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Operette

Amouröses

Treiben

auf der

Hüpfburg



Die große Sünderin in der Musikalischen Komödie Leipzig | Foto (C) Ida Zenna

Bewertung:    



Wie schon in der vorhergehenden Spielzeit, gräbt die Musikalische Komödie auch diese Saison wieder einige Raritäten aus. Den Anfang macht Eduard Künnekes 1935 uraufgeführte Operette Die große Sünderin, die - nach einer Handvoll Aufführungen in den 1930er Jahren und einer Aufnahme des Operetten-Großmeisters Franz Marszalek aus dem Jahr 1951 - von den Spielplänen verschwand.

Dem geneigten Opernfreund dürfte bei dem Namen Künneke in erster Linie Der Vetter aus Dingsda im Ohr klingen, denn obwohl der vielseitige Komponist zahlreiche Operetten, Singspiele und Filmmusiken schrieb, steht heute höchstens dieses Werk mal auf dem Spielplan.

Kann die Liebe Sünde sein? Darf eine Witwe rauschende Feste feiern und auch die eine oder andere kleine Affäre haben? Das sind die zentralen Frage dieses Stücks, das einen Blick in die scheinbar prüde Barockzeit wirft. In einer Zeit, in der Themen wie Erotik, freie Liebe etc. absolute Tabuthemen waren, stellt die Gräfin Sibylla Augusta mit ihrem schillernden (Liebes)leben einen absoluten Kontrast zur damals üblichen Moral dar. Der gebotenen Moralität als fromme, Schwarz tragende Witwe zum Trotz versucht sie, ihr Leben so zu führen, wie sie es für richtig hält. Um weitere Skandale zu verhindern, soll die "Lustige Witwe" endlich wieder standesgemäß verheiratet werden. Und wie es in der Operette üblich ist, findet Sibylla nach allerhand Verwicklungen natürlich den Mann ihrer Träume, den Abenteurer Oberst von Schrenk.

Im Vergleich zu eben genannter Operette wirkt das Ganze jedoch wie eine Epigone, es fehlt dem Libretto der Großen Sünderin an Spritzigkeit und Einfallsreichtum, allzu vorhersehbar und platt wirkt manches, wobei allerdings anzumerken ist, dass intellektuelle Wortspielereien und originelle Einfälle nur selten zu den hervorstechenden Merkmalen einer Operette zählen.

*

Regisseurin Alexandra Frankmann versetzt zusammen mit Bühnenbildner Florian Parbs die Handlung aus der Barockzeit in eine kunterbunte, im wahrsten Sinne des Wortes aufgeblasene Fantasiewelt mit einer großen Hüpfburg samt Trampolin, was eine hübsche Spielwiese für allerhand amouröse Verstrickungen bietet. Der Park, in dem sich des Nachts so allerhand Lustbarkeiten abspielen, besteht aus einigen großen, phallisch wirkenden, sich selbst aufblasenden Pflanzen. Ein Wink mit dem Zaunspfahl beziehungsweise mit dem Betonpfeiler auf die allgegenwärtige Frivolität. Die Kostüme von Rebekka Zimlich sind dementsprechend pseudo-barock und teils quietschbunt mit schrägen Details wie bunten Haaren oder Kostümen in Latex-Optik. Da dürfte dem einen oder anderen älteren Opernfreund sicher ´ne Feder aus dem Hut fallen, angesichts dieser klamaukig-frivolen Inszenierung. Andererseits, wie öde und vorhersehbar wäre es denn, wenn man das Ganze einfach in der Barockzeit belassen und ohne Weiteres runter inszeniert hätte?

Was die Musik anbelangt, so gibt es so einiges, was ins Ohr geht, schmissige, schlagerartige Rhythmen (für die obligatorische Balletteinlage wurde Künnekes Intermezzo aus der Tänzerischen Suite op. 26 hin zugefügt), wunderbar schwärmerisch-schwelgerische Liebesduette, Walzer und einige eindrucksvolle sinfonisch-dramatische Momente. Chefdirigent Stefan Klingele dirigiert mit viel Verve, auch wenn man an einigen Stellen den Eindruck hat, kleine Ungenauigkeiten zu vernehmen.

