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Opernkritik

King Arthur



King Arthur an der Staatsoper im Schiller Theater | Foto (C) Martin Walz

Bewertung:    



König Arthus ist endlich auch in Berlin einmarschiert: er führte seine Truppen gegen die Sachsen, und es endete eindeutig mit Sieg – allerdings für die Musiker der Akademie für Alte Musik Berlin und den Staatsopernchor (Einstudierung: Martin Wright)… Alles verlief nach Plan. Dieser war, zumindest ursprünglich, von Henry Purcell und John Dryden ausgearbeitet worden. Ihr Manöver heißt King Arthur und ist „A Dramatick Opera“ (London, 1691). Purcell schrieb seine größten Theatermusiken für die quasi staatstragende Bühne des Queen’s Theatre in London, wo folglich der kostspieligste Aufwand möglich war, so für den ebenso patriotischen wie opulenten Arthur.

Dieses Werk ist nach heutigem Verständnis kein richtiges Schauspiel, noch im eigentlichen Sinn eine Oper: es ist eine typisch britische Mixtur aus beidem – wie es sich im frühen Barock aus Shakespeares Theatertradition entwickelt hatte und mit Bühneneffekten, Tanz und Musik der Dramaturgie letztendlich den Garaus machte. Die Handlung ist eher episodisch und nur vage mit dem Nationalhelden Arthur verknüpft, aktweise kommt er gar nicht vor, alles verwandelt sich - und nach diversen allegorischen Szenen gipfelt es in einer Siegesapotheose der christlichen Briten über die heidnischen (Angel-)Sachsen. Schaulust, Unterhaltung und – allein Dank Purcell – tiefere Empfindungen dienen im Ganzen also weniger historischer Reflexion, gar Kritik oder Anklage, als Sinnenlust und nationalem Hochgefühl.

Da gibt’s für Theaterleute freilich viel zu tun, und erfreulicherweise wird diese Herausforderung dank der musikalischen Schätze darin seit Wiederentdeckung Purcells nun auch auf den großen Bühnen häufiger angenommen. Regieteam Sven-Eric Bechtolf (Regie) und Julian Croach (Bühne & Co-Regie) haben mit ihrer Produktion allen Projektions- & Barocktheater-Affen reichlich Zucker gegeben sowie dem Dialog-Bearbeiter Hans Duncker eine schöne Aufgabe, die dieser mit Elan, aber nicht immer mit Kunst und Glück meisterte. Aus der Herausforderung der Vorlage machen sie alle eine Überforderung derselben. Um aus dem Stückwerk ein Ganzes zu schaffen, setzte Duncker eine durchgehende Rahmenhandlung ein, die in einer britischen Adelsfamilie während des Zweiten Weltkrieges spielt: Am Tage der Wiederverheiratung seiner Mutter verweigert der kleine Arthur in Trauer um seinen als Fliegerpilot umgekommenen Vater das Mitfeiern. Sein Großvater liest ihm zum Trost die Geschichte vom King Arthur vor, und im Laufe der Geschehnisse wird dieser selber zum Zauberer Merlin. Hans-Michael Rehberg verzaubert indessen alles, das Publikum und mich kraft seiner überragenden Schauspielkunst gleich mit. So greifen immer wieder diese drei Erzählschichten – britische Familiensaga – Purcells von Shakespeare inspiriertes Feentheater – und die märchenhafte Arthussage ineinander und lösen einen ambitionierten Bilderbogen aus, dem die Ausstattung nichts schuldig bleibt: Chapeau! Malerisch durchweg die unzähligen Kostüme von Levin Pollard, die oft Breughel und Bosch entstiegen schienen.

René Jacobs hat die Partitur für seine Version bearbeitet, da klingt plötzlich etwas Pachelbel auf, und aus Purcells kirchlicher Cäcilien-Ode singt der Altus eine Lobeshymne auf die Militärpfeifen. Nun, wenn man das will, einigermaßen funktioniert es. Die alten Meister haben es ja auch so praktiziert und Mr. Purcell himself nichts Geringeres, als den berühmten Zitter-Chor aus Lullys Oper Isis (von 1677) in seine Frost-Szene transponiert. Das Ganze hat man durchweg schon mitreißender gehört, gerade den „Hit“ der Oper: den „Cold-Song“. Bereits nach den 20 Eingangstakten der Ouvertüre hob das erste Allegro recht behäbig an. Insgesamt allerdings klingt die Akamus – bei aller Schönheit, Perfektion und Delikatesse seines Spiels! – im Schiller Theater sowieso nicht, und bis auf einige Ausnahmen ließen dieses Mal auch die zweifellos guten und tollen Leistungen der Solisten Wünsche an Kraft und Prägnanz offen. Ich wiederhole: die Instrumentalisten und der Chor waren die Sieger des Abends – und das sehr! Die Ausnahme: natürlich Amor! Die Liebe siegt, heißt es schon bei Dryden, und so triumphierte Anett Fritsch mit ihrem Sopran über Alle(s)! Wohingegen Meike Droste als Mutter / Emmeline nicht nur mit ihrer Stimme, sondern auch allzu perfekt-routinierten Spielweise enervierte. Mit dieser Ausnahme in der Schauspieltruppe war das gesamte Ensemble glänzend, lief alles wie am Schnürchen und war überhaupt ein Traum von Theater!

