Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 5

KULTURA-EXTRA durchsuchen...



Premierenkritik

Schein

und Sein


HERZOG BLAUBARTS BURG /
I PAGLIACCI an der Oper Leipzig


Herzog Blaubarts Burgi an der Oper Leipzig | Foto (C) Tom Schulze

Bewertung:    



Für die Doppelpremiere kombiniert die Leipziger Oper Béla Bartóks düsteres 2-Personen-Stück Herzog Blaubarts Burg mit Ruggero Leoncavallos glutvollem Verismo-Zweiakter I Pagliacci (Der Bajazzo). Letzterer erlebte bereits im Mai 2015 seine Premiere, da allerdings in Kombination mit Gordon Gettys Canterville Ghost.

Funktioniert diese Kombination?

Herzog Blaubart ist ein beklemmendes Schattenspiel, das von den zu erahnenden Schrecken lebt, der Bajazzo dagegen ein leidenschaftliches Eifersuchtsdrama mit fast schon plakativer Bühnenwirkung - unterschiedlicher können zwei Stücke kaum sein.

Blaubarts düstere, uneinnehmbare Burg ist ein Sinnbild seines Inneren, das seine Braut Judith mit ihrer Liebe erwärmen und erforschen will. Sieben verschlossene Türen symbolisieren Blaubarts Seelenleben, zu denen Judith nach und nach Eintritt fordert, nicht wissend, dass sie dies tiefer in den Abgrund stößt als sie es sich vorstellen kann. Denn hinter jeder Tür verbirgt sich auch hinter scheinbar Schönem etwas Grausames und Schreckliches, die siebte Tür offenbart zuletzt die früheren Frauen Blaubarts, denen Judith sich nun anschließen muss.

Ein derart mit Symbolen überfrachtetes Stück zu inszenieren ist schwierig, handelt es sich doch dabei um ein fernab von jeglicher Realität liegendes Bilderspiel. Regisseur Philipp J. Neumann nimmt diese Elemente zwar nicht wörtlich und verwandelt die Bühne dafür in eine felsige Mooslandschaft als Symbol für die kalte und lebensfeindliche Atmosphäre bei Blaubart, inszeniert den Einakter aber auch nicht gerade als fesselndes Psychogramm. Hier fehlt jegliche Subtilität, auch die Personenführung ist nicht besonders prickelnd, und für das Finale scheint dann die zündende Idee gefehlt zu haben. Dass dafür Waschmaschinen als Metaphern des sich immer Wiederholenden herhalten müssen, wo die ehemaligen Frauen Blaubarts ihre Kleider waschen und abwechselnd an- und ausziehen, ist nicht gerade einfallsreich, sondern einfach nur banal. Entsprechend dünn fällt am Ende auch der Applaus aus.

Die Musik ist dafür umso hörenswerter. Bartóks musikalische Vorbilder Strauss und Debussy sind hier deutlich hörbar. Die Schreckenskammern haben ihre eigenen, filmmusikartigen Klangbilder und charakterisieren dezidiert jedes "Seelenzimmer", sodass keinerlei explizite Darstellung nötig ist, um den Inhalt vor dem geistigen Auge heraufzubeschwören. Unter Christoph GedscholdGewandhausorchester die berauschenden und verstörenden Klänge großartig zur Entfaltung und erzeugt jene Bilder, die uns in Blaubarts Seele schauen lassen.

Die Titelrolle ist bei Tuomas Pursio in den besten Händen. Mit expressivem und gestaltmächtigem Bassbariton lotet er die seelischen Untiefen des scheinbaren Frauenmörders aus und zeigt auch darstellerisch, dass Blaubart kein Monster ist, sondern auch ein Leidender, der vergeblich auf der Suche nach "der einen" Frau ist. Eine wie immer großartige Leistung von ihm! Karin Lovelius´ Judith überzeugt da leider nicht ganz so sehr. Ihr Mezzo bleibt über weite Strecken etwas farblos, was auch ihr Spiel nicht ausgleichen kann.

