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Rezension

In der Mitte eine Leerstelle

Mozarts DON GIOVANNI


Bewertung:    



Vor ziemlich genau zweieinhalb Jahren sorgte Regisseur Benedikt von Peter an der Staatsoper Hannover mit seiner Inszenierung von Verdis La Traviata für Furore. Seine Sichtweise der Lebensgeschichte der Prostituierten Violetta Valéry - sie schaffte es ausschnittsweise sogar in den ARD-Tatort - kann mit Fug und Recht als ein Meilenstein der Musiktheaterregie bezeichnet werden. Mutterseelenallein stand Nicole Chevalier als Violetta auf der Bühne und haderte mit sich und ihrem Schicksal. In seiner Inszenierung von Mozarts Don Giovanni, die im Mai Premiere an der Staatsoper feierte, hat von Peter die Vorzeichen gewissermaßen umgedreht und einfach mal den Hauptdarsteller gestrichen. Natürlich singt Brian Davies die Titelpartie und steht auch auf der Bühne, aber er ist nicht zu sehen. Stattdessen wird der Ablauf der Ereignisse größtenteils aus seiner Sicht gezeigt – mittels Videokamera.

Das klingt schwierig und ist es auch. Wie inszeniert man alle Figuren um einen quasi nicht präsenten Hauptdarsteller herum? Die Bühne wird dominiert von einer fast portalfüllenden Projektionsfläche, neben der links und rechts zwar noch Auftritte möglich sind, die aber die Sicht auf den Bühnenraum dahinter versperrt. Spielfläche bleibt so der schmale Streifen vor der Rampe und Teile der Vorderbühne. Ein Großteil der Vorstellung wird hinten auf der Bühne abgefilmt und live auf diese Leinwand projiziert. Es wird der Eindruck erweckt, Don Giovanni filme seine Umgebung aus dem Verborgenen heraus. Das gibt sehr interessante Effekte, etwa wenn in Großaufnahme gezeigt werden kann, dass der eine oder andere sich bedroht fühlt. Natürlich sind es vor allem die Damen, die Don Giovannis Anwesenheit zu spüren scheinen. In Szenen, in den Don Giovanni mit von der Partie ist, sieht der Zuschauer stets nur seine behandschuhte Hand, die immer den Kontakt zur Haut von Donna Anna, Donna Elvira oder Zerlina sucht. Und man sieht auch, dass diese sich durchaus gerne von ihm berühren lassen und unter seiner Berührung dahinschmelzen.

Es geht um die Sehnsucht nach körperlicher Nähe, um sexuelle Lust. Da kann Don Ottavio noch so rein und unschuldig beteuern, dass er Donna Anna rächen und ihre Entscheidung in Bezug auf eine gemeinsame Zukunft abwarten will. Sie ist ohnehin längst im Bann von Don Giovanni. Und dieses Bild fängt die Tatsache, dass der Zuschauer alle Ereignisse hinter der Leinwand nur aus der subjektiven Perspektive von Don Giovanni sieht, durchaus ein. In diesem Sinne sehr gelungen dann auch das Fest, zu dem Don Giovanni am Ende des ersten Aktes einlädt und zu dem auch Don Ottavio, Donna Elvira und Donna Anna als Überraschungsgäste hinzukommen: Es handelt sich schlicht und weg um eine Orgie. Auf der Leinwand sind abgefilmte nackte Körper zu sehen, ästhetisch ansprechend aufbereitet. Auf der Bühne wird so etwas gerne sehr peinlich. Und die berauschende Atmosphäre rund um Don Giovanni ergreift nicht nur die Frauen: Während das Fest seinen Verlauf nimmt, tauchen Don Ottavio und Zerlinas Ehemann Masetto immer mal wieder vorne auf der Bühne auf – jedes Mal mit weniger Kleidung am Körper und jedes Mal tauchen sie wieder in der unsichtbaren Menge ab, magisch von ihr angezogen.

Man kann Regisseur von Peter nicht absprechen, dass er um Abwechslung vom Projektionsmodus bemüht ist: Mal hat Leporello die Kamera und singt hinein, mal wird von hinten durch die Projektionsfläche (offensichtlich ein dicht gewebter Stoff) gefilmt, wie jemand davor entlanggeht. Mal finden Auseinandersetzungen vorne auf der Bühne statt, mal krabbeln die Protagonisten unter der Leinwand hindurch (um dann von hinten wieder zurückgezogen zu werden). Dennoch sind diese Versuche, sich vom beherrschenden Abfilmmodus zu lösen, nicht immer überzeugend. Bemerkenswert ist allerdings das Talent, das alle Sänger vor der Kamera zeigen. Bemerkenswert auch auf inhaltlicher Ebene: Durch die veränderte Wahrnehmung achtet man plötzlich wieder stärker auf die Handlung und den Text. Und siehe da: Don Giovanni ist an vielen Stellen erstaunlich explizit, wenn es um körperliche Lust geht.

Das Publikum war begeistert. Der Ansatz, Don Giovanni beinahe ohne Hauptdarsteller zu inszenieren, ist interessant, jedoch wirkt es so, als sei Benedikt von Peter ein wenig der eigenen Konzepthaftigkeit erlegen. Dennoch: ausnahmslos toll gesungen, musiziert und gespielt. Ein Sonderlob gebührt Shavleg Armasi als Leporello, der in Don Giovannis Abwesenheit den Bühnenraum beherrscht. Er fungiert als eine Art Vermittler zwischen Publikum und restlicher Szenerie, ist der eigentliche Zeremonienmeister des Abends. Ohne seine szenische Präsenz wäre die Aufführung um vieles ärmer.


Karoline Bendig - 30. Juni 2014
ID 7934
DON GIOVANNI (Staatsoper Hannover, 19.06.2014)
Musikalische Leitung: Benjamin Reiners
Inszenierung: Benedikt von Peter
Bühne: Katrin Wittig
Kostüme: Geraldine Arnold
Licht: Susanne Reinhardt
Video: Bert Zander
Choreinstudierung: Dan Ratiu
Dramaturgie: Klaus Angermann
Live-Kamera: Jonas Schmieta
Mit: Brian Davis (Don Giovanni ), Dorothea Maria Marx (Donna Anna), Abdellah Lasri (Don Ottavio), Michael Dries (Komtur), Monika Walerowicz (Donna Elvira), Shavleg Armasi (Leporello), Daniel Eggert (Masetto) und Heather Engebretson (Zerlina)
Chor der Staatsoper Hannover
Niedersächsisches Staatsorchester Hannover
Premiere war am 17. Mai 2014
Weitere Termine: 4., 20. + 25. 7. 2014


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatstheater-hannover.de


Post an Karoline Bendig



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