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Beseelt-

Besessene



Das ist Teodor Currentzis, der Gründer und Leiter des Spezialmusikensembles MusicAeterna aus Perm | Foto (C) Alisa Calipso for Malina / Bildquelle: teodor-currentzis.com

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Gestern Abend - angelegentlich der im Berliner Radialsystem V veranstalteten RADIALEN NACHT - war Unerhörtes zu erleben!

Teodor Currentzis, der z.Z. womöglich unglaublichste Dirigent der Welt, und MusicAeterna, "sein" noch viel unglaublicheres Spezialmusikensemble, machten einen Abstecher in die Berliner Holzmarktstraße 33.

Jene mehr oder weniger als private Initiative (auch durch Crowdfunding) erklärte Extra-Sause hatte (so vermuten wir ohne es freilich eindeutig zu wissen) Jochen Sandig, Miterfinder als wie Mitbetreiber dieser einzigartigen Kulturstätte in unsrer Hauptstadt, maßgeblich initiiert - wofür er sich dann auch verdienter Maßen von den künstlerischen als wie zuhörenden/zuschauenden Gästen nach dem eigentlichen Hauptteil der RADIALEN NACHT, der Darbietung der Werke Pärts und Bibers, Beethovens und Mozarts, feiern ließ. Das hatte sicher auch damit zu tun, dass Sasha Waltz & Guests und ihre "hauseigene" Kindertanzcompany mit optisch wahrnehmbaren Illustrationen bei der (Haupt-)Darbietung während der RADIALEN NACHT physisch zugegen waren [ein paar Stunden vorher ließen sie sich durch den Endlosschleifenklang, den DJ Acid Pauli seiner Technik im Studio A des 5. Obergeschosses entlockte, zu imposanten Gruppenimprovisationen motivieren]...

*

Vor drei Jahren erlebten wir Currentzis beim MUSIKFEST BERLIN 2013, da dirigierte er überhaupt das allererste Mal in der Hauptstadt. Bereits zu diesem Zeitpunkt eilte ihm der Ruf des bisher Unerlebten, Ungesehenen, ja und v.a. Unerhörten weit voraus:

"Wahre Umwälzungen geschehen nicht immer in den großen Zentren der Welt, nein, sie ereignen sich zuweilen auch hinter den Bergen und den Wäldern. Zum Beispiel im fernen Sibirien, wo der 1972 geborene griechische Dirigent Teodor Currentzis 2004 ein Originalklangensemble gründete, die MusicAeterna, und mit einer solchen Verve musizierte, dass man bald auch im Westen nicht mehr aus dem Staunen herauskam. Mittlerweile sind Currentzis und die Seinen nach Perm am Ural umgezogen, aber der bewegliche, durchsichtige Klang, die furiose Attacke und die originellen, temperamentvollen Interpretationen sind ihr Markenzeichen geblieben." (Quelle: radialsystem.de)

*

Psalom von Arvo Pärt hat ungefähr das Feeling des berühmt-berüchtigten und schmalzig-schönen Barber-Adagios - was das Werk von jenem überdeutlich unterscheidet ist sein fast schon abweisendes Traurigsein. Die hochgenialen Streicher von MusicAeterna intonieren diese audiale Trauer derart leise und geradlinig, dass einem schon, beim konzentrierten Hören, anschwellender Tränenfluss sogleich durch eine Art von frostiger Erstarrung weggefriert; ein merkwürdiger "Ausgleich" des Gefühls. Currentzis fordert bei der Ausführung des unbeschreiblich-tiefen Stücks dermaßen langanhaltende Zäsuren, dass man hätte fürchten können aus Psalom mit einem Male "auszusteigen", einen Anschluss von dem Einen zu dem Nächsten unausweichlich zu verpassen...

Nach der Eisesruhe folgten Feuersbrünste, denn:

Die auch als "Schlachtengemälde" überlieferte Biber'sche Battalia - mit vielem, großem Aufstampfen und jeder Menge (absichtlich vom Komponisten erfundener) schräger Tönen - ist nunmehr ganz und allein in ausschließlicher Hand und Obhut der Orchestermusiker; der Dirigent hat sich inzwischen in den Hintergrund begeben. Afanasil Chupin, der Konzertmeister der Truppe, wuselt und wirbelt hin und her und auf und ab. Dabei sind seine Einsatzgebungen von einer schier stiletthaft anmutenden Präzision, dass man vermeinte einem tanzenden Chirurgen bei der Arbeit zuzusehen.

Hat man je die Beethoven'sche "Schicksalssinfonie" in einem solchen Affenzahn und überdies voll solcher lichtblendender Zuversicht und guter Laune musizier'n erlebt wie jetzt und hier mit diesen von Musik und (s)einer weiterführenden Idee beseelten und besessenen Ausnahmekünstlern?! Nach nicht einmal einer halben Stunde Spieldauer gibt es kein Halten mehr im ausverkauften Radialsystem; die Leute toben vor Begeisterung. [Ich fragte mich danach (noch immer völlig außer mir und hyperzitternd), ob ich vielleicht einem kollektiven Akt verübten Exorzismus' (das will sagen: an mir selbst; weil ich so langanhaltend "nachzitterte") beigewohnt hätte. Der suggestive Fremdeinfluss, der sich doch überkräftig meines eigentlich mehr insgeheimen Innenlebens voll bemächtigte, schien gar in überirdische "Gefährlichkeiten" auszuufern.] Vorsicht ist bei den Begegnungen mit diesen singulär Beseelt-Besessenen in allerhöchstem Maße angesagt!!

Und nicht genug damit, dass sie mit ihrem Beethoven die Leute außer Rand und Band geraten lassen, setzen sie dann fast noch einen drauf: Die extrovertierte Weltstargeigerin Patricia Kopatchinskaja (die außer mit zig Weltorchestern, -dirigenten ganz bevorzugt mit Currentzis und MusicAeterna ab und an zusammenarbeitet) nimmt sich das fünfte Violinkonzert von Mozart kurzerhand zur Brust. Das reichert sie dann in einer ihr eig'nen Ausgeflipptheitslaune abenteuerlich und nicht gerade unverwegen mit Kadenzen sowie Übergängen an, die man getrost als Exaltierperformance hätte einschubladen können.

Was für ein Spektakel!



Teodor Currentzis © Alice Calypso für Malina | Bildquelle: radialsystem.de

Andre Sokolowski - 17. Januar 2016
ID 9082
RADIALE NACHT (Radialsystem V, 16.01.2016)
Arvo Pärt (geb. 1935): Psalom
Heinrich Ignaz Franz Biber (1644-1704): Battalia D-Dur, c.61
Ludwig van Beethoven (1770-1827): Sinfonie Nr. 5 c-Moll, op. 67
Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791): Violinkonzert Nr. 5 A-Dur KV 219
Patricia Kopatchinskaja, Violine
MusicAeterna
Dirigent: Teodor Currentzis
Tanz: Sasha Waltz & Guests
Kostüme: Esther Perbandt
Eine Veranstaltung von Andreas Richter Cultural Consulting, RADIALSYSTEM V und Sasha Waltz & Guests, mit freundlicher Unterstützung der Aventis Foundation und der Radial Stiftung

http://www.teodor-currentzis.com
http://www.sashawaltz.de


Weitere Infos siehe auch: http://www.radialsystem.de


http://www.andre-sokolowski.de

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