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Premierenkritik

Puppen

weinen doch



Madame Butterfly an der Oper Leipzig - Foto (C) Kirsten Nijhof

Bewertung:    



(„Puppen weinen nicht“, das war mal ein halber Hit zu NDW-Zeiten, ich weiß nicht mehr von wem, aber der Text hat sich mir eingebrannt, warum auch immer. Und heute kann ich ihn mal verwenden:)

* * *

„Puppen kann man überall kaufen und lässt sie nach Lust und Laune wieder laufen. Sie bewegen sich wie Marionetten, schwarze Fäden führen sie in fremde Betten.“ [Combo Colossale/Hans Blum]



Japan, im 19. Jahrhundert, kurz nach der Öffnung des Landes nach 200 Jahren Abgeschlossenheit. Die neue Welt (hier vor allem die amerikanische) prallt in den Hafenstädten auf die Traditionen, aber man arrangiert sich irgendwie. Manche Dinge gibt es in allen Kulturen, nur wird das mancherorts vornehmer ausgedrückt. Die Geisha z.B., hierzulande würde man sicher Escort Service dazu sagen, oder wie man sonst die Edelprostitution umschreibt.

In Nagasaki beherrscht der Lude Goro das Geschäft mit den Damen, er bietet zahlungskräftigen Fremden ein Komplettpaket: Häuschen, Gärtchen, Frauchen. Heirat eingeschlossen, wobei das relativ zu sehen ist, ein Bund für die Ewigkeit mit monatlicher Kündigungsfrist.

Auch Leutnant Pinkerton von der U.S. Navy blättert begeistert in der Beratungsmappe und wählt ein besonders hübsches Exemplar.


„Mit Puppen kann man nur spielen, bei Puppen will ich gar nichts fühlen. Man kann sie einfach liegenlassen, wenn sie dir nach dem Spiel nicht mehr passen. Puppen weinen nicht, Puppen weinen nicht.“ [dto.]


Dummerweise ist Cio-Cio-San, fünfzehnjährige Tochter aus ehemals gutem Hause, „Butterfly“ genannt, nach dem Tod des Vaters in Armut lebend, so naiv, dass sie die ungeschriebenen Regeln nicht begreift. Für sie hängt der Himmel voller Geigen, als sie von ihrem Freier erfährt, sie wechselt gar die Religion für ihn, was zur Ächtung durch ihre Familie führt. Der Lohn dafür ist ein kurzes Glück mit dem Ami, bezaubernd dargebracht von beiden Darstellern. Aber der Gatte auf Zeit macht sich bald vom Acker oder besser: er sticht in See, nicht ohne irreversible Spuren hinterlassen zu haben.

„Ein Schiff wird kommen...“, nein, das ist nicht Neue Deutsche Welle, sondern Kulturgut mit griechischem Migrationshintergrund. Seit drei Jahren wartet Madama Pinkerton, wie sie sich nennen lässt, auf die Rückkehr des Gemahls, aber in Amerika brüten die Vögel wohl eher selten.
Butterfly verzehrt sich in Sehnsucht und baut sich als Alleinerziehende ihre eigene Welt, schlägt auch Anträge aus, sie wähnt sich ja verheiratet. Besonders der zweite Akt gehört voll und ganz Karah Son, die sich die Seele aus dem Leib singt, Arienapplaus erntet und am Ende zu Recht gefeiert wird. Eine wirklich großartige Vorstellung.


„Und wenn einmal versehentlich das blasse Porzellangesicht zerbricht, und du fragst sie, warum sie weint: Die Antwort, die bekommst Du nicht, mein Freund.“ [dto.]


Das böse Ende naht im dritten Akt. Pinkerton erscheint nun doch wieder, im Schlepptau die legitime Gemahlin, und will, als er von seinem Sohn erfährt, diesen mitnehmen. Mit Butterfly hat Mickey Mouse nichts mehr am Hut, eine nette Überbrückung der langen Reede damals halt. Show must go on, don’t think twice, it’s allright, everybody has a second chance und was es da noch so für Zauberformeln in einer eher spaßorientierten Gesellschaft gibt.

Mit den traditionellen Wertmaßstäben der Japaner ist die Situation aber nur auf eine Art lösbar: Wer nicht in Ehre leben kann, muss wenigstens in solcher sterben. Butterfly greift zum Familiendolch, nach reichlich Melodramatik, aber auf höchstem Niveau.

Puccini bediente mit seiner Oper das Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa erwachte Interesse für Japan, wählte aber ein für dieses Genre schwieriges Thema, die käufliche oder besser mietbare Liebe unter de facto kolonialistischen Verhältnissen. Fortsetzen lässt sich das Sujet bis hin zum Sextourismus der heutigen Tage, was das wiederum erstklassige Programmheft auch tut. Trotz des schweren Stoffes ist die Oper pures Sopranistinnen- und Tenorfutter, neben der bereits beschwärmten Karah Son nutzt auch Gaston Rivero die Gelegenheit sich auszuzeichnen. Die weiteren Hauptpartien sind mit Susanne Gritschneder als Suzuki und Mathias Hausmann als Konsul ebenso hervorragend besetzt, nur Keith Boldt als Goro fiel für mich etwas ab, er hatte auch das Pech, jedwedes Klischee erfüllen zu müssen.

Darin lag auch das Hauptproblem der Inszenierung: Eine unentschlossene Modernisierung des Handlungsrahmens. Der blieb für mich im 19. Jahrhundert angesiedelt, die Beigaben Auto, Mobile und Fernseher waren da nur Firlefanz, die Dekoration von Butterflys Zimmer mit Stars&Stripes-Bettwäsche und der Wolkenkratzersilhouette nebst Freiheitsstatue wirkte vordergründig und deplaziert. Der Niedlichkeitsfaktor mit dem Kind auf der Bühne wurde etwas überreizt, und die Bühne an sich war nicht sonderlich überraschend, auch wenn der Bruch des Häuschens mittendurch am Ende ein starkes Bild war.

Dennoch, dank des famosen Gewandhausorchesters und eines hör- wie sehenswürdigen Opernchors überwiegen die positiven Eindrücke deutlich. Eine Inszenierung, die sich sicher lange im Spielplan halten wird, hochklassig, wenn auch ohne neue Lesart des Stoffes.



Madame Butterfly an der Oper Leipzig - Foto (C) Kirsten Nijhof

Sandro Zimmermann - 15. März 2015
ID 8504
MADAMED BUTTERFLY (Oper Leipzig,14.03.2015)
Musikalische Leitung: Anthony Bramall
Inszenierung: Aron Stiehl
Bühne: Frank-Philipp Schlössmann
Kostüme: Sven Bindseil
Einstudierung Chor: Alessandro Zuppardo
Dramaturgie: Marita Müller
Besetzung:
Cio-Cio-San ... Karah Son
Suzuki ... Susanne Gritschneder
Kate ... Carolin Schumann
Pinkerton ... Gaston Rivero
Sharpless ... Mathias Hausmann
Goro ... Keith Boldt
Yamadori ... Martin Petzold
Onkel Bonzo ... Milcho Borovinov
Yakusidé ... Michael Chu
Standesbeamter ... Tae Hee Kwon
Opernchor
Gewandhausorchester Leipzig
Premiere war am 14. März 2015
Weitere Termine: 22., 28. 3. / 11., 18. 4. / 23. 6. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.oper-leipzig.de


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