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Premierenkritik

München schwelgt

im Belcanto



Diana Damrau als Lucia di Lammermoor an der Bayerischen Staatsoper - Foto (C) Wilfried Hösl

Bewertung:    



Piano setzt sich der Trauermarsch in Bewegung. Das Graffiti, der Familienname „Ashton“, wird durchgestrichen. Lucia Asthon ist tot. Einsam, verloren hält ein kleines Mädchen im weißen Kleidchen, Lucias Alter Ego, eine Pistole am Rücken versteckt. Aus der Retrospektive erschließt sich die tragische Geschichte Lucias. Was atmosphärisch beginnt, mausert sich zum Opernkrimi der Leidenschaften, zu einer Hochglanzinszenierung der Bayerischen Staatsoper mit einem Traumteam, das sich von der besten Seite präsentiert.

Kirill Petrenko gibt phantastische Klangfarben vor, Donizetti in allen Tonschattierungen, Regisseurin Barbara Wysocka findet ein zündendes Regiekonzept. Beide zusammen stellen Sänger und Chor (Einstudierung: Stellario Fagone) in den Mittelpunkt.

Zum ersten Mal dirigiert Kirill Petrenko eine Belcanto-Oper, und wie immer dirigiert er umwerfend. Durch die Platzierung der Holzbläser in der Mitte des Orchesters verfeinert und präzisiert sich deren warme Farbklang, sphärisch getoppt vom Glasharmonika, das als Echo von Lucias Wahnsinnsarie in überirdische Paradiese verweist. Wieder zeigt sich Petrenko als Meister des Piano. Aus dem Pianissimo entwickelt er die unheimliche Dynamik und Spannung der Partitur, baut sich ganz schnell ein Forte auf, das er blitzschnell wieder einfängt. So entsteht ein spannendes Spiel tonaler Leidenschaften, klarer Tonkaskaden, subtiler Interpretationen, wo Donizettis flüchtig notierte Partitur mehrere Möglichkeiten Klangweisen möglich macht.

In diesem facettenreichen Orchesterklang erblüht der Belcanto in markanten Farbschattierungen. Himmlisch und abgründig zugleich, immer schwerelos leicht und in der Tiefe geerdet, mit wahnsinnigem Tonspektrum und mitreißender Leidenschaftlichkeit singt Diana Damrau Lucias gewaltige Partitur mit charismatischer Empathie. Pavol Bresliks klangvoll leidenschaftlicher Tenor mit italienischem Schmelz passt dazu bestens. Voluminös und geschmeidig präsentiert Dalibor Jenis den dominanten Bruder tonal und optisch als smarten Geschäfts-Lebemann, dem man seine Schurkereien so gar nicht anmerkt, zumindest solange seine Pläne funktionieren. Georg Zeppenfeld lotet mit seinem vollen Bass die Abgründe der Tiefe aus, wandelt sich als Raimondo von der Magie des intrigant manipulierenden Handlagers zur warnenden Instanz richtender Gerechtigkeit.

In den 50/60er Jahr und zusätzlich im Ballsaal eines ruinösen Detroiter Ballsaal verortet gewinnt Donizettis berühmte schauerromantische Liebespaar-Oper eine packende Aktualität (Bühne: Barbara Hanicka).

Regisseurin Barbara Wysocka entdeckt in der Liebesdramatik mit Doppelselbstmord à la Romeo und Julia die polit-ökonomischen Interessen dahinter. Mit Diana Damrau hat sie eine Lucia, die nicht nur wahnsinnig gut singt, sondern auch sehr authentisch darstellen kann, wie sich diese Lucia wahnsinnig gegen die Zwänge der Männerdominanz wehrt. Dabei gelingt Diana Damrau unter der Barbara Wysockas Regie eine Bühnenpräsenz, die zwischen Jacky Kennedy, Marilyn Monroe und Grace Kelly oszilliert und ihr eigenes Charisma in die Welt der Primadonnen katapultiert. Wahnsinnig ist nicht diese Lucia, wahnsinnig ist das System, das ihre Liebe hintertreibt. Sehr weiblich passt diese Lucia auf den ersten Blick optisch so gar nicht zu dem Mann, den sie liebt. Pavol Breslik als Edgardo in überzeugender James-Dean-Optik - ein Draufgänger mit Luxuslimousine - legt Playboyklischees nahe, die Lucias Bruder geschickt für seine Intrige nutzt, damit Lucia Lord Arturo heiratet, um politisch und ökonomisch wieder auf die Beine zu kommen. Mit Dalibor Jenis als Enrico Ashton ergeben sich Berlusconi-Assoziationen. Die Hochzeitsfeier mit Presseballcharakter; Lucia lasziv vor einem Mikrophon weitet die Fremdbestimmung dieser Frau in die Mediengesellschaft unserer Tage.

Dazu kreiert Julia Kornacka Kostüme in schlicht edlen Silhouetten und sanften Farbschattierungen, kontrastiert mit Schwarz und Edgardos halbstarker Lederjacke. Das hat Stil von A bis Z.



Lucia di Lammermoor an der Bayerischen Staatsoper - Foto (C) Wilfried Hösl

Michaela Schabel - 29. Januar 2015
ID 8398
LUCIA DI LAMMERMOOR (Nationaltheater, 26.01.2015)
Musikalische Leitung: Kirill Petrenko
Inszenierung: Barbara Wysocka
Bühne: Barbara Hanicka
Kostüme: Julia Kornacka
Licht: Rainer Casper
Produktionsdramaturgie: Daniel Menne und Malte Krasting
Chor: Stellario Fagone
Video: Andergrand Media + Spektakle
Besetzung:
Lord Enrico Ashton ... Dalibor Jenis
Lucia Ashton ... Diana Damrau
Sir Edgardo di Ravenswood ... Pavol Breslik
Lord Arturo Bucklaw ... Emanuele D'Aguanno
Raimondo Bidebent ... Georg Zeppenfeld
Alisa ... Rachael Wilson
Normanno ... Dean Power
Chor der Bayerischen Staatsoper
Bayerisches Staatsorchester
Premiere war am 26. Januar 2015
Weitere Termine: 29. 1. / 1., 5., 8., 11. 2. / 22., 25. 7. 2015


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsoper.de/


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