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Opernkritik

Manons Spiel

mit dem Feuer



Manon Lescaut am Theater Osnabrück | Foto (C) Jörg Landsberg

Bewertung:    



Walter Sutcliffe, der die Puccini-Oper Manon Lescaut am Theater Osnabrück inszeniert hat, versetzt die Handlung in ein Setting, das sich daran versucht, dem Komponisten und seinem Werk ein Denkmal zu setzen. So finden sich hier die klassischen Elemente des von Puccini vertretenen Verismus wieder: Ein gesteigerter Realismus, impulsive Handlungen der Akteure sowie die ungeschönte Darstellung von Gewalt. Was bei dieser Inszenierung progressiv wirkt, ist tatsächlich also das ambitionierte Vorhaben, den Stoff in den Kontext der künstlerischen Strömung der Entstehungszeit zu transportieren. Sutcliffe bricht so mit heutigen Konventionen und wagt eine eigenwillige Inszenierung des Vier-Akters, dessen Fokus ungewöhnlich schnörkellos und brutal wirkt.

Die Handlung zeichnet ein Bild ausgeprägten Frauenhasses, der diese zu Lustobjekten degradiert und die naive Manon (Lina Liu) zielstrebig in ihr Unglück laufen lässt. Dem reichen Geronte de Ravoir (José Gallisa), der zunächst eher väterliche Gefühle für die 18jährige hegt, wird sie sexuell hörig, da dieser sie mit teuren Geschenken überhäuft. Ihre Vorliebe für das derart luxuriöse Leben wird ihr zum Verhängnis, denn sie entschließt sich, mit dem mittellosen Studenten Renato Des Grieux (Jeffrey Hartman), dem sie zwar nicht ihre Unschuld dafür aber ihr Herz schenkt, der Enge zu entfliehen. Ein fataler Fehler, da Geronte sich in seiner männlichen Eitelkeit gekränkt fühlt und Manon für diesen Verrat buchstäblich bluten lässt.

Walter Sutcliffe teilt die Bühne in zwei Handlungsebenen und präsentiert die tragische Geschichte der jungen Manon Lescaut wie einen Stummfilm in einem Kino, ebenfalls eines der Kulturgüter, das zur Zeit Puccinis von veristischen Darstellungen geprägt wurde und so den Brückenschlag zur Lebens- und Erfahrungswelt des Komponisten darbietet. Die Sozialkritik des ausgehenden 19. Jahrhunderts wird hier zeitlos: Die Kinobesucher, eine Gesellschaft grauer und uniform gekleideter Herren, die bewusst in Gegenwart und Vergangenheit gleichermaßen verortet werden können, zeigt, dass sich mancherlei Gepflogenheiten bis heute nicht maßgeblich geändert haben. Vor der Leinwand bedienen Kellnerinnen in knapp geschnittenen Bunny-Kostümen, die sie als Lustobjekte deklarieren. Während die Bedienungen zunächst nur von lüsternen Blicken der anwesenden Herren gestreift werden, kommt es alsbald zu Handgreiflichkeiten, und die zunehmend angespannte Situation eskaliert schließlich in erniedrigenden Übergriffen und letztlich in Missbrauchsfällen brutalster Art.

Die dramatische Situation lässt schließlich die Grenze zwischen dem Geschehen vor der Leinwand und der Misere Manons verwischen. Die Ebenen werden vertauscht und stellen das Schicksal der verführten und gepeinigten Manon in den Mittelpunkt des Geschehens. Blutüberströmt und mit zerrissenen Kleidern bleibt sie als Sinnbild alleine auf der Bühne zurück. In der Ferne ihr Geliebter Renato, der um seine große Liebe trauert, der er selbst im Angesicht des Todes nicht wirklich nahekommen kann.

Wenngleich der darstellende Part der Inszenierung – Respekt für die kompromisslose Umsetzung durch die Mitwirkenden – ein wenig verstörend wirkt, überzeugen das Orchester unter Leitung von Andreas Hotz und die Solisten auf ganzer Linie. Eine raffinierte, und durch den grandios abgestimmten Chor unterstützte, imposante Melodik sorgt für wahren Hörgenuss und ein lang nachhallendes Echo orchestraler Leidenschaft. Die Sopranistin Lina Liu spielt nicht nur die Rolle der Manon gekonnt, sondern brilliert auch gesanglich und trägt so die gesamte Handlung ausdrucksstark und emotionsgeladen. Ihr zur Seite steht der Tenor Jeffrey Hartman als Renato Des Grieux, der sich von seinem Husten unbeeindruckt zeigt und scheinbar mühelos durch seinen Teil der Partituren gleitet.

Sicherlich lobenswert ist der Grundgedanke, welcher der gesamten Inszenierung zugrunde lag. Dennoch scheint die unerwartete und groteske Darstellung der sexuellen Gewalt und zudem brutal stilisierte Wollust die zarten Rezeptionsgewohnheiten des Publikums überstrapaziert zu haben. Das Szenario wirkt als starker Kontrast zu der melodischen, musikalischen Untermalung, der schwungvollen Ausschmückung durch die Musiker und dem romantisch anmutenden Libretto, wodurch Sutcliffes ambitionierte Regie – leider - einen bedrückenden Beigeschmack hinterlässt und zu selektivem Operngenuss verleitet.



Manon Lescaut am Theater Osnabrück | Foto (C) Jörg Landsberg

Sina-Christin Wilk - 11. Februar 2017
ID 9830
MANON LESCAUT (Theater am Domhof, 08.02.2017)
Musikalische Leitung: Andreas Hotz
Inszenierung: Walter Sutcliffe  
Bühne und Kostüme: Okarina Peter und Timo Dentler
Choreinstudierung: Markus Lafleur
Video: Siegfried Köhn
Dramaturgie: Ulrike Schumann
Besetzung:
Manon Lescaut ... Lina Liu
Lescaut, Sergeant ... Rhys Jenkins
Renato Des Grieux, Student ... Jeffrey Hartman
Geronte de Ravoir, Steuerpächter ... José Gallisa
Edmondo, Student ... Daniel Wagner
Wirt, Kapitän, Friseur, Tanzlehrer ... Genadijus Bergorulko
Tanzlehrer, Lampenanzünder ... Mark Hamman
Sergeant (Polizei) ... Jan Friedrich Eggers
Ein Musiker ... Gabriella Guilfoil
Statisterie, Opernchor und Extrachor des Theaters Osnabrück
Osnabrücker Symphonieorchester
Premiere am Theater Osnabrück: 14. Januar 2017
Weitere Termine: 04. + 14.04.2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-osnabrueck.de/


Post an Sina-Christin Wilk

scriptura-novitas.de



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