Eines der musikalischen Highlights ist das Lied des Schrenk, ein wagnerisch anmutender, stimmlicher Parforceritt, also nichts für leichte Stimmen á la Eisenstein oder Graf Danilo. Dafür braucht es schon einen stimmstarken Tenor mit sicherer Höhe und heldisch-metallischem Timbre, der im Forte des Orchesters nicht komplett untergeht. Erfreulicherweise verfügt neu-Ensemblemitglied Adam Sanchez über genau diese Eigenschaften, ebenso wie den gewissen sinnlichen Schmelz und setzt sein großes stimmliches Material fast schon verschwenderisch ein. Außerdem besitzt er den notwendigen weltmännisch-lausbübischen Charme und das Aussehen, das es für die Rolles des Draufgängers braucht. Leider bleibt die Textverständlichkeit und Intonation des Öfteren auf der Strecke, das gilt ebenso für Lilli Wünscher, die zwar darstellerisch eine charmante, mit ihrem eigenen Image hübsch kokettierende "Sünderin" gibt und auch stimmlich überzeugt, von deren Text aber wenig zu verstehen ist.

Mirjam Neururer bietet mit feiner Komik und gewohnt klarem Sopran eine mal schüchtern-verliebte, mal impulsive Jakobe, der die Textverständlichkeit im Übrigen nie entgleitet.
Jeffery Krueger steht ihr als herrlich komischer, fast immer Haltung bewahrender Leutnant Jürgen von Sommerfeld zur Seite, dem jedoch leider die Trampolin-Einlage zum Verhängnis wird und daraufhin einige Nummern aus dem letzten Akt gestrichen werden müssen. Angela Mehling gibt eine überaus gestrenge "Tugendwache" Arabella, deren Augen auch nachts im Park nichts entgeht. Patrick Rohbeck´s Hofmarschall Dagobert bildet das männliche Pendant dazu. Komplettiert wird das Ensemble durch Anna Evans als Sibyllas pubertierender, aufmüpfiger Sohn Ludwig, Hinrich Horn als trotteliger Brautanwärter Fürst Bodo und Andreas Rainer als ebenso ungeschickter, albern lachender Prinz Edolin, den Regisseurin Frankmann auch noch sächseln lässt, was einfach nur peinlich wirkt.

Ob man das Werk nun der Oper oder der Operette zuordnet, bleibt letztendlich Auslegungssache. Fakt ist, dass das Stück hinsichtlich der instrumentalen und sängerischen Anforderungen eindeutig opernhafte Züge aufweist (die Titelpartien wurden in der Uraufführung von keinen geringeren als Helge Rosvaenge und Tiana Lemnitz gesungen), andererseits aber auch operettenhafte Charakteristika wie viele Dialoge, die üblichen Verwicklungen und das (hier in Leipzig hinzugefügte) obligatorische Happy End enthält.



Die große Sünderin in der Musikalischen Komödie Leipzig | Foto (C) Ida Zenna


Fazit:

Auch wenn´s manchmal ein bisschen zu klamaukig wirkt und die Parallelen zur eindeutig gelungeneren Lustigen Witwe allzu offensichtlich sind, bleibt zu hoffen, dass Chefdirigent Stefan Klingele weiterhin Unbekanntes ausgräbt und damit das bislang mit altbekannten Stücken gefüllte Repertoire der MuKo weiterhin ausbaut und profiliert.

Auf jeden Fall ist die knallbunte Sünderin trotz ein paar kleiner dramaturgischer Schwächen ein prima Mittel gegen den Herbstblues und einen Besuch wert.
Eva Hauk - 16. Oktober 2017
ID 10318
DIE GROSSE SÜNDERIN (Musikalische Komödie, 14.10.2017)
Musikalische Leitung: Stefan Klingele
Inszenierung: Alexandra Frankmann
Bühne: Florian Parbs
Kostüme: Rebekka Zimlich
Choreografie: Mirko Mahr
Dramaturgie: Christian Geltinger
Choreinstudierung: Mathias Drechsler
Besetzung:
Herzogin Sibylla ... Lilli Wünscher
Reitoberst von Schrenk ... Adam Sanchez
Freifrau Jakobe ... Mirjam Neururer
Leutnant Jürgen von Sommerfeld ... Jeffery Krueger
Gräfin Arabella ... Angela Mehling
Hofmarschall Dagobert ... Patrick Rohbeck
Herzog Ludwig ... Anna Evans
Prinz Edolin von Bunzlau ... Andreas Rainer
Fürst Bodo von Bodenstein ... Hinrich Horn
Extrachor, Chor und Orchester der Musikalischen Komödie
Premiere an der Oper Leipzig: 14. Oktober 2017
Weitere Termine: 31.10. / 04., 05., 18., 19.11. / 12.12.2017 // 10., 11.02.2018


Weitere Infos siehe auch: http://www.oper-leipzig.de/


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