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Performance

Der Neue Mozart

LES ROBOTS NE CONNAISSENT PAS LE BLUES ODER DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL von Gintersdorfer/Klaßen


Foto (C) Pio Rahner

Bewertung:    



Sollte Kunst nicht frei sein?!

Unsere europäische Hochkultur muss aber immer den Schmerz betonen; die Freiheit hingegen sollte hart erkämpft werden. Arie Nr. 1 besingt die Marter aller Art und auch die Angst davor.

Mit der Oper hat das Bürgertum eine Kunstform geschaffen, der es um Aufklärung geht und Mozart als Prophet dasteht. Dabei gibt es simple Liebes-Dialoge, romantische Vorstellungen, wie man Frauen befreit - immer begleitet von diesem unendlichen Leiden.

Nicht so die Künstler von der Elfenbeinküste. Sie sind spontan, betanzen wild die Bühne, musizieren aus dem Jetzt. Sie sind frei. Elektronische Beats betonen das Experimentelle, das Impulshafte. Dafür steht der wunderbare Ted Gaier, Gründungsmitglied der Goldenen Zitronen, einer Hamburger Band. Es ist ein starker Kontrast zur Oper.

In diesem Stück wird also die Bürgerkultur hinterfragt, der ganze Apparat Oper. Diese ganze kluge westliche Existenz wird einer fremden Kultur gegenübergestellt - in Afrika tanzt man anders. Seitenwechsel sind erwünscht.

Es werden aber nicht nur Widersprüche aufgedeckt, Gemeinsamkeiten werden gefunden. Musik verbindet. Und im Laufe des Abends erfährt man etwas über Gesangstechnik, hört Mozart vom Orchester (Leitung: Markus Poschner) gespielt und eben nicht verstärkt. Und jedes Mal, wenn es denn einen Wechsel von elektronischen Beats zur Klassik gibt, sind die Ohren besonders offen und lauschen.

Dann wieder absurde Showbiz-Einlagen der ivorischen Tänzer in abstrusen Kostümen. Und auch die anderen spielen verrückt; unter dem Motto "Ich bin noch viel wilder!" flippen auch die Weißen aus, singen Arien auf dem Bauch liegend oder sich gegenseitig anschreiend. Ja, wir lernen hier, dass eine Arie eigentlich gesundes Schreien ist oder sein sollte.

Der bildende Künstler Knut Klaßen, der laut denkend durch die zweieinhalb Stunden führt und die herrlich verrückte Mischung Elektronik und Oper in brisanter Weise moderiert, besingt und befeuert das kreative Chaos mit teils schönen falschen Tönen. Dabei ist der Bühnenraum nicht heilig; die Zuschauer dürfen ihn belagern und sitzen jetzt, wo gerade Platz ist. Hier wird die gleichberechtigte Arbeitsweise betont, aus der Neues passieren kann.

Dann hören wir Mozart für afrikanische Ohren, zitternd voll Feuer singt der ivorische Sänger SKelly auf einfache direkte Weise: "Mein liebevolles Herz ist gefährlich schön.“

Wenn Mozart jetzt lebendig wäre, würde er das nicht ändern.

Couper Decaler - so heißt der Musikstil der ivorischen Performer. Da geht es um Körperstärke, Spontaneität und Lust. Die Arie - ist sie ein Liebesgesang, ein Zucken im Geschlechtsakt? Für Afrikaner muss es so klingen.

Auch geht es darum, wie man eine europäische Frau gewinnt. Vor allem braucht man dafür Geld. Die Weiße ist entsetzt! Wie kann man eine Frau kaufen wollen! Hier ist Mann ganz direkt, denn sie ist doch so kokett!

Auch die Afrikaner haben ihre Denkweise. Immer nannten wir sie die primitiven Menschen, die nichts wert sind, die man versklaven kann...

Doch welche Werte sind das bloß in unserer bürgerlichen Welt der Aufklärung, wo man immer noch einen Jesus braucht?!

Das Kollektiv: "Wir suchen nicht nur Gemeinsamkeiten, sondern betonen auch die Differenzen. Es geht um heterogene Weltwahrnehmung und deren differenzierte Beschreibung."

Die Zeit drängt. Immer mal wieder entfällt aus Witz eine Arie, und das macht auch nichts, weil jetzt singt Gotta Depri so hoch, da sie ihr Bein auf akrobatische Weise hebt. Koloratur und Technik sind dabei perfekt. Wie wird man Opernsängerin? Hier werden wir von der anderen Sängerin, Nicole Chevalier, auf amüsante Weise aufgeklärt. Es ist Technik und Befreiung, Mozart muss man präzise singen als stünde man in einer Box, eiskalt und ohne Gefühl. Und was denkt sie, wenn sie singt? Sie singt und korrigiert sich gleichzeitig, als wäre in ihr noch die Lehrerin.

Was ist mit der Stimme bei drei Auftritten am Tag? Jeder der sehr unterschiedlichen Sänger, hier Patrick Zielke, hat dazu etwas zu sagen. Man muss auf jeden Fall etwas können und dann ausbrechen, loslassen und fliegen.

Karaoke kann aber jede/r, zumal jetzt Texttafeln durch die Zuschauerreihen gereicht werden mit Sprüchen wie "Ich hasse die Elite", "In der Oper sterben die Frauen und die Männer machen Kunst daraus", "Die Oper eine geschlossene Sekte".

Jetzt wird es aber Zeit, die Frauen aus dem Serail zu befreien. Und was ist mit den Männern?

Und den Liebesbeweisen? Arie 16 b könnte von den Pet Shop Boys kommen und die unheilvolle Monogamie beenden. Ist doch eh nur ein Herrschaftsinstrument der Bourgeoisie.

Ich bin mir sicher, der Schlaftrunk war nicht stark genug, und eine Reihe von Menschen im Publikum sind kurzfristig aufgewacht bei so viel Spaß und Unverklemmtheit.

Gut ist, wenn wir das nicht nur auf der Bühne sehen wollen, sondern auch in unseren Alltag tragen.

Das nennt man heute: an der Kunst teilhaben - weil: man ist jetzt wunderbar vom Bühnenvirus angesteckt.




Bildquelle: kampnagel.de

Liane Kampeter - 22. Juni 2016
ID 9397
LES ROBOTS NE CONNAISSENT PAS LE BLUES ODER DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL (Kampnagel Hamburg, 18.06.2016)
Musiktheater von Ted Gaier, Benedikt von Peter & Markus Poschner und Theater Bremen

Musikalische Leitung: Markus Poschner
Regie: Monika Gintersdorfer und Benedikt von Peter
Bühne und Kostüme: Knut Klaßen
Komposition und Sounddesign: Ted Gaier
Licht: Christopher Moos
Dramaturgie: Katinka Deecke
Mit: Nicole Chevalier, Gotta Depri, Ted Gaier, Hauke Heumann, Hyojong Kim, Nerita Pokvytytė, Eric Parfait Francis Taregue alias SKelly, Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star und Patrick Zielke
Bremer Philharmoniker
Uraufführung am Theater Bremen: 4. Juli 2015
Gastspiel des Theaters Bremen auf Kampnagel Hamburg


Weitere Infos siehe auch: http://www.kampnagel.de


Post an Liane Kampeter

http://www.liane-kampeter.de



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