*

Nach der Pause folgt das Kontrastprogramm: Eifersucht, und Mord auf offener Bühne. Die tragische Geschichte des alternden Schauspielers Canio, der von seiner Frau Nedda sowohl auf als auch abseits der Bühne betrogen wird, zeigt das gefährliche Wechselspiel zwischen Spiel und Realität und was passiert, wenn man beides nicht mehr voneinander zu unterscheiden mag.
Regisseur Anthony Pilavachi und Ausstatterin Tatjana Ivschina haben das Stück szenisch etwas aufpoliert und siedeln das Ganze auf einem Dorfplatz im Kalabrien der 1950er an, inspiriert von den Filmen Viscontis und Fellinis. Ihr "Theater im Theater" ist voll von Anspielungen auf die Commedia dell ´Arte und besticht mit vielen guten Einfällen.

Mit clownhaft weiß geschminkten Gesicht und viel dramatischer Intensität in der Stimme gibt Zoran Todorovich den eifersüchtigen Komödianten und verzichtet erfreulicherweise in seiner großen Arie auf jegliche falsche Tränen und Schluchzer. Bei manchem Fortissimo-Ausbruch klingt sein Tenor jedoch zu angestrengt.

Eun Yee You singt mit lyrisch zirpender Stimme die mal kokette, mal verzweifelte Nedda, die endlich dem unsteten Leben mit dem ungeliebten Mann entfliehen will. Dabei will ihr Liebhaber Silvio (gesungen von Alik Abdukayumov mit Super-Mario Bärtchen und weißer Vespa) ihr behilflich sein, doch auch er fällt der tödlichen Eifersucht Canios zum Opfer. Mit viel Spielfreude und leichtem Tenor amüsiert der Peppe von Dan Karlström. Luca Grassi gibt großartig zunächst den aufklärenden Prolog-Sänger, bevor er mit düster-drohendem Bariton innerhalb weniger Sekunden in das Gewand des schmierigen, intriganten Tonio schlüpft, um am Ende das Ganze mit einem lakonischen "La commedia é finita" zu kommentieren.

Den Spagat von der impressionistisch angehauchten Spätromantik zum expressiven Verismo Leoncavallos schafft Christoph Gedschold ohne Probleme und zeigt, dass beides an einem Abend spielbar ist.

Am Ende gibt es jede Menge Applaus und Bravi für die Solisten, den Dirigenten und vor allem auch für Anthony Pilavachi.



I Pagliacci an der Oper Leipzig | Foto (C) Tom Schulze


* *

Fazit:

I Pagliacci ohne die Cavalleria rusticana? Ja das funktioniert tatsächlich. Denn gerade der musikalische als auch szenische Kontrast zwischen dem fantastisch anmutenden Blaubart und dem knallig-brutalen Pagliacco ist ziemlich reizvoll, auch wenn die Inszenierung des Blaubarts einige Schwächen offenbart, aber ein Besuch der Pagliacci lohnt auf jeden Fall!
Eva Hauk - 8. April 2018
ID 10630
HERZOG BLAUBARTS BURG | I PAGLIACCI (Oper Leipzig, 07.04.2018)
Musikalische Leitung: Christoph Gedschold
Inszenierung: Philipp J. Neumann (Blaubart) / Anthony Pilavachi (Bajazzo)
Bühne: Philipp J. Neumann (Blaubart) / Tatja a Ivaschine (Bajazzo)
Kostüme: Karoline Schreiber (Blaubart) / Tatjana Ivaschina (Bajazzo)
Choreinstudierung: Thomas Eitler-de Lint und Sophie Bauer (Kinderchor)
Besetzung:
Herzog Blaubart ... Tuomas Pursio
Judith ... Karin Lovelius
Canio ... Zoran Todorovich
Nedda ... Eun Yee You
Tonio ... Luca Grassi
Peppe ... Dan Karlström
Silvio ... Alik Abdukayumov
Chor der Oper Leipzig
Gewandhausorchester Leipzig
Premiere war am 7. April 2018.
Weitere Termine: 21.04. / 09.06.2018


Weitere Infos siehe auch: http://www.oper-leipzig.de


Post an Eva Hauk

Premierenkritiken



Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!



Vielen Dank.



  Anzeigen:




MUSIK Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Kurzmeldungen

BAYREUTHER FESTSPIELE

CASTORFOPERN

CD / DVD

FREIE SZENE

INTERVIEWS

KONZERTKRITIKEN

LEUTE MIT MUSIK

MUSIKFEST BERLIN

NEUE MUSIK

OPERNPREMIEREN

ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski




Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal




Home     Impressum     Autorenverzeichnis     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2018 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de