Nur: wieso just die Allmacht der Liebe vom Bösewicht Oswald (Max Urlacher in höchster Spielfreude aufgehend) herbei gerufen wird, der gerade mit heutigen Parolen aus der Vergewaltiger-Szene Emmeline zu notzüchtigen versuchte, bleibt ein Rätsel, das sein enormer Dauerständer nicht löst. Dennoch gelingen von Anfang bis Ende immerwährend atemberaubende Verwandlungen voller Sinnhaftigkeit und spielerischer Poesie, die das Publikum in Bann halten. So die mit Barocktheater-Effekten und Videoprojektionen spielerisch heraufbeschworene Erotik der Wald-Szene, ein Meisterstück, das nicht zufällig an Shakesperes Midsummernights Dream erinnert (hinreißend: Michael Rotschopf als blendend aussehender Königsritter).

Das Einzige, was von all dem unberührt (weil uninszeniert) bleibt, ist die Figur des kleines Arthur (Ferdinand Kraemer), dem all diese Geschichten aus Träumen und Fieberphantasien erwachsen und schließlich alptraumhaft zum (ewig wiederkehrenden?) Schicksal werden, fatalistisch und wie naturgesetzmäßig. Das ist brutal reaktionär. Arthurs Charakterisierung bleibt aus: am Anfang mit Trotz und Trauer eingeführt, ist er bis zuletzt nur noch ein passives Versatzstück der Inszenierung, auf die aber alles andere sich bezieht - ein weißer Fleck, denn Theaterspiel ist Dialog und Wechselwirkung. Der tapfere Darsteller wäre sicher zu mehr fähig und willens gewesen.

Unter all der tragisch-historischen und überdies psychologischen Überlastung, die zu vieles gleichzeitig will, brechen zwangsläufig sowohl die überbordende Vitalität wie der Humor des Werkes zusammen. Im Ersten Teil verstimmten immer wieder die anachronistischen, doch bitteren Anspielungen auf den Weltkrieg durchaus: denn dazu war die Umsetzung einerseits zu theatermittelmäßig und andererseits zu wenig radikal. Soll der Augenschmaus mit Einfallsreichtum die Wandlungsmöglichkeiten der Theatermaschinerie vorführen oder auf die Brisanz von Militärunternehmungen verweisen? Pseudoaktualisierende Textkalauer erhöhen den Unmut darüber nur. In Tagen, da man im TV sieht, wie ein russischer Fliegerpilot von Terrormilizen abgeknallt wird, ist natürlich diese Schockrealität assoziiert, wenn Amor am Fallschirm herabsinkt. Da kommt mit der Verwandlung des Tuches in ein Barockidyll keine Poesie mehr auf, sondern Zorn über soviel dumme Koketterie mit politischen Anspielungen!

Das erstaunt schon deshalb, da mehr Witz, Schärfe und Sinn fürs Absurde á la Monthy Pyton man bei dem indessen fraglos brillanten Bühnenbildner und Co-Regisseur Croach hätte erwartet werden dürfen, denn der kommt nicht nur aus Schottland, sondern hat als Ausstatter auch mit The Tiger Lillies die legendäre Shockheaded Peter-Produktion nach dem Struwwelpeter kreiert, die auch in Berlin einst zu bestaunen war (und Schreiber dieses unvergesslich bleibt).

Insgesamt gelingen nach der Pause die wirklichen Höhepunkte, und man muss sagen, der himmlisch dreistündige Abend gewinnt im Rückblick an Reiz und Stimmigkeit. Genau ist Theater erst vom Ende her verständlich und dieses geriet in der Tat erschütternd - ganz auf der Höhe von Purcells Musik: Der kleine Arthur wird in das Cockpit des Vaters gesetzt und fliegt in die Wolken, fast wie der Kleine Prinz – indessen King Arthur als sein Vater mit der Todeswunde in den Saal schreitet, um sich auf dem Hochzeitstisch als Toter aufzubahren. So endete die Aufführung in all ihrer üppigen Schönheit doch mit einer großartigen und unerbittlichen Anklage des Krieges.



King Arthur an der Staatsoper im Schiller Theater | Foto (C) Ruth Walz

o.b. - 25. Januar 2017
ID 9805
KING ARTHUR (Staatsoper im Schiller Theater, 21.01.2017)
Musikalische Leitung: René Jacobs
Inszenierung: Sven-Eric Bechtolf und Julian Crouch
Bühnenbild: Julian Crouch
Kostüme: Kevin Pollard
Choreografie: Gail Skrela
Licht: Olaf Freese
Video: Joshua Higgason
Chor: Martin Wright
Dramaturgie: Detlef Giese
Mit: Anett Fritsch (Philidel, Cupido, Venus), Robin Johannsen (Honour, She), Benno Schachtner (He), Mark Milhofer (A Herald), Stephan Rügamer (A Shepherd), Johannes Weisser (Cold Genius, Aeolus), Arttu Kataja, Michael Rotschopf (Arthur), Hans-Michael Rehberg (Merlin), Max Urlacher (Oswald), Oliver Stokowski (Osmond), Tom Radisch (Grimbald), Axel Wandtke (Conon), Steffen Schortie Scheumann (Aurelius), Meike Droste (Emmeline), Sigrid Maria Schnückel (Mathilda) und Ferdinand Kraemer (Kleiner Arthur)
Ein Skills Ensemble
Staatsopernchor
Akademie für Alte Musik Berlin
Premiere war am 15. Januar 2017.


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsoper-berlin.de



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