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Premierenkritik

Kein Licht

am Ende

des Tunnels



Il prigioniero von Luigi Dallapiccola an der Oper Köln: Die Mutter (Dalia Schaechter), der Gefangene (Bo Skovhus) - Foto (C) Paul Leclaire

Bewertung:    



Ein kleines Paket Musik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat die Oper Köln in ihrer neuen Produktion geschnürt: Luigi Dallapiccolas Il Prigioniero aus dem Jahr 1949 und Bernd Alois Zimmermanns Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne (Ekklesiastische Aktion) aus dem Jahr 1970. Und mittendrin der Choral "Es ist genug" aus der Bach-Kantate Oh Ewigkeit, du Donnerwort. Musikdramaturgisch klingt das ambitioniert – und es geht komplett auf.

Die beiden Werke Dallapiccolas und Zimmermanns sind für sich genommen schon rechte Schwergewichte. Dallapiccola vertonte in Il Prigioniero die Geschichte eines politischen Gefangenen in der Zeit Philipps II. von Spanien (ein düsteres Zeitalter der Inquisition, das man auch aus Verdis/Schillers Don Carlos kennt). Diesem Gefangenen eröffnet sich plötzlich die Chance, sein Gefängnis zu verlassen. Der Kerkermeister, der ihm von Unruhen in Flandern berichtet hat und so die Hoffnung auf revolutionäre Änderungen im spanischen Hoheitsgebiet und Freiheit für das unterdrückte Volk der Niederlande gemacht hat, lässt im Gehen die Tür des Gefängnisses offen. Nach langem Zögern ergreift der Gefangene die Gelegenheit - nur um am Ende um alle seine Hoffnungen betrogen und hingerichtet zu werden.



Il prigioniero: Die Mutter (Dalia Schaechter), Chor der Oper Köln - Foto (C) Paul Leclaire


Zimmermanns Ekklesiastische Aktion war dagegen gar nicht für die szenische Aufführung bestimmt. Vielmehr wurde das Werk, das Teile aus dem alttestamentarischen Buch der Prediger mit dem Kapitel "Der Großinquisitor" aus Dostojewskis Roman Die Brüder Karamasow verbindet, als Orchesterwerk für eine konzertante Aufführung geplant. Ein Sprecher und ein Sänger tragen Verse aus dem Buch der Prediger vor, später kommt ein weiterer Sprecher mit Passagen aus Dostojewskis Werk hinzu. Das Großinquisitor-Kapitel aus den Brüdern Karamasow erzählt von der fiktiven Wiederkehr Jesu Christi im 16. Jahrhundert, der Wunder wirkt, von der Inquisition in den Kerker geworfen wird und sich einer Anklage durch den Großinquisitor ausgesetzt sieht. Bernd Alois Zimmermann zitiert am Ende seines Werks den o.g. Bach-Choral, insofern macht es durchaus Sinn, ihn als eine Art Auftakt und Überleitung an den Anfang und in die Mitte des gut 90minütigen Abends zu setzen.



Ekklesiastische Aktion von Bernd Alois Zimmermann an der Oper Köln: Baß-Solo (Bo Skovhus), 1. Sprecher (Jörg Ratjen), 2. Sprecher (Stephan Rehm) - Foto (C) Paul Leclaire


Bühnenbildner Robert Schweer hat für diesen Zweiteiler einen Raum entworfen, der einen nahtlosen Übergang zwischen den Stücken erlaubt. Im Prolog von Il Prigioniero, dem ersten Teil des Abends, agieren der Chor der Oper Köln und Dalia Schaechter als Mutter des Gefangenen vor einer meterhohen Wand aus Buchstaben, in deren oberer Hälfte ein nicht ganz mannshoher Spalt von links nach rechts freigelassen ist – der Kerker des Gefangenen. Später wird diese Wand vom Kerkermeister in der Mitte auseinandergeschoben, so dass in der Bühnenmitte ein Freiraum entsteht – der Weg in die Freiheit. Um das optisch zu unterstützen, wird auch noch ein grün wabernder Schein in die Mitte der Rückwand projiziert. Am Ende des ersten Teils steht dann ein Kreuz in der Bühnenmitte.

Dieses Bild markiert dann auch den Auftakt für Zimmermanns Ekklesiastische Aktion und damit den zweiten Teil des Abends. Die Wand aus Buchstaben ist mittlerweile komplett an die Seite geschoben, so dass die Handlung hier in einem großen, leeren Raum stattfindet, der sich nach und nach mit Requisiten füllt. Überhaupt ist der Übergang auch im Detail sehr gelungen: So lässt beispielsweise der Großinquisitor aus Dallapiccolas Il Prigioniero seine Kleidung zurück, mit der die beiden Sprecher des zweiten Teils spielen. Simpel, aber effektiv.

