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Premierenkritik

Faust -

Das Musical



Christopher Nell als Mephistopheles in Wilsons/Grönemeyers Faust I und II am Berliner Ensemble - Foto (C) Lucie Jansch

Bewertung:    



Ich hatte schon seit Längerem - jetzt dauerte das schon Jahrzehnte - einen seherischen Überdruss, was diese immer gleich aussehenden Figuren in den Scherenschnitten Robert Wilsons angeht. Der Texaner (dessen The Murder From "Deafman Glance" ich nach wie vor als eine von seinen genialsten Erfindungen halte; in dieser Frage stimmte ich mit Anja Silja, die das damals mit ihm spielte und mit der ich mich 2011 hierüber austauschte, wohlwollend überein) schien sich die Zwischenzeit nicht sonderlich entwickelt zu haben; jedenfalls nicht künstlerisch. Die Art Theater, die er (lebenszeitlang?) praktizierte und noch immer praktiziert, hat merkwürdiger Weise etwas völlig Zeitloses und wäre daher - so der Umkehrschluss - doch eigentlich unendlich... so unendlich wie die unendliche Melodieführung in Wagners Tristan [den er sicher irgendwann dann auch mal "richtig" inszenieren wird], aber im Tristan gibts diesen berüchtigten Akkord, auf den sich halt der ganze Tristan aufbaut, ja und wenn du halt die Bob'schen Scherenschnitte eines von ihm inszenierten Tristan nicht mehr sehen wollen würdest, könntest du alternativ die Augen schließen und den Tristan ohne Bob'sche Scherenschnitte "sehen"; das geht allerdings dann nur beim Tristan - und bei Goethes Faust? da geht das selbstverständlich nicht!

*

Das Hauptstück aller deutschen Hochkultur war gestern Abend mit "nur" vier Stunden (verkürzter) Spieldauer - gestutzte Textfassung von Jutta Ferbers - im BE zu hören und zu sehen:

Der Tragödie Erster sowie Zweiter Teil als Bob'scher Scherenschnitt.

Claus Peymann war so frei, seinem Kollegen - wegen akuter Premierenverschiebung - gleich den halben April zu opfern sprich sämtliche eigentlich für diesen Monat festgesetzten Spielvorhaben (inkl. Vorstellungen für das Wahl-Abo) zu streichen oder umzuplanen; in 9 (!) Voraufführungen durfte und konnte diese Robert Wilson-Megaproduktion in Ruhe aus- und durchprobiert werden - - man suche heutzutage mal nach einem Künstlerintendanten, der "sein" Haus für so was einem Quasi-Konkurrenten vorbehaltlos zur Verfügung stellt; Wilson & Peymann müssen demnach, woran nicht zu zweifeln sein dürfte, die allerbesten Freunde sein.

Und hatte sich diese Gemütlichkeit im Ganzen nun (für wen?) gelohnt??

Tantiemenmäßig wohl am ehesten für Herbert Grönemeyer, der aus dem Faust I und II ein Musical gemacht hat.

Beginnend beim sog. Vorspiel auf dem Theater bis zum Chorus Mysticus werde ich Ohrenzeuge von zwei Dutzend Grönemeyer-Einzel-und/oder-Duett-/Trio-als wie Ensemble-Musiken - ich kann zu ihren Qualitäten nichts Profundes einwenden, also nichts Gutes und auch überhaupt nichts Schlechtes, weil: Es ist nicht meine Richtung, und es ist nicht mein Geschmack. Für Herbert Grönemeyer-Fans jedoch - und davon gehe ich ganz sicher aus - könnte es ohne jede Frage ein totales Fest gewesen sein. Womöglich war ich letzten Endes (der Bejubelung am Schluss der Aufführung zufolge) einer von den Wenigen, die mit dem ganzen Zeugs dann nichts beginnen konnten. Meine Nerven jedenfalls lagen nach all den immer gleichen Klängen furchtbar blank.

Hochachtung vor den Musikern im Graben [Namen s.u.].



Fabian Stromberger (li.; als Faust) sowie Dorothée Neff, Antonia Bill und Christina Drechsler (als Nymphen) in Faust I und II am BE - Foto (C) Lucie Jansch

Matthias Mosbach, Laura Tratnik, Felix Tittel, Anna von Haebler (als Helena), Christopher Nell, Alexander Wanat (als Paris), Raphael Dwinger, Fabian Stromberger und Luca Schaub (v.l.n.r.) in Faust I und II am Berliner Ensemble - Foto (C) Lucie Jansch

Christopher Nell (als Mephistopheles) und Fabian Stromberger (als Faust) am Berliner Ensemble - Foto (C) Lucie Jansch


Aber es wird gottlob nicht nur gesungen in dem Musical, sondern auch ernst (also ironisch-ernst) und in schablonenhafter Masken-"Unbeweglichkeit" geschauspielert und sich - als unverwechselbares Markenzeichen Wilsons - zackig-zierend oder zickig-zehrend auf der Stelle oder hin und her bewegt.

