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Opernkritik

Luxus ist

ein kalter Fisch



Manon Lescaut an der Bayerischen Staatsoper - Foto (C) Wilfried Hösl

Bewertung:    



Auf breiten Schwingen saust es heran und sogleich über unsere Köpfe hinweg, wie ein großer, schwarzer Vogel: Alain Altinoglu kleidet das Intermezzo aus Puccinis Manon Lescaut in das Gewand eines Todesengels. Kaum ist dessen letzter Ton verhallt, geht auf der Bühne wieder das Licht an. Da liegt es nun und reißt sein Maul auf, so weit es geht - das klaffende Riesenloch! Und es schluckt ohne jedwedes Erbarmen vorzugsweise Schmerzensjungfrauen und Sünderinnen, aber auch gern die eine oder andere Statistin. Doch die allererste, die in dieses Loch - wohlgemerkt: aus freien Stücken - rannte, war eine Sopranistin, bekannt aus Funk und Fernsehen. Sie wollte nicht bis zur Premiere bleiben, sondern lieber gleich nach Amerika aufbrechen. Na dann: Auf Nimmerwiedersehen, zumindest was diese Produktion betrifft. Über den Vorfall wurde berichtet, gegrantelt, gerüchtelt - Thema erledigt!
 
Betrachten wir stattdessen den (vorgeschobenen?) Stein des Anstoßes, die Charakterisierung der Titelheldin: Diese ist bei Hans Neuenfels nicht länger die aufgepimpte Nachtigall, die nach einem Leben im goldenen Käfig den leider viel zu frühen Armutstod erleiden muss. Vielmehr wirft er Manon wie einen kalten Fisch ins dunkle, bisweilen kristallin-funkelnde, aber eben leere Aquarium hinein, in welchem sie zwischen Liebe und Luxus hin- und herzappelt, sich windet und nach Luft schnappt, bis sie schlussendlich ohne Wasser dahinsiecht und verendet. Trotzdem geht im Finale nicht eine einzige Träne auf Reisen: Manons schnödes Mammon-Schicksal hinterlässt uns schulterzuckend, sie bleibt uns fremd. Nein, nicht nur uns, sondern auch sich selbst. Und das ist die seit langem vielleicht überzeugendste Beobachtung dieser Figur.

Neuenfels durchwürzt die Handlung auf seine Art - mit kleinen, fiesen, lustigen Gemeinheiten. Die augen- und ohrenfälligste ist wohl der blendend aufgelegte Chor der Bayerischen Staatsoper, der als ein Haufen rothaariger Trolle Posen macht und Possen reißt, was wiederum bedeutet, dass er das, was er zu singen hat, als ironische Kommentare aufzufassen wünscht. Die Kirche bekommt wieder eins auf die Mütze, es gibt viel auf den Zwischenvorhängen zu lesen, ebenso wenig fehlt die Kutsche, diesmal gezogen von sechs Jünglingen. Stefan Mayer hat einen edel gestylten Raum entworfen, der durch das Lichtdesign von Stefan Bolliger seine volle Wirkung entfaltet. Die Kostüme von Andrea Schmidt-Futterer gehen in völlig unterschiedliche Richtungen (ulkige Pluderhosen, schwarze Fräcke, modische Sportswear) und bilden dennoch eine ästhetische Linie.

Das ist Oper auf der Höhe der Zeit, auch musikalisch. Die schwelgerisch wogenden Puccini-Wellen, die das Bayerische Staatsorchester unter Alain Altinoglu fabriziert, sind eben nicht nur Plätscher-Plätscher, wie es zuletzt bei Verdi immer wieder der Fall war. Der Klang ist präzise wie ein Uhrwerk und kommt mit einer Wuchtigkeit daher, die einen regelrecht in den Sitz drückt. Altinoglu teilt dynamische Backpfeifen aus, lässt aufbrausend, auch kantig spielen. Nicht jeder Sänger kommt damit zurecht: Roland Bracht bleibt stimmlich blass, auch darstellerisch fehlt seinem Geronte di Ravoir der nötige Biss. Die übrigen Herren sind besser besetzt: Dean Power ist ein smarter Edmondo; Ulrich Reß legt als Ballettmeister einen kurzen, aber einprägsamen Auftritt hin, und Markus Eiche leiht dem Lescaut seinen machtvollen, ganz und gar süchtig machenden Bariton. Kristine Opolais gräbt sich in ihre Rolle und spielt diese unterkühlte, sphinxhafte Manon mit bewundernswerter Konsequenz. Und gesanglich? Mmh! Da mangelt es oftmals an Durchschlagskraft, gerade dann, wenn Puccini in die Vollen greift. Fast scheint es so, als läge ein Schleier über ihren Stimmbändern. Ihre Höhe trägt vor allem in den lyrischen Passagen, aber in diesen klingt dann der ein oder andere tiefe Ton nicht optimal. Wieder einmal ist es Jonas Kaufmann, der die Sängerkrone des Abends einheimsen kann. Sein Tenor hat, pardon, die Eier, die man für den Des Grieux nun mal benötigt: Strahlkraft, Schmelz und Schluchzer - alles da. Es fehlt eigentlich nur noch, dass er sich das Hemd aufreißt und die Knöpfe im hohen Bogen über den Graben fliegen. München liegt ihm zu Füßen, ich ebenso. Chapeau!



Manon Lescaut an der Bayerischen Staatsoper - Foto (C) Wilfried Hösl
Heiko Schon - 2. Dezember 2014
ID 8290
MANON LESCAUT (Münchner Nationaltheater, 30.11.2014)
Musikalische Leitung: Alain Altinoglu
Inszenierung: Hans Neuenfels
Bühne: Stefan Mayer
Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer
Licht: Stefan Bolliger
Konzeptionelle Mitarbeit: Yvonne Gebauer
Dramaturgie: Rainer Karlitschek, Benedikt Stampfli
Besetzung:
Manon Lescaut … Kristine Opolais
Lescaut … Markus Eiche
Renato Des Grieux … Jonas Kaufmann
Geronte di Ravoir … Roland Bracht
Edmondo … Dean Power
L’Oste … Christian Rieger
Il Maestro di ballo … Ulrich Reß
Un Musico … Okka von der Damerau
Un sergente … Christoph Stephinger
Un lampionaio … Alexander Kaimbacher
Un comandante … Evgenij Kachurovsky
Bayerisches Staatsorchester
Chor der Bayerischen Staatsoper
Chorsoli: Kyong Yun Chung, Melanie Arnhold, Stefanie Kauter, Ida Wallén
Choreinstudierung: Sören Eckhoff
Premiere war am 15. November 2014
Weitere Termine: 4., 7. 12. 2014 / 28., 31. 7. 2015


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsoper.de


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