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Feuilleton

TFF Rudolstadt 2014

Finale


Bewertung:    



Das war es mal wieder, das 24. TFF Rudolstadt ist Geschichte. Vier Tage voller Musik, Tanz und Sonne satt. Das brachte dem Festival trotz großer Konkurrenz durch die Fußball-WM mit 87.300 fast 1.800 Besucher mehr ein als im letzten Jahr. Und da wir schon bei den Zahlen sind - beim sommerlich heißen Wetter flossen immerhin 25.000 Liter Bier so manch durstige Kehle hinunter. Es ist sicher müßig, die Zahl der vertilgten Thüringer Rostbratwürste zu erwähnen, und so sei es dann auch genug mit der Statistik. Den nüchternen Zahlen und Fakten stand wiedermal jede Menge lebendiger, vielfältiger Musikkultur aus allen Teilen der Welt gegenüber.

*

Besonders der afrikanische und lateinamerikanische Kontinent wussten mit dem Länderschwerpunkt Tansania sowie Bands aus Mexico, Chile und Brasilien zu überzeugen. Die brasilianischen Sambagruppen wie Samba de roda do Dona Nicinha oder Ailton Silva + Aja Brasil brachten nicht nur das Publikum im Tanzzelt zum Schwitzen. Nachdem Freitag schon die Chilenen um die Sängerin Kali Mutsa durchstarteten, mixte am Samstag das Mexican Institute of Sound unter DJ und Produzent Camilo Lara auf der Konzertbühne im Heinepark traditionelle kolumbianische Cumbia mit Dub- und modernen Elektrobeats aus Mexico-City. Anschließend verzauberte der türkische Künstler Mercan Dede zur späten Stunde das Publikum vor der großen Bühne im Heinepark. Der in Kanada lebende Performer tanzte zu traditionell orientalischer Musik und drehte sich auch zu meditativen Klängen im Kostüm eines türkischen Derwischs. Ein Zusammentreffen von moderner, körperbetonter Choreografie mit mystischen Sounds, Breakbeats und viel künstlichem Nebel.

Bei den zahlreich erschienenen Bands aus dem ostafrikanischen Tansania fiel vor allem die rein weiblich besetzte Ufunuo Muheme Group mit ihrer von Djembés und Gesang begleiteten Tanzshow auf. Die traditionelle Trommel ist immer noch eines der bestimmenden Rhythmusinstrumente in der Musik Afrikas. Aber auch andere Klänge mischen sich zunehmend in den elektrisierenden Sound der Musikszene v.a. in und um die Großstadtmetropole Dar es Salaam. Von dort kommen Kazimoto, die ihren scheppernden Casio-Sound mit Schlagzeug, treibendem Bass und den Elektrosamples und-loops der beiden DJs Gebrüder Teichmann verstärkten. Absolut tanzbar ist auch der Baikoko, der sich in den 90er Jahren als Partysound in den Straßenbars von Dar es Salaam entwickelt hat. Davon konnte man sich noch einmal am Sonntagnachmittag akustisch und vor allem auch visuell bei den aufreizenden, fast artistischen Einlagen der Musiker und Tänzerinnen von Kaya Baikoko im Park überzeugen.




Die Gebrüder Teichmann beim 24. TFF in Rudolstadt - Foto (C) Stefan Bock

Kaya Baikoko beim 24. TFF in Rudolstadt - Foto (C) Stefan Bock



Was sich an den ersten beiden Festivaltagen angedeutet hatte - zur Halbzeitbilanz waren v.a. gitarrenlastige Acts bestimmend - setzte sich am Samstag und Sonntag fort. Und das ist nach Jahren der Fiedeldominanz durchaus die Überraschung des Festivals. Neben dem speziell vorgestellten Magic-Instrument des Jahres, dem Bass, erobert sich die Gitarre nicht nur die Rock- sondern auch die Folkmusik zurück. Hierbei besonders hervorzuheben sind die umjubelten Auftritte der englischen Band Fink am Freitag und das Comeback von Judith Holofernes, Frontfrau der Berliner Band Wir sind Helden. Nach einer kleinen Pause auf dem heimischen Sofa, die die Sängerin nicht nur zum Schreiben lustiger Tiergedichte genutzt hat, meldete sie sich am Samstagabend stimm- und soundgewaltig mit neuer Band nach dem Motto: „Platz da!“ auf der großen Bühne des Heineparks zurück.

