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nachDRUCK # 2

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Premierenkritik

Menschen

(Trolleys)

im Hotel



Il viaggio a Reims in einer Aufführung der UdK Berlin | Foto (C) Daniel Nartschick

Bewertung:    



Hätte ich so nicht vermutet, dass bereits schon zur Rossini-Zeit (und ungefähr zwischen dem Ende des Ersten Französischen Kaiserreichs und der Julirevolution von 1830) gewisse Vorgriffe auf das sich erst im 20. Jahrhundert etabliert habende Absurde Theater vorhanden waren. Die Reise nach Reims, die gestern Abend durch die UdK ihre szenische Erstaufführung in Berlin erlebte, ist ein dramaturgisches Situativ im Sinne eines Warten auf Godot - verteilt auf 16 "handelnde" Personen:


"Tatsächlich stellt Il viaggio a Reims, eine eigens für die Feierlichkeiten zur Krönung Charles X. komponierte und 1825 uraufgeführte Oper, einen Höhepunkt in Rossinis Laufbahn dar. In diesem Einakter materialisiert sich Rossinis tiefgründiger, äußerst italienischer Witz und sein liebevoll spöttelndes Selbstverständnis. Dargestellt wird eine Reise nach Reims zur Krönung des französischen Königs, die niemals stattfindet. In einem Hotel irgendwo in der französischen Provinz warten aus halb Europa gestrandete Menschen auf ihre Weiterreise nach Reims. Doch es gibt keine Pferde mehr, und damit kein Vor und kein Zurück. Die Reisenden treten auf der Stelle, verlieren sich in Hysterie, Streit und Skurrilitäten und feiern letztendlich die Krönung im Hotelgarten auf sehr bizarre Art: mit den nationalen Gesängen ihrer Heimatländer."

(Quelle: UdK Berlin)


Idee und "Handlung" von Texter Balocchi [s.o.] sind dann in der Tat bizarr und treffen nachgerade, gar nicht mal so überraschend, auf so was wie einen Zeitgeist: Keine Feier ohne Meier oder wie es so schön heißt; ein soziologisch anmutendes Phänomen. Das Inszenierer-Team unter dem Regisseur Frank Hilbrich (Bühne: Jezi Tay / Kostüme: Nuria Heyck, Anna Philippa Müller) hat sich dann auch folgerichtig auf den allgemein sich breit gemacht habenden Life Style kapriziert. Die Absteige könnte als Ein- bzw. Kein-Sterne-Hotel klassifiziert sein, ihre Ausstattung besteht aus einer Anzahl hin und her gerollt und auf und zu gemacht werdender Trolleys. Und die Abgeschmacktheit der getragenen Klamotten, die die ungefähr zwei Dutzend Ausführenden tragen müssen, spricht für sich.

Hilbrich will das skurrile Werk vor allem auch als "Euro-Oper" aufgefasst haben, indem er beispielsweise im Programmheft schreibt:



"Es ist beklemmend zu sehen, wie viele Parallelen Rossinis Oper mit der heutigen Zeit hat, wie viele uralte europäische Grabenkämpfe hier Eingang gefunden haben. Die Figuren und ihre Konflikte kommen uns seltsam vertaut vor und es wird deutlich, dass viele der politischen Auseinandersetzungen, die das moderne Europa prägen, tief in der europäischen Geschichte und im Selbstverständnis der europäischen Nationen wurzeln. Einigkeit kann nur auf der Oberfläche erzielt werden. Ein freundlicher und unverbindlicher Umgangston ist üblich, solange es keine Probleme gibt. Sobald diese aber auftreten, wird es bitterernst..."


Das treibt der Regisseur dann dahingehend auf die Spitze, dass er die Dramatis personae am Schluss der "Handlung" sich in einem kollektiven Overkill entäußern lässt, d.h. es überlebt - außer den sich die 140 Spielminuten schon zuvor verselbständigt habenden Menschentrolleys - niemand groß.

Ein insgesamt doch kluger, schlüssiger und durchaus fortschrittlicher Ansatz, dieser eigentlich ja selten aufgeführten Oper von Rossini (Il barbiere di Siviglia und Petite Messe solennelle usw.) szenisch beizukommen.

*

Und gesungen wird zumeist auf Höchstniveau:

Allen voran und alle überragend die erst 25 Lenze zählende spanische Sopranistin Natalia Labourdette! Ihr schönes „Arpa gentil, che fida“ - das Auftrittslied Corinnas in der elften Szene - wird dann außer mittels ihrer schönen Stimme allenthalben noch mit paar schönen Arpeggien der sie allerliebst umschmeichelt (und von Manuela Collela gespielt) habenden Harfe manifest. Sie klingt glasklar, beinahe schon geradlinig, was ihrem Sound eine gewisse Ausgeglichenheit und Ruhe nebenher verleiht. Fast mühelos erklimmt sie Höhen. Ihre Ausstrahlung ist knisternd-sinnlich, und ihr spielerischer Impetus drängt sich nicht vordergründig auf.

Die Koreanerin Hyelim Jo (29) scheint da etwas mehr auf Rampensau getrimmt, was insbesondere der Rolle jener modenärrischen Hysterikerin Contessa di Folleville schier ideal zupasse kommt. Koloraturmäßig ist sie top-fit und kann sich, quasi bis zur Schallmauerextreme, hoch und immer höher schrauben. Ihr Humor, das auch, springt sofort über.

Holländer Linard Vrielink (24) hat einen extrem hoch angesiedelten Tenor, den er aufs Virtuoseste beherrscht; er ist in dieser Inszenierung als der russische Conte di Libenskopf präsent.

Ja und auch EunJi Oh (26) oder HyunMin Kim (34) fallen stimmlich auf. Sie als hotelbesitzende Tirolerin Madama Cortese singt, wie es meinen Ohren kurzzeitig erinnert worden ist, so wie die frühe Bartoli; er als Lord Sidney imponiert mit seinem durchgreifenden schwarzen Bass.

Das Symphonieorchester der Universität der Künste Berlin muss mit der nicht gerade idealen Vorzeige-Akustik in dem UNI.T klar kommen, Errico Fresis hat es dirigiert.

Frenetische Begeisterung.




Il viaggio a Reims in einer Aufführung der UdK Berlin | Foto (C) Daniel Nartschick

Und übrigens: Die DOB, die ab Juni 2018 Il viaggio a Reims auch auf dem Spielplan haben wird, könnte sich aus der UdK-Besetzungsliste wohlweißlich-getrost bedienen. Adäquater Nachwuchs wäre also da.



Andre Sokolowski - 7. Juli 2017
ID 10129
Il viaggio a Reims (UNI.T, 06.07.2017)
Musikalische Leitung: Errico Fresis
Regie: Frank Hilbrich
Bühne: Jezi Tay
Kostüme: Nuria Heyck und Anna Philippa Müller
Mit: Natalia Labourdette, Anna Schors, Hyelim Jo, EunJi Oh, Daniel Arnaldos, Linard Vrielink, HyunMin Kim, TaeJong Kim, Matwej Korshun, Ren Fukase, Christoph Brunner, KyoungLoul Kim, Marie Sofie Jacob, Katharina Held, YeHui Jeong und William Frost
Amaru Soren, Hammerflügel
Vokalensemble
Symphonieorchester der UdK Berlin
Premiere an der Universität der Künste Berlin: 6. Juli 2017
Weitere Termine: 07.-09.07.2017

UNI.T – Theater der UdK Berlin
Fasanenstr. 1 B
10623 Berlin


Weitere Infos siehe auch: http://www.udk-berlin.de


http://www.andre-sokolowski.de

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