Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 5

KULTURA-EXTRA durchsuchen...



Opernkritik

Heil Elsa!



Lohengrin am Aalto-Musiktheater Essen / Foto (C) Forster

Bewertung:    



Wagners Opern schwelgen in großen Gefühlen. Sie zeigen, wie Menschen gerade wegen ihrer Sehnsucht, Hoffnung, Macht und Liebe scheitern. Es ist niemals heldenhaft, einen Erlöser herbeizusehnen. Der Glaube könnte stets auch in die Irre leiten. Regisseurin Tatjana Gürbaca findet in ihrer Inszenierung von Richard Wagners Lohengrin am Aalto-Musiktheater Essen eindringliche Bilder für eine Verführbarkeit des Volkes, das in unsicheren Zeiten nach Orientierung giert. Immer wieder wechselt das Volk unreflektiert, einstimmig und fliegend die kontrahierenden Seiten, wenn öffentlich Konflikte ausgetragen werden. Das Individuum steht dabei stets einem beeinflussbaren Chor-Kollektiv gegenüber.

Zu dichten Streicherarrangements der Ouvertüre werden eingangs auf einen durchscheinenden Vorhang Bilder eines Waldes projiziert. Der Vorhang wird halb transparent und zeigt stumme Szenen, die den daraus hervorgehenden Konflikt begründen. Elsa, die Herzogin von Brabant, verliert auf einem Spaziergang ihren kleinen Bruder Gottfried. Ihr Vormund Telramund klagt sie daraufhin des Brudermordes an. Die Adlige wird beim nun anstehenden Duell von einem unbekannten Ritter vertreten, dem Schwanenritter Lohengrin. Nachdem er Telramund im Zweikampf besiegt hat, gesteht ihm Elsa ihre Liebe. Auch das Volk, das zuvor Elsa noch mit roten Aufschriften auf ihrer Kleidung als „Hexe“ und „Mörderin“ diffamierte, liegt Lohengrin zu Füßen. Es feiert sein plötzliches Erscheinen, das von fein sirrendem Geigenklang begleitet wird, wie ein sich verkündendes Heil. Der weltfremden und naiven Liebe Elsas und Lohengrins stehen jedoch die Interessen des machtgierig und strategisch vorgehenden Paares Ortrud und Telramund gegenüber.

Marc Weeger schafft ein schlichtes Bühnenbild, bestehend aus einer weißen Treppe mit engen Stufen. Auf diesen begrenzten Raum können sich Figuren schnell erheben oder wieder abstürzen. Belebt wird die requisitenarme Bühne von den Solisten und v.a. von der Statisterie und dem Chor. Als labile und manipulierbare Masse agieren der Opernchor und Extrachor des Aalto-Musiktheaters in kunstvoll durchchoreographierten, energievoll bewegten Szenen pantomimisch eindrucksstark - mal mit übersteigerten Gesten, dann wieder wie in Zeitlupe oder eingefroren. Neben die Brabanter Bürger treten bald Wehrsoldaten in Dienstuniform, die wiederholt aufmarschieren. Als sinnstiftende Projektion dienen jedoch Lohengrin und sein Schwan dem Volk.

Dramatische Wendungen ins Brutale, wie plötzlich in alle Richtungen gereckte Pistolen, Transparente mit der Aufschrift „Krieg“ oder ohnmächtig zu Boden gehende Soldaten erscheinen während der Vorführung allzu plötzlich und unmotiviert. Wiederkehrende Elemente der Rührung bieten hingegen durchaus berückende Momente. So schreitet Elsas verschwundener Bruder Gottfried anfangs als Schwan erkennbar auf den Händen der Gemeinschaft langsam und vorsichtig die Treppe herab, während später ebenso zaghaft der Brautschleier Elsas körperlos sanft die Treppe empor zum Altar gehoben wird. Gottfried irrt als blasser, zarter und nur leicht bekleideter Schwanenknabe allgegenwärtig stumm, verwirrt und sichtbar versehrt auf der Bühne herum, findet jedoch nur bei Lohengrin wirkliche Nähe. Später wird er in Lohengrins Hochzeitsbett kurz aufschreien, bevor die Braut ihn wie beiläufig zudeckt. Ein bedeutungsschweres Bild voller angedeuteter Schuldbeladenheit.

