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Premierenkritik

Wenn Raum

und Zeit

erzittern


ZANGEZI
von Hèctor Parra


Zangezi in der WERKSTATT der Staatsoper im Schiller Theater | Foto (C) Stini Röhrs

Bewertung:    



"Die utopischen Träume der russischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts reichten von radikalen biopolitischen Fantasien bis hin zur Eroberung des kosmischen Raumes, der Kommunikation in einer universellen »Sternensprache« und der Suche nach einer allverbindlichen mathematisch begründeten Weltformel. Einer der prominentesten Vertreter dieser Avantgarde war Velimir Chlebnikov (1885-1922) dessen letzte 'Übererzählung' Zangezi gleichsam den Querschnitt seines Denkens bildet.

Für seine 2007 uraufgeführte elektronische Komposition entwickelte der katalanische Komponist Hèctor Parra eine Struktur, welche sich aus hunderten Aufnahmen von Klängen speist: Vogelgesänge, Glottisschläge, weibliche und männliche Stimmen, schlagzeugartige Klänge aus Fabriken und der Metallindustrie werden transponiert, gebrochen, resynthetisiert und verräumlicht."


(Quelle: Staatsoper im Schiller Theater)



Das ist genial!

Alle Welt schaut im Augenblick in den Kosmos. Vor wenigen Tagen haben die beiden amerikanischen Ligo-Observatorien in Hanford (Washington) und Livingston (Louisiana) winzige periodische Längenänderungen registriert, die offenkundig von sich mit Lichtgeschwindigkeit ausbreitenden Gravitationswellen ausgelöst worden sind. 100 Jahre nachdem Einstein mit Bleistift und Papier die komplizierten Fragestellungen seiner Relativitätstheorie gelöst hat, haben Wissenschaftler mit einem Milliardenaufwand die geheimnisvollen Gravitationswellen nachweisen können, nach denen Physiker in aller Welt seit 80 Jahren suchen.

Einstein hatte 1916 auf theoretischem Weg herausgefunden, dass alle Massen nicht nur den Raum wie ein Gummituch verformen, sondern auch periodisch verzerren, wenn sie beschleunigt oder abgebremst werden. Die dabei entstehenden Gravitationswellen breiten sich mit Lichtgeschwindigkeit im Universum aus, ähnlich wie Wasserwellen in einem Teich, in den man einen Stein wirft.

*

Velimir Chlebnikov, russischer Utopist war natürlich auch von Einsteins Denken beeinflusst; Utopien richten sich immer auch in den Kosmos. Genau wie Einstein wollte Chlebnikov das Universum mit mathematischen Formeln erklären, seine "Übererzählung" Zangezi bildet einen Querschnitt seines Denkens ab. Chlebnikovs Resümee ist allerdings am Ende negativ, sein selbsternannter Philosoph scheitert am Ende. Einstein war es egal, dass seine Formeln nicht bewiesen werden konnten, ja es nicht mal 1916 vorstellbar war, dass seine Formeln jemals bewiesen werden könnten. Wie genial ist das denn nun, wenn der junge katalanische Komponist Hèctor Parra mit einer periodischen Verschiebung von 9 Jahren (2007 wurde Zangezi an der Ópera de Hoy uraufgeführt, 2016 wurde Einsteins Theorie bewiesen) beginnt, sich genau mit den Themen Einsteins und Chlebnikovs künstlerisch auseinanderzusetzten?!

* *

Stefan Britze (Bühne), Stini Röhrs (Video) und Elisabeth Wendt (Kostüme) haben die Werkstatt des Schillertheaters in einen futuristischen Raum verwandelt; ein quadratisches schwarzes Netz überzieht die weiß gestrichen Wände und den Boden. Eine Nebelmaschine spuckt geheimnisvollen weißen Rauch. Die Bühne entwickelt sich kaskadenartig um einen Sarkophag, in dem Chlebnikovs gescheiterter Philosoph nur noch als Skelett hinter Plexiglas erkennbar ist. Stroboskopblitze, welche durch die Fugen des Bühnensarkophags geschossen werden, lassen den Bühnenaufbau erzittern. Die an Astronautenanzüge erinnernden Kostüme verorten das Set in den Weltall. Die Videos beginnen mit einer sich dehnenden, pulsierenden Erdkugel; bald kommen Planeten und der Kosmos hinzu. Räume und Massen werden gedehnt und verzerrt. Die Dehnung der Zeit erfolgt durch die klangliche Struktur der Partitur: hunderte Aufnahmen von Vogelgesängen, Glottisschlägen, schlagzeugartigen Klängen aus Fabriken werden mit weiblichen und männlichen Stimmen kombiniert und gebrochen. Der kristallklare und doch weiche Sopran von Sónia Grané [s. Foto o. re.] gibt den ansonsten völlig freien Struktur Halt und Struktur.

Als Musiktheater im tradierten Sinn würde man den heutigen Abend nicht beschreiben; periodisch ablaufende Aktionen aus Sprech- und Musiktheater werden mit visuellen Reizen aufgeladen. Es wird eine kribbelnde Atmosphäre erzeugt über Raum und Zeit und über Entstehen und Vergehen nachzudenken. Großes Kino, unbedingt ansehen!



Zangezi in der WERKSTATT der Staatsoper im Schiller Theater | Foto (C) Stini Röhrs

Steffen Kühn - 13. Februar 2016
ID 9134
ZANGEZI (Werkstatt, 12.02.2016)
Musiktheater für Schauspieler, Sopran und Elektronik von Hèctor Parra

Inszenierung: Janne Nora Kummer
Bühne: Stefan Britze
Kostüme: Elisabeth Wendt
Ton: Sébastien Alazet
Video: Stini Röhrs
Dramaturgie: Roman Reeger
Mit: Sónia Grané, Maike Schmidt, Lisa Schützenberger, Wieland Schönfelder und Jan Koslowski
Uraufführung an der Ópera de Hoy war 2007.
Premiere an der Staatsoper im Schiller Theater: 12. Februar 2016
Weitere Termine: 14., 18., 19., 21., 23. 2. 2016


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsoper-berlin.de


Post an Steffen Kühn

http://www.hofklang.de



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