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Premierenkritik

Die Kybernetik

der Macht


BORIS GODUNOW an der Deutschen Oper Berlin


Ain Anger als Boris Godunow an der Deutschen Oper Berlin | Foto (C) Bernd Uhlig

Bewertung:    



Für die Koproduktion zwischen der Londoner Covent Garden Oper und der Deutschen Oper Berlin wurde die Urfassung von 1869 gewählt, deren Vorzug vor manch andren ist die zwingende inhaltliche Stringenz und Kompromisslosigkeit der Musiktheateridee Mussorgskis. Sieben Bilder in vier Teilen, ohne Pause, das Drama spult sich als Tableau des Kampfes um die Macht ab. Das Programmheft (überraschend erfreulich ohne antirussische und antisowjetische Hetze) widmet sich den Verweisen auf Shakespeares und Verdis Macbeth-Versionen, sowie Verdis Don Carlos. So wird in der puristisch-eindringlichen Inszenierung von Richard Jones auch folgerichtig die Vision des Kindermordes, der Boris auf den Zarenthron, doch auch bis zu Wahnsinn und Tod treibt, zum bestimmenden Bild-Motiv, das, vor den Anfang gesetzt, als Pantomime in den immer gleichen Gesten wiederkehrt.

Dabei ist Boris gar nicht der Auftraggeber, jedenfalls bleibt es unklar – und es ist auch egal: Fakt ist, nur durch den Tod des kleinen Zarewitsch kam Boris auf den Thron, wo er zwar vernünftig und volksverbunden regiert – doch es nützt nichts, das Gerücht und die Intrigen holen ihn ein, zumal ein Betrüger antritt, mit mächtiger Unterstützung als wahrer Dimitri Boris zu stürzen. Die fatale Dynamik im Feld der Herrschaft lässt Boris durch seine Schuldgefühle zunehmend die Kontrolle entgleiten. Mit unbeirrter Konzentration aufs Wesentliche ist dieses Drama vom Regisseur fokussiert.

Die statuarischen Arrangements der großen Chorszenen gemahnen zwar anfangs noch an kostümierte Oratorienkonzerte, doch wird das Konzept zunehmend plausibel als Idee von der Kybernetik der Macht, in der dem Volk allenfalls eine Rolle als Staffage bleibt (und uns volkstümelnden Folklorismus erspart). Aufs Minimale reduziert laufen die Bilderfolgen wie am Fließband ab – und doch voller Intensität und Präsenz. Insofern befreiend wirkt überhaupt der konsequente Verzicht auf naturalistische Psychologie, zugunsten choreografisch klar herausgestellter Handlungslinien. Deutlich werden die Interessen- und Kräfteverhältnisse, eine intelligente und höchst lobenswerte Inszenierung, die mithin erholsam ohne alle vordergründige Politisierungen, Moralisierungen und Pseudoaktualisierungen auskommt.

Der robusten Rauheit und Wucht des Ur-Boris (Uraufführung erst 1929 – in der Sowjetunion) bleibt das Orchester der Deutschen Oper unter Kirill Karabits wenig schuldig. Wenngleich sich Schreiber dieses manche Szene eventuell ein Müh zügiger hätte vorstellen können - und ihm das Finale etwas zu geschmeidig wirkte -, kamen andererseits alle Facetten der Partitur zur Geltung. Glänzende Gesangsleistungen und Rollenporträts boten: als falscher Dimitri Grigorij Otrepjew Robert Watson - und in der Schankhausszene als Warlaam Alexei Botnarciuc sowie Matthew Newlin als Gottesnarr. Darüber hinaus hatte der Abend eindeutig drei Helden – und auch die wurden entsprechend triumphal vom Premierenpublikum gefeiert: der Chor der Deutschen Oper (Leitung: Raymond Hughes), der seinem Ruf alle Ehre machte. Sodann Ante Jerkunika mit überragender Stimm- und Gestaltungskraft in der Partie des Pimen: „der gebürtige Kroate ist derzeit einer der gefragtesten Bässe auf internationalen Bühnen“ – wirklich kein Wunder! –

Das Ereignis war die Hauptpartie. Ain Anger gab als Boris ein so überzeugendes, wie beeindruckendes Rollendebüt! Wenn im ersten Auftritt (und Premierenfieber) seine Stimme vielleicht für einen Moment mit der Höhe zu kämpfen hatte, errang sie sodann einen fraglosen Sieg und bildete auch gesanglich das leuchtende Zentrum des Werks. Angers Boris ist ein schlanker, überlegener und charismatischer Herrscher, dessen Geist ihn als solchen hinreichend legalisiert: wie er aus dieser Souveränität heraus das Auflehnen seiner Persönlichkeit gegen die innere Zerrüttung gestaltet – sodass am Ende selbst der Tod ihn nicht umzuwerfen vermag – das ist einfach großartig. Das Kind Fjodor berührt ihn, erst dann fällt der Tote - und die Dinge nehmen ihren Lauf.



Boris Godunow an der Deutschen Oper Berlin | Foto (C) Bernd Uhlig

Uwe Schwentzig - 18. Juni 2017
ID 10094
BORIS GODUNOW (Deutsche Oper Berlin, 17.06.2017)
Musikalische Leitung: Kirill Karabits
Inszenierung: Richard Jones
Szenische Einstudierung: Elaine Kidd
Bühne: Miriam Buether
Kostüme: Nicky Gillibrand
Licht: Mimi Jordan Sherin
Movement Director: Silke Sense
Chöre: Raymond Hughes
Leitung Kinderchor: Christian Lindhorst
Dramaturgie: Sebastian Hanusa
Besetzung:
Boris Godunow ... Ain Anger
Fjodor ... Solisten des Knabenchores der Chorakademie Dortmund
Xenia ... Alexandra Hutton
Xenias Amme ... Ronnita Miller
Fürst Wassili Schuiskij ... Burkhard Ulrich
Andrej Schtschelkalow ... Dong-Hwan Lee
Pimen ... Ante Jerkunica
Grigorij Otrepjew ... Robert Watson
Warlaam ... Alexei Botnarciuc
Schenkwirtin ... Annika Schlicht
Missaïl ... Jörg Schörner
Gottesnarr ... Matthew Newlin
Nikititsch ... Andrew Harris
Leibbojar ... Andrew Dickinson
Mitjuch ... Stephen Bronk
Grenzpolizist ... Samuel Dale Johnson
Chor der Deutschen Oper Berlin
Orchester der Deutschen Oper Berlin
Premiere am Royal Opera House Covent Garden in London: 13. März 2016
Berliner Premiere: 17. Juni 2017
Weitere Termine: 23., 27.06. / 01., 04., 07.07.2017
Koproduktion mit dem Royal Opera House Covent Garden, London


Weitere Infos siehe auch: http://www.deutscheoperberlin.de


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