Wem das etwas zu poppig war, der konnte am Rande in der Stadt zum Beispiel beim Instrumentenbastler und witzigen Soundtüftler Silver Sepp fündig werden. Der Este musizierte auf einem aus einem Baumstamm gebauten Bass, trommelte auf einem alten Fahrradreifen und entlockte zusammengesteckten Abwasserrohren so manchen Klang, den er auch noch elektrisch verstärkt loopte. Auf der Heidecksburg war am Sonntagnachmittag eine Dame zu erleben, die englische Folkgeschichte geschrieben hat. Die Sängerin June Tabor gab ihr einziges Konzert in diesem Jahr gemeinsam mit der Oysterband, den Altmeistern der Folkszene auf der britischen Insel um Sänger John Jones. Es wurden neben englischen Traditionels und eigenen Stücken auch Coverversionen bekannter Songs von Bob Dylan, Fleetwood Mac, Velvet Underground, Joy Division und PJ Harvey gespielt.

Bei RUTH-Verleihung am Samstagabend auf der Heidecksburg brachte TFF-Preisträger Rainald Grebe sein komödiantisches Talent unter Beweis und konnte, wie schon vor einiger Zeit in Rudolstadt, mal wieder Volkslieder singen. Außerdem waren die Nachwuchspreisträger Liloba aus Leipzig zu sehen. Die Band macht das, was man im weitesten Sinne als Fusionsound bezeichnen würde. Der Leipziger Elektroniker Rafael Klitzing an den Turntables sowie als gemischtes Gesangsduo die Belgierin Elsa Grégoire und der Kongolese Pierre Kalonji Tumba bringen die Stile des französischen Chansons und der afrikanischen Beats mit moderneren Clubsounds zusammen. Einen fast noch interessanteren Mix haben die Hauptpreisträger der RUTH AlpenKlezmer zu bieten. Auch wenn man nicht alles versteht, die traditionell jüdische Musik mit bayrischem Gesang darzubieten ist in jedem Fall preisverdächtig und in diesem besonderen auch noch umwerfend witzig.




AlpenKlezmer beim 24. TFF in Rudolstadt - Foto (C) Stefan Bock



Zum Finale des Tanz und Folksfests am Sonntagabend auf der großen Bühne im Heinepark wurden dann wieder die Gitarren rausgeholt. Die aus Österreich stammenden Russkaja, was man stiltechnisch auch Rus Ska Ja! buchstabieren könnte, spielten ihr hartes Brett mit Bläsersektion und nacktem Oberkörper. Sänger Georgij Makazaria, einziger echter Russe im Team und wiedererstandener Ivan Rebroff der Speed-Metal-Polka animierte und formierte das Volk vor der Bühne zum großen Kollektiv. Es gab ein treibendes Ringelspiel, genannt Psychotraktor, immer wieder Wassergüsse fürs schwitzende Publikum und einige Lektionen in russischer Sprache. Da kann unsereins aus dem ehemaligen Osten noch ganz gut mithalten. Dass es dann auch irgendwann zu Ende ging, wollte mal wieder keiner so richtig wahr haben. Und so mussten, wie bereits in den letzten Jahren, die Plastikmüllcontainer im Park bis weit in die Nacht als strapazierfähige Ersatzpercussions herhalten.


Stefan Bock - 9. Juli 2014
ID 7952
Das 25. TFF Rudolstadt findet vom 2. bis 5. Juli 2015 statt. Der Länderschwerpunkt beschäftigt sich dann mit Norwegen. Die Skandinavier haben bekanntlich eine sehr rege und innovative Folkszene. Passend dazu werden der traditionelle Volkstanz Halling und andere norwegische Tänze vorgestellt. Das Magic-Instrument 2015 ist die Cister (auch Zitter oder Laute), ein altes deutsches Saiteninstrument und Vorläufer der Gitarre. Also dann bis zum nächsten Jahr in Rudolstadt. / s.b.

Weitere Infos siehe auch: http://www.tff-rudolstadt.de


Post an Stefan Bock

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