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Premierenkritik

Symbolgetränkte

Passionsfestspiele



The Gospel According to the other Mary an der Oper Bonn | Foto (C) Thilo Bei

Bewertung:    



Die Bibel ist das meistverkaufte und meistrezipierte Buch der Welt. Kein Wunder, dass Kapitel der Heiligen Schrift renommierte Künstler bis heute in ihrem Schaffen inspirieren, wird es doch immer ein starkes Interesse für die mannigfaltigen Facetten und Figuren der geistlichen Schrift geben. Wenn Gedanken der Heiligen Schrift in einen Bezug zu unserer Gegenwart gestellt werden, eröffnen sich mitunter neue Blickwinkel auf religiöse Fragen. Ernsthafte Anregungen können einen religiösen Diskurs durchaus bereichern und erfrischen.

Der US-Amerikaner John Adams erzählt in seiner zweiaktigen Oper The Gospel According to the other Mary (2013) die Passionsgeschichte neu, indem er Jesus vielleicht bekannteste Jüngerin Maria Magdalena, ihre Schwester Martha und ihren Bruder Lazarus in einen Bezug zur Kreuzigung und Wiederauferstehung Jesu stellt. Maria Magdalena, Martha und Lazarus werden neben Bibelversen poetische Gedanken bekannter amerikanischer, mexikanischer, nicaraguanischer und karibischer Autoren in den Mund gelegt. Denn das von Peter Sellars zusammengestellte Libretto bedient sich neben dem Alten und dem Neuen Testament zahlreicher anderer bekannter Texte. Die weibliche Stimme wird hierbei insbesondere durch zitierte Werke und Ausrufe von namhaften Autoren wie Louise Erdrich, June Jordan, Hildegard von Bingen, Dorothy Day oder Rosario Castellanos repräsentiert.

Bereits in der ersten Szene treten im großen Chor schwelgerisch monoton und mehrstimmig vorgetragene Bibelverse der leidenschaftlichen Solostimme von Maria Magdalena (Christin-Marie Hill) gegenüber. Während der Chor den Tag des Herrn deklamiert, berichtet Maria Magdalena von Schreien einer Drogensüchtigen in einer Gefängniszelle. Bei Letzterem wird aus der Autobiographie einer amerikanischen Journalistin zitiert. Immer wieder greift die Oper assoziativ andere Schicksale auf. Dies erschwert eine Zuordnung der Chronologie der Ereignisse oder der Figuren. Die Komplexität der Geschichte reicht über die Kreuzigungsgeschichte und Wiederauferstehung Jesu weit hinaus.

Auch das Bühnenbild und die Kostüme der Figuren verweisen auf die Gegenwart. Seitliche Drahtzäune säumen wie auf einem Gefängnishof die sonst nur mit wenigen beweglichen Elementen ausgestattete Bühne. Überwachungskameras sind oberhalb der kargen Bühne angebracht. Auf die Bühnenrückwand werden immer wieder schemenhafte Körperausschnitte projiziert, die vermutlich auf die Wundmale Jesu verweisen sollen. Nichts scheint hier wirklich zusammenzupassen. Der gotteshörige Chor tritt in bunten Hippie-Klamotten auf und unterstreicht seinen Gesang durch lebendige und manchmal nicht eindeutig zuordenbare Gesten. Oft wirkt die Symbolik auch übertrieben, wenn etwa gleich mehrere Figuren mit bewegten Fingern flackerndes Feuer nachstellen. Insbesondere wenn das Geschehen klassische Geschlechterstereotype bedient, wird die ganze Performance ärgerlich. So wird im Mittelteil eine vielköpfige Gruppe von Frauen von einer Männergruppe gefangen genommen und gewalttätig unterdrückt. Die Frauen harren mit klagenden Gesang und Hoffnung auf eine Gottesbotschaft aus, ohne sich zu wehren. Das Geschehen bloß mit sanftem Countertenor kommentierende Evangelisten tragen wie Soldaten Camouflage-Jacken, ohne dass ihr Tun eine kriegerisch-zielgerichtete Wendung nimmt.

Nicht nur auf inhaltlicher Ebene, sondern auch musikalisch-kompositorisch überwiegen starke Dissonanzen. So treten neben tonal-melodiöse Passagen immer wieder bewusst schräge Töne. Insbesondere als nach monoton getragenem Countertenorgesang Lazarus (Ronald Samm) zu einer ersten kraftvollen Heldentenorperformance anhebt, beginnt das Vorgetragene unangenehm durchdringend, nahezu scheppernd zu klingen. Musikalisch reißen nur wenige Chorgesangspassagen und einige Male schwungvoll dichtes Orchesterspiel mit. Zu den größten Stärken der Vorführung gehören insbesondere die choreographischen Elemente. Die Tänzer Iamnia Montalvo Hernandez, Carmen Canas, Keisuke Mihara und Erik Constantin treiben als Projektionsfläche die Geschichte mit ausdrucksvollem gestischen Spiel voran. Sie umschreiten und umgarnen auch die Sänger mit effektvollen Bewegungen und tauchen diese so bei aller Monotonie ihrer gesanglichen Proklamationen immer wieder in ein neues Licht. Der Assoziationswust in John Adams Opern-Oratorium wirkt jedoch insgesamt zu aufgesetzt und pathetisch, um wirklich überzeugen zu können.



The Gospel According to the other Mary an der Oper Bonn | Foto (C) Thilo Bei

Ansgar Skoda - 28. März 2017
ID 9940
THE GOSPEL ACCORDING TO THE OTHER MARY (Oper Bonn, 26.03.2017)
Musikalische Leitung: Natalie Murray Beale
Inszenierung: Peter Sellars
Bühne: George Tsypin
Szenische Einstudierung: Elaine Tyler-Hall
Kostüme: Gabriel Berry
Licht: James F. Ingalls
Soundddesign: Mark Grey
Choreinstudierung: Marco Medved
Besetzung:
Mary Magdalene … Christin-Marie Hill
Martha … Ceri Williams
Lazarus … Ronald Samm
Countertenöre … Benjamin Williamson, Russell Harcourt und William Towers
TänzerInnen … Iamnia Montalvo Hernandez, Kanako Minami und Carmen Mar Cañas Salvador sowie Keisuke Mihara und Erik Constantin
Chor des Theater Bonn
Beethoven Orchester Bonn
Premiere an der Oper Bonn war am 26. März 2017.
Weitere Termine: 01., 21. + 23.04./ 11 + 14.05.2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bonn.de


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