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Konzertkritik

Konzert anlässlich des 80. Jahrestags

der Reichspogromnacht vom

9. November 1938

mit der KADDISH-Sinfonie von Leonard Bernstein
Bewertung:    



"Das jüdische Leben in Berlin ist 2018, acht Jahrzehnte nach den Novemberpogromen, so vielfältig, wie niemand es sich nach dem 2. Weltkrieg vorstellen konnte. Die Erinnerung an die Vernichtung jüdischen Lebens trifft heute auf eine dynamische jüdische Gemeinde und Zivilgesellschaft. In Religion, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und nicht zuletzt der Kultur gestalten Jüdinnen und Juden unsere Gesellschaft mit, in Berlin und weit darüber hinaus."

(Walter Homolka, Chairman der Leo Beck Foundation / Quelle: Programmheft)

So positiv reflektierend wie Prof. Walter Homolka möchte sich Volker Beck in seiner Eröffnungsrede nicht äußern. Der ehemalige innenpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Grünen verfehlt mit seinen anklagenden und warnenden Worten den Geist solch einer Gedenk- und Konzertveranstaltung. Man ist überrascht über die platte Aussage, dass man bei Schwulen- und Judenwitzen aufstehen und intervenieren sollte. Das Problem sind doch nicht die Witze, sondern dass unsere Gesellschaft offensichtlich nicht mit dem Thema umgehen kann – The map is not the territory! Wirklich hanebüchen wird es, wenn er jedwede Kritik am Staat Israel die Legitimation abspricht. Wo Beck sich in seiner Arbeit für die F. Foundation für Suchtprävention und -aufklärung gegen das Drogentabu auflehnt, versucht er bei diesen Thema Tabus zu reklamieren.

Ein für mich doch etwas ärgerlicher Beginn, und so braucht es Zeit sich auf das Konzertprogramm einzulassen...

*

Felix Mendelssohn Bartholdy hat die Psalmen 42 und 95 meisterlich vertont. Der Berliner Konzert Chor braucht eine Weile, um die volle Weite des wunderbaren Schinkelschen Konzertsaales auszufüllen. Anne Bretschneider mit ihrem wunderbar hellen und emphatischen Sopran haucht dem Abend dann endlich etwas Leichtes und Festliches ein. Sehr emphatisch ist ihr Vortrag, aber dadurch gelingt es hervorragend, die alttestamentliche Vorlage heute und hier verständlich genießen zu können.

Nach der Pause Bernsteins Kaddish - leider fehlen im Programmheft erläuternde Hintergründe zu diesem Werk: 1963 schrieb Leonard Bernstein seine 3. Symphonie (mit dem Titel Kaddish). Es heißt, dass er Zeit seines Lebens unzufrieden war mit dem Text. Die ursprüngliche Sprecherin änderte er schnell in einen Sprecher. Immer wieder gab es Änderungen. Schließlich bat Bernstein seinen Freund, den Holocaustüberlebenden Samuel Pisar, neue Worte zu finden. Dieser fühlte sich von diesem Wunsch Anfangs überfordert. 2003, drei Jahre nach Bernsteins Tod, wurde die Dritte Symphonie mit Pisars neuem Text in Chicago erfolgreich uraufgeführt und zwar mit Hilfe des Bernstein-Schülers und Dirigenten John Axelrod. Von all diesen Hintergründe erfahren wir heute Abend nichts, nicht mal welche Version eigentlich zur Aufführung kam. Das ist verwunderlich, ergibt sich doch hier ein wunderbarer Ansatzpunkt zum Anlass des Abends!

Das Stück beginnt mit dem Erzähler, der "Mein Vater" anspricht. Er möchte einen Kaddish beten. Nach der ersten Annäherung an den Vater im Gebet singt ein Chor sein Kaddisch auf Aramäisch. Der Sprecher am heutigen Abend ist Reiner Schöne. Er ist einer der wenigen deutschen Schauspieler mit einer internationalen Karriere - bekannt auch als Synchronsprecher von Star Wars, außerdem ist er seit den 1970er Jahren als Sänger in und mit seiner Band unterwegs. Er bringt viel Dramatik in die Sprecherrolle, versucht Narratives zu ergänzen, und das verträgt sich leider nicht mit der sprühenden narrativen Musik Bernsteins. Ja, die Musik erinnert an die ewige West Side Story; die wurde Bernstein schon zu Lebzeiten nicht los. Aus seiner Sicht wurde sein Schaffen oft auf dieses Werk reduziert. Und das ist in der Tat nicht richtig, wie die heutige Aufführung seiner Kaddish-Sinfonie zeigt. Die vier Chöre werden in unterschiedlich Settings bespielt. In den Tuttis singen die fast 200 Sängerinnen und Sänger zusammen, das ist großartig und gerade durch die Kinderchöre sehr berührend. Jan Olberg, der Dirigent der Aufführung, hat alle Hände voll zu tun, diesen riesigen Klangapparat in den Griff zu bekommen. Das gelingt nicht immer, kann aber auch nicht der Anspruch bei einer Kooperation so unterschiedlicher Ensembles sein.


* *

Zurück bleibt dann leider doch das ungute Gefühl der Rede von Volker Beck und die Erkenntnis, dass die Dramaturgie dieses Abends etwas zu kurz gekommen ist.
Steffen Kühn - 11. November 2018
ID 11035
BERLINER KONZERT CHOR (Konzerthaus Berlin, 09.11.2018)
Konzert anlässlich des 80. Jahrestags der Reichspogromnacht vom 9. November 1938

Felix Mendelssohn Bartholdy: Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser - Der 42. Psalm für Soli, Chor und Orchester op. 42
- Kommt, lasst uns anbeten - Der 95. Psalm für Soli, Chor und Orchester op. 46
Leonard Bernstein: Sinfonie Nr. 3 (Kaddish) für Orchester, gemischten Chor, Knabenchor und Sopran-Solo
Anne Bretschneider, Sopran
Claudia Erdmann, Mezzosopran
Christopher Bradley, Tenor
Reiner Schöne, Sprecher
Berliner Konzert Chor
Berliner-Konzert-Nachwuchschöre:
- Die Primaner
- Händelkinderchor
- Löwenkinder-Chor
Berliner Konzert Orchester
Dirigent: Jan Olberg


Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinerkonzert.org


Post an Steffen Kühn

http://www.hofklang.de

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