Neben dem Bühnenbild sind auch die Videoprojektionen (Fritz Gnad) ein wichtiger optischer Anker der Aufführung. Wirken sie im ersten Teil noch etwas überflüssig und bestenfalls sinnverdoppelnd (indem beispielsweise Passagen des Textes in überdimensionalen Buchstaben projiziert wurden), werden sie im zweiten Teil stimmig. Im ansonsten leeren Bühnenraum sorgen sie nicht nur für ein „Hintergrundrauschen“, vielmehr fallen die Textblöcke ab einem bestimmten Zeitpunkt einfach nach unten und bilden einen „Haufen“. Und schließlich verschwindet der Sänger optisch in einer Rückwand aus einem guten, alten Fernseh-Schneebild. Das ist schon ganz effektvoll.

Bei all diesen Schaueffekten in Markus Bothes Inszenierung der beiden Werke fällt die Figurenregie ein wenig ab. Bo Skovhus etwa wirkt als Gefangener szenisch etwas alleingelassen, wenn er versucht, aus dem Gefängnis zu entkommen. Manches bleibt sehr plakativ, und der zweite Teil des Abends gelingt deutlich stringenter und dichter als der erste. Das mag auch daran liegen, dass Skovhus hier mit den Schauspielern Jörg Ratjen und Stephan Rehm (szenische) Gegenspieler auf der Bühne hat, die ihn und einander piesacken und nicht zur Ruhe kommen lassen.



Ekklesiastische Aktion: Baß-Solo (Bo Skovhus) - Foto (C) Paul Leclaire


Bass-Bariton Bo Skovhus ist zweifellos unumstrittener Mittelpunkt des Abends, und man kann nur den Hut ziehen vor seiner gesanglichen und szenischen Präsenz, gleichwohl der Eindruck entsteht, Zimmermann liege ihm etwas besser als Dallapiccola. Dalia Schaechter gibt eine überzeugende trauernde Mutter, die auf Nachricht von ihrem Sohn wartet, Raymond Very einen tenoralen Kerkermeister, der dem Gefangenen nach langer Zeit das Gefühl von Nähe und menschlicher Ansprache gibt – auch wenn man den Eindruck, hat, er könnte darauf verzichten, die Wand in den Kerker des Gefangenen hochzuklettern. Der Chor zeigt sich sehr gut disponiert und entwickelt eine unglaubliche Klanggewalt. Das ist natürlich der Vorteil, wenn man unmittelbar vor einer Wand und direkt an der Rampe singen darf. Gabriel Feltz hatte als musikalischer Leiter alles jederzeit im Griff und die Entscheidung, im Zimmermann-Werk Teile des Orchester nicht im Orchestergraben zu platzieren, sondern von anderen Orten im (Zuschauer-)Raum aus spielen zu lassen, macht durchaus Sinn, ebenso wie die Idee, einen Teil des Chores auf dem Rang zu positionieren. Allerdings ließe sich am Bach-Choral, der vom Rang erklingt, noch arbeiten. Ganz sauber wurde er zumindest beim zweiten Mal nicht vorgetragen. Auch die Schauspieler Jörg Ratjen und Stephan Rehm machen ihre Sache als Doppel im Anzug in Zimmermanns Ekklesiastische Aktion gut und sorgen für szenische Abwechslung.

Il Prigioniero/Ekklesiastische Aktion an der Oper Köln ist ein sehr intensiver 90-Minüter und unbedingt sehens- und hörenswert. Sicherlich keine leichte Kost, aber ein in vielen Aspekten gelungener Abend.


Karoline Bendig - 30. März 2015
ID 8537
IL PRIGIONIERO / EKKLESIASTISCHE AKTION (Oper am Dom, 27.03.2015)
Musikalische Leitung:  Gabriel Feltz
Inszenierung:  Markus Bothe
Bühne: Robert Schweer
Kostüme:  Esther Geremus
Video: Fritz Gnad
Licht:  Nicol Hungsberg
Chor: Marco Medved
Dramaturgie: Georg Kehren

Besetzungen:

Il Prigioniero
Dalia Schaechter (Mutter), Bo Skovhus (der Gefangene), Raymond Very (der Kerkermeister, der Großinquisitor), Taejun Sun (1. Priester), Wolfgang Schwaiger (2. Priester) und der Chor der Oper Köln

Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne (Ekklesiastische Aktion)
Jörg Ratjen (1. Sprecher), Stephan Rehm (2. Sprecher) und Bo Skovhus (Bass-Solo)

Premiere war am 27. März 2015
Weitere Termine: 1., 4., 6. 4. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.operkoeln.com


Post an Karoline Bendig

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