Walzer, Csárdás und andere traditionelle Elemente der sich damals ihrem Ende neigenden Operette mit neuen Rhythmen, Jazz und Slowfox. Daraus entsteht ein unwiderstehlicher Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Hier ein bisschen Gershwin, da ein verjazzter Beethoven, Anklänge an die MGM-Titelmelodie aber auch sentimentale Walzerseligkeit. Die Grenzen zwischen Operette, Revue und Musical verschwimmen und heraus kommt eine Revueoperette mit großen Shownummern, die bereits die Hollywood-Tonfilm-Musicals der 30er Jahre vorwegnimmt.

Dirigent Tobias Engeli spielt virtuos auf dieser Klaviatur unterschiedlicher Stile, brennt mit lockerer Hand und viel Leidenschaft ein musikalisches Feuerwerk ab und vereint Orchester, Chor, Jazzband, Geigen-Primas und den Kinderchor zu einem großen Ganzen.

Für die Titelrolle ist Lilli Wünscher sowohl stimmlich als auch darstellerisch die absolute Idealbesetzung schlechthin: Mit üppig-warmem, strahlendem Sopran und dem nötigen Drive spielt sie überzeugend die verwöhnte, kesse Amerikanerin, die jedoch schnell ihre Oberflächlichkeit hinter sich lässt. Die Rolle des Sándor Boris ist Radoslaw Rydlewski quasi auf den Leib geschrieben und er singt und spielt die Partie mit ungemein viel Leidenschaft, Hingabe und tenoralem Schmelz.

Laura Scherwitzl singt die Prinzessin Rosemarie mit hellem, klaren Sopran und genau der richtigen Dosis Komik und verdreht Jeffery Krueger, der wie immer mit frischem Tenor und Jungenhaftigkeit agiert, als Marys Privatsekretär James Bondy gehörig den Kopf.

Überhaupt sind die Sänger bei dieser Inszenierung tänzerisch stark gefordert, auch wenn das Ballett (Choreographie: Kathi Heidebrecht) natürlich den Großteil trägt und viel Gelegenheit hat, zu glänzen.
Doch auch die zahlreichen Nebenrollen sind bestens besetzt, von Milko Milev in einer herrlich komischen Doppelrolle als Benjamin Lloyd/König Pankraz über Justus Seeger als Tihanyi bis hin zu Ansgar Schäfer als Graf Bozajowitsch.

* *

Fazit: Als der Vorhang fällt, belohnt das Publikum alle Mitwirkenden mit tosendem Applaus, Bravi und Standing Ovations und zeigt, auch diese Ausgrabung der MuKo hat sich gelohnt, und wie! Sie ist bunt und unterhaltsam, charmant, nostalgisch, ein bisschen kitschig, gekonnt gesungen und getanzt und eigentlich würde man gerne noch länger zuhören. Eine großartige Ensembleleistung zu der man nur gratulieren kann, insofern sollte man sich dieses tolle Stück nicht entgehen lassen!




Die Herzogin von Chicago in der Musikalischen Komödie Leipzig | Foto (C) Kirsten Nijhof

Eva Hauk - 22. Oktober 2018
ID 10978
DIE HERZOGIN VON CHICAGO (Musikalische Komödie Leipzig, 20.10.2018)
Musikalische Leitung: Tobias Engeli
Inszenierung: Ulrich Wiggers
Bühne/Kostüme: Leif-Erik Heine
Chorleitung: Mathias Drechsler
Einstudierung Kinderchor: Sophie Bauer
Besetzung:
Mary Lloyd ... Lilli Wünscher
Sándor Boris ... Radolsaw Rydlewski
Prinzessin Rosemarie ... Laura Scherwitzl
James Bondy ... Jeffery Krueger
Benjamin Lloyd/König Pankraz XXVII. ... Milko Milev
Tihanyi ... Justus Seeger
Graf Bojazowitsch ... Ansgar Schäfer a.G.
Marquis Perolin ... Tobias Latte
Graf Negresco ... Peter Waelsch
Baron Palssy ... Björn Grandt
von Börösházy/Charlie Fox ... Roland Otto
von Körvessy ... Richard Mauersberger
Kompotty ... Uwe Kronberg
Young Ladies Eccentric Club ... Emilie Cattin, Laura Dominijanni, Feda Dündar, Irem Erden und Hanna Sech
Loulou ... Emilie Cattin
Joujou ... Tatiana de Sousa
Primas ... Thomas Prokein a.G.
Cymbal-Spielerin: Enikö Ginzery a.G.
Trompeter: Torsten Rösch
Kinder des Kinderchores der Oper Leipzig
Komparserie der Musikalischen Komödie
Ballett, Chor und Orchester der Musikalischen Komödie
Premiere war am 20. Oktober 2018.
Weitere Termine: 27., 28., 31.10. / 21.11. / 04., 22., 23., 25.12.2018 // 19., 20.01.2019


Weitere Infos siehe auch: https://www.oper-leipzig.de/de/musikalische-komoedie


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Premierenkritiken



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