Am augenscheinlichsten und mimisch-einprägsamsten der mit flittchenartiger Finesse und stark körperlicher Windig- und Geschmeidigkeit gezeichnete Mephistopheles durch Christopher Nell! Ein wahres Gaudi, ihm bei seinem tänzerischen Teufelswerk zu folgen - eine der markantesten Einfälle/Szenen, wo er diese scherenhändige Phorkyade Samuel Simons imitieren oder gar noch steigern will...

Vier Fäuste gibt es - Nicolas von Diepen, Marvin Schulze, Joshua Seelenbinder, Fabian Stromberger - , wobei der Letztgenannte zunehmend allein auf weiter Flur in der Tragödie Zweiter Teil bzw. deren ausgewählten Szenen oder Szenenteilen auszumachen ist.

Das Gretchen tritt dann auch gleich drei mal gleichzeitig in den Verkörperungen durch Antonia Bill, Christina Drechsler und Dorothée Neff auf.

Anna von Haebler ist Helena, Schuld und (in Faust I): Der Herr.

Die Tonbandstimmen Stefan Kurts (als Erdgeist) und Angela Winklers (als Homunkulus) sind hörbar.

Als Pudel-Pavian-Menschen-Mischung bellt/heult Lukas Gabriel durchs Stück.

Wie immer in den Wilson-Inszenierungen beschäftigen sehr schöne Bilder hie und da das Auge: Es gibt auch zwei Video-Projektionen Tomek Jeziorskis (einmal ein in Zeitlupe sich fortbewegender Gepard - ein andermal eine voranstürzende Gnuherde), die so vielleicht das große Fressen- und Gefressenwerden als naturgegebnen Grundzustand unserer Welt symbolisieren. Gut zu wissen.

Wilson wollte "keinen schweren Faust machen" - das ist ihm zweifelsohne allzu locker-leicht gelungen.

Nächster bitte.


Andre Sokolowski - 23. April 2015
ID 8594
FAUST I UND II (Berliner Ensemble, 22.04.2015)
Regie, Bühne und Lichtkonzept: Robert Wilson
Musik und Lieder: Herbert Grönemeyer
Kostüme: Jacques Reynaud
Mitarbeit Regie: Ann-Christin Rommen
Mitarbeit Musik/Sound Design: Alex Silva
Dramaturgie: Jutta Ferbers und Anika Bárdos
Mitarbeit Bühne: Serge von Arx
Mitarbeit Kostüme: Wicke Naujoks
Musikalische Leitung: Hans-Jörn Brandenburg und Stefan Rager
Musikalische Arrangements: Herbert Grönemeyer und Alex Silva
Zusätzliche Orchester-Arrangements: Hans-Jörn Brandenburg, Alfred Kritzer und Lennart Schmidthals
Licht: Ulrich Eh
Videoprojektionen: Tomek Jeziorski
Mit den Schauspielerinnen Antonia Bill, Christina Drechsler, Anna von Haebler, Dorothee Neff, Friederike Nölting, Theresa Riess und Laura Tratnik sowie den Schauspielern Raphael Dwinger, Lukas Gabriel, Matthias Mosbach, Christopher Nell, Luca Schaub, Marvin Schulze, Joshua Seelenbinder, Samuel Simon, Fabian Stromberger, Felix Tittel, Nicolaas van Diepen und Alexander Wanat
Orchester: Stefan Rager (Percussion, Computer), Hans-Jörn Brandenburg (Elektronisches Klavier, Computer), Joe Bauer (Klänge, Geräusche), Michael Haves (Synthesizer, Bass, Gitarre), Ilzoo Park (Violine), Sophiemarie Yeungchie Won (Violine), Min Gwan Kim (Viola) und Hoon Sun Chae (Violoncello)
Premiere war am 22. April 2015
Weitere Termine: 17. - 20., 22. 5. / 14. - 16. 6. / 9. - 12. 7. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-ensemble.de


Post an Andre Sokolowski

http://www.andre-sokolowski.de



 
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