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Uraufführungen


Abschluss-
konzert 2014

mit Werken von
Hanna Eimermacher,
Vito Žuraj u.a.


Bewertung:    



Alljährlich im Dezember führt die Villa Massimo ihr lang erwartetes Abschlusskonzert im Auditorium Parco della Musica (dem größten Konzertzentrum von Rom) und dort konkret in dem Sala Santa Cecilia (dem größten Saal des Auditoriums) auf. Auch dieses Jahr konnte hierzu das Frankfurter Ensemble Modern verpflichtet werden...

*

Salvatore Sciarrino hat sich auf die Bearbeitung von Klassikern spezialisiert. Gestern Abend spielte das Ensemble Modern ein von ihm bearbeitetes  Adagio von Bach und eines von Mozart sowie eine Komposition von 1981 (Introduzione all'oscuro).

Wunderblock, ein 8-Minuten-Stück für Altflöte, Bass-Klarinette, Percussion und Geigentrio (2007/2008) von Robert HP Platz folgte. Dieser Zyklus besteht aus den drei Stücken "Kiefer", "Next" und "Sekundenstücke". Platz lehnt sich hier an Notizen über den Wunderblock von Sigmund Freud an. Die drei Minikompositionen waren auch auf der Bühne optisch getrennt - Altflöte auf der einen Seite, Bassklarinette und Schlagzeug in der Mitte, und weiter nach hinten versetzt das Streichertrio. Die Pausen zwischen den Stücken gehörten zur Komposition.

Die Hauptprotagonisten des Abends waren allerdings die Musikstipendiaten der Villa Massimo, Hanna Eimermacher und Vito Žuraj. Die zwei uraufgeführten Werke sind während ihres Stipendiaten-Aufenthaltes in Rom in diesem Jahr entstanden:



Das Instrumentarium für die Hanna Eimermacher-Uraufführung Überall ist Wunderland - Foto (C) Christa Blenk


Hanna Eimermacher (geb. 1981 in Gelsenkirchen) hat u.a. bei Beat Ferrer und Mark Andre studiert und hielt sich 2010/11 an der University Buffalo, New York auf. 2012 hat sie den Berlin-Rheinsberger Komponistenpreis gewonnen. Ihre Werke wurden u.a. bei der Salzburger Biennale oder an der Oper Frankfurt aufgeführt. Sie lebt  in Berlin.

Überall ist Wunderland (2014) ist eine Neufassung für 19 Musiker - vom kompletten Ensemble Modern dargeboten - und wurde gestern Abend in dieser Fassung uraufgeführt. Von den 15 Minuten waren zwei dem Schweigen vorbehalten. Die Musiker nahmen im Saal ihren Platz ein und schauten regungslos ins Publikum, und so ging es auch zu Ende. In den verbleibenden 13 Minuten schickt Eimermacher die Musiker und das Publikum auf den GRA [der GRA ist ein Autobahnring um Rom, meistens verstopft; hier macht jeder, was er will, um ans Ziel zu kommen und ohne Rücksicht auf Verluste, und die einzige Verkehrsregel, die Gewicht hat, ist „Einschüchterung“. Schließlich kommen aber doch alle meistens an ihr Ziel]. Es beginnt mit zwei Noten, also Stau, alles stagniert, dann Hupen, Schimpfen, eine Ambulanz rast vorbei, die Polizei gleich hinterher, weiter weg hört man Zirkusgeräusche, und dann geht es zweimal an einer Schule vorbei. Zwischendurch stagniert der Verkehr wieder, und die zwei Anfangsnoten werden übernommen - die Komponistin hat dafür ein eigenes Perkussionsinstrument entworfen, das (abgesehen von den normalen Schlagzeugutensilien) aus Suppendosen, Metallstangen, Wassergläser, Schlagzeug und einer Art Glockenspiel bestand. Gleich dreimal stand es auf der Bühne, und sogar Frank Ollu (am Pult) musste mithelfen, um das Chaos nicht ausarten zu lassen. Sehr amüsant und - wie gesagt - , diese Komposition konnte einfach nur in Rom entstehen. Nach dem Ausklingen des letzten Tones  – was gar nicht so leicht zu erkennen war, da die Suppendosen unter der Glocke noch nachhallten - neigten sich die Musiker 10 Zentimeter nach rechts, und wieder Schweigen - -dann ging das Licht aus und Ende. Witzig und Originell.