Der schwedische Gasttenor Daniel Johansson gibt einen ansehnlichen und betont standhaften Lohengrin mit unaufdringlichem und melancholischem Tenor. Seine Stimme gewinnt in starken Momenten wie etwa der Szene im Brautgemach dramatische Strahlkraft, wirkt jedoch bei der Gralserzählung etwas angestrengt und flach. Die britisch-kanadische Sopranistin Jessica Muirhead spielt die Elsa erst als kindlich-unbekümmertes und naiv-biederes Mädchen, das später Lohengrin im Hochzeitsgemach kokett als selbstbewusste Frau zu verführen trachtet, um dann doch trotzig alle vormaligen Schwüre über Bord zu werfen. Neben ihrer spielerischen Bühnenpräsenz überzeugt Muirhead auch stimmlich mit fragil leichtem bis intensivem, hervorragend phrasiertem und lyrischem Gesang. Als leicht zu vereinnahmenden Aufrührigen stilisiert Bariton Heiko Trinsinger den Telramund dramatisch dröhnend und hell timbriert. Ihn umgarnt als seine Gattin Ortrud Katrin Kapplusch scharf stichelnd oder lodernd verführerisch mit schlankem Mezzo. Durch markante und wohlforcierte Stimmen und gute Textverständlichkeit überzeugen auch Martijn Cornet als Heerrufer und Almas Svilpa als König. Neben dem präzisen Opernchor und Extrachor (Choreinstudierung: Jens Bingert) seien schlussendlich auch die Essener Philharmoniker unter der musikalischen Leitung von Tomáš Netopil erwähnt, die Wagners farbenreiche Musik mit nuancierten Instrumentensoli etwa von Blechbläsern auf der obersten Zuschauertribüne sowie dramatischen Zuspitzungen, Entwicklungen und Spannungsbögen zur Formvollendung bringen. Das allgegenwärtige Motiv „Nie sollst du mich befragen“ wird ausgekostet - ebenso wie die langen Chorsätze und bestätigenden Proklamationen.

Am Ende zieht die vermeintliche Lichtgestalt von dannen. Es herrscht trostlose Desorientiertheit unter den Brabantern. Ortrud und Elsa erscheinen kurzzeitig wie Verbündete, als Verliererinnen in dieser patriarchalen Gesellschaft. Ungeachtet dieser vermeintlichen weiblichen Solidarität, welche Dramaturg Markus Tatzig auch am Schluss entgegen der Vorlage andeutet, übt Elsa brutal Suizid. Vielleicht eine der vielen überflüssigen Wendungen der ebenso einfallsreichen wie gewagten Inszenierung.




Lohengrin am Aalto-Musiktheater Essen / Foto (C) Forster

Ansgar Skoda - 7. Januar 2017
ID 9776
LOHENGRIN (Aalto-Musiktheater Essen, 30.12.2016)
Musikalische Leitung: Tomáš Netopil
Inszenierung: Tatjana Gürbaca
Bühne: Marc Weeger
Kostüme: Silke Willrett
Licht: Stefan Bolliger
Choreinstudierung: Jens Bingert
Dramaturgie: Markus Tatzig
Besetzung:
Heinrich der Vogler … Almas Svilpa
Lohengrin … Daniel Johansson
Elsa von Brabant … Jessica Muirhead
Friedrich von Telramund … Heiko Trinsinger
Ortrud … Katrin Kapplusch
Der Heerrufer des Königs … Martijn Cornet
u.a.
Statisterie des Aalto-Theaters
Opernchor und Extrachor des Aalto-Theaters
Essener Philharmoniker
Premiere im Aalto-Musiktheater Essen war am 4. Dezember 2016.
Weitere Termine: 11.01. / 16.03. / 01.04.2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.aalto-musiktheater.de


Post an Ansgar Skoda

http://www.ansgar-skoda.de



  Anzeigen:




MUSIK Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Kurzmeldungen

ARCHIV
Konzerte + Musiktheater

CASTORFOPERN

CD / DVD

FREIE SZENE

INTERVIEWS

LEUTE MIT MUSIK

NEUE MUSIK

PREMIERENKRITIKEN

ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski




Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal




Home     Impressum     Autorenverzeichnis     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2017 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de