* *

Vito Žuraj (geb. 1979) ist dieses Jahr auch  Gast an der renommierten Villa Massimo. Seine Komposition Runaround für vier Blechbläser und Orchester war an diesem Abend also die zweite Welturaufführung. Žuraj ist in Maribor/Slowenen geboren, hat u.a. bei Wolfgang Rihm studiert. Von 2009-2010 bekam er ein für ihn sehr wichtiges und wegweisendes Stipendium bei der Internationalen Ensemble Modern Akademie. Man merkte auch die Verbundenheit mit diesem Ensemble. Runaround hat er dem Ensemble Modern und den vier ausgezeichneten Blechmusikern auf den Leib geschrieben. Ansonsten arbeitet Žuraj mit der New York Philharmonie, dem Scharoun Ensemble Berlin oder dem Klangforum Wien. 2012 hat er den Komponistenpreis von Stuttgart gewonnen. Zur Zeit ist der 35jährige Dozent für Instrumentierung und Gregorianischen Gesang an der Hochschule für Musik Karlsruhe.

Bei Runaround wechseln sich Jazz-Referenzen mit neuen Klängen ab und erzeugen eine beeindruckende Kompositionsdramaturgie, die immer wieder mit überraschenden Tonelementen beeindruckt - wie sie durch den Raum schwappen und eine Verbindung zwischen Musiker und Zuhörer herstellen. Durchkonstruiert und durchkomponiert bis in den letzten Ton, bleibt hier nichts dem Zufall überlassen. Diszipliniert, schnell und doch übermütig und von permanenten und enthusiastischen aber kontrollierten Einfällen gepackt, erforscht Žuraj die bekannten Musiksprachen und erfindet neue. Und wer könnte ihm ein besserer Partner als das Ensemble Modern sein? Die 15 Musiker sind über die gesamte Bühne (auf der auch, wie bereits gesagt, das Publikum saß) verteilt. Die Streicher auf der einen Seite, Cello und Klarinette auf der anderen oder hinter dem Publikum. Die vier Blechsolisten kämpfen in der Mitte. Die Gruppen werfen sich gezielt die Töne zu, ohne dass auch nur einer auf dem Boden landet, sie werden also von der nächsten Gruppe aufgefangen, umgesetzt, modifiziert oder "verbessert" und weitergegeben. Wie ein gut funktionierendes Netzwerk oder ein Staffellauf. Zum Schluss geraten die vier Blechsolisten an das Limit des mit Instrumenten Machbaren, und deshalb übernimmt der Mund die Tonproduktion. Ein ausgezeichnetes, spannendes und auch sehr ästhetisches Stück, das leider nur 10 Minuten dauerte.




Die vier Instrumentalisten des Ensemble Modern nach der Runaround-Uraufführung von Vito Žuraj (links im Bild) - Foto (C) Christa Blenk


Alle 19 Musiker haben unsere uneingeschränkte Bewunderung, aber die zwei Trompeter, Valentin Garvie und Sava Soianov, sowie Saar Berger mit dem Horn und Uwe Dierksen an der Posaune, die Runaround meisterten, müssen einfach nochmals erwähnt werden für diese fantastische Leistung.


Christa Blenk - 5. Dezember 2014
ID 8304
ABSCHLUSSKONZERT DER VILLA MASSIMO 2014(Auditorium Parco della Musica, 03.12.2014)
J. S. Bach/Salvatore Sciarrino: Adagio – adattamento dalla Sonata BWV1029 di J. S. Bach (2009)
Robert HP Platz: Wunderblock – für Altflöte, Bassklarinette, Schlagzeug und Streichtrio (2007/2008)
W. A. Mozart/Salvatore Sciarrino: Adagio di Mozart – adattamento per 6 strumenti (2010)
Hanna Eimermacher: ÜBERALL IST WUNDERLAND – Neufassung für 19 Musiker und Szene (2014)
Salvatore Sciarrino: Introduzione All'Oscuro (1981)
Vito Žuraj: Runaround für Blechbläserquartett und Ensemble(2014)
Mit Saar Berger, Valentín Garvie, Sava Stoianov und Uwe Dierksen
Ensemble Modern
Dirigent: Franck Ollu


Weitere Infos siehe auch: http://www.villamassimo.de


Post an Christa Blenk

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