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Festival

Weltschmerz, Zauber und Austern

Iestyn Davies & Elizabeth Kenny


Bewertung:    



Zum 29. Mal findet (noch bis zum 25. Oktober) im Westen von Frankreich, in der Bretagne, das Festival de Lanvellec et du Trégor statt.

Die Idee dazu entstand schon in den 80er Jahren, als die derzeitige Präsidentin des Festivals, Geneviève de Louarne, im französischen Kulturministerium für Orgeln in Frankreich zuständig war. Insgesamt wurden während ihres Mandates an die 300 Orgeln restauriert, darunter auch die einzigartige Orgel in der Stadt Lanvellec.

Der englische Orgelbauer Robert Dallam kam im Jahre 1642 auf der Flucht vor Oliver Cromwell, den englischen Puristen, und einem musikalischen Interpretationsverbot in die Bretagne und schaffte dieses Meisterwerk für die Kirche von Lanvellec - heute die einzige Orgel, die noch im Originalzustand erhalten ist, was sie einzigartig auf der Welt macht. Nach den umfangreichen Restaurierungsarbeiten gründete de Louarne das Festival, um dieses Prachtstück auch dem Rest der Welt vorzuführen.

Das erste Konzert fand 1986 in Lanvellec statt, und der Organist war der große Gustav Leonhardt (1928-2012); er war später noch fünfmal zu Gast beim Festival.

In den ersten Jahre fanden die Konzerte nur an einem Wochenende in Lanvellec statt. Die positive Aufnahme der Besucher - und animiert durch ein Angebot von faszinierenden und für Alte Musik perfekten Aufführungsorten an der Côtes d'Armor - wurde das Festival eines der wichtigsten Insider-Festivals in Europa.

Neun Konzerte an drei Wochenenden und an verschiedenen Austragungsorten stehen nun dieses Jahr auf dem Programm. Wer sich für Alte Musik interessiert, will und darf es nicht missen.



Wir haben das Konzert (vom 10. Oktober 2015) in der mittelalterlichen Kirche aus dem 12. Jahrhundert in Trégastel besucht - einem kleiner Ort an der stürmischen und rosa-granitigen Atlantikküste.


* * *


Orphée des cours anglaises (Orpheus am englischen Hof) war das Thema dieses Abends, und Musik von John Dowland, Henry Purcell und Georg Friedrich Händel stand auf dem Programm. Gewonnen hierfür hatte man den grandiosen britischen Contertenor Iestyn Davies und seine Landsmännin, die begnadete Lautistin Elizabeth Kenny. Die beiden Solisten sind per Schiff von Plymouth nach St. Malo (Bretagne) gereist, genauso wie ihre keltischen Ur-Ur-Vorfahren vor fast 2000 Jahren.



Iestyn Davies und Elisabeth Kenny | Foto (C) Marie-Honorine Buisset


Mit Henry Purcells (1659-1695) Music for a while und Sweeter than roses begann das sonst eher Dowland-lastige Programm. Kenny begleitete Davies abwechselnd auf der noblen Laute und der eleganten Theorbe. Zwischendurch konnten wir uns bei einigen Solostücken, darunter natürlich das Paradestück Semper Dowland semper dolens (der stets traurige Dowland), und Prélude und Chaconne für Theorbe von Robert de Visée (1650-1725) von ihrer zarten Virtuosität überzeugen. Kenny hat genau den richtigen Mittelweg zwischen Sanftheit und Energie gefunden, die John Dowlands (1563-1626) Musik so einmalig und betörend schön erklingen lässt. Dowland kokettierte gerne mit weltfremder dunkler Melancholie, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts durchaus in Mode war, komponierte aber ebenso fröhliche oder scherzhafte (Trink)Lieder, um die Aristokratie am Hofe bei Laune zu halten. Er hatte lange Jahre erfolglos versucht, am englischen Königshaus eine Anstellung zu finden; es klappte schließlich 1612, als König Jakob I. ihn holte. Seltsamerweise hatte Dowland aber ab diesem Zeitpunkt nichts Bemerkenswertes mehr komponiert. Vielleicht war Weltschmerz für ihn die Triebfeder zur Kreativität. In der Shakespeare-Zeit gehörte er zu den gefragtesten Lautisten und war öfters zu Gast bei kultivierten deutschen Fürsten und lebte zeitweise in Frankreich; seine schönsten Lieder wie In darkness let me dwell oder Flow my tears, die Iestyn Davies so farbenreich (Dowlands Come again hat er uns leicht barockisiert gegeben) und doch schlicht und unpretenziös vortrug, waren 1610 am Hof von König Christian von Dänemark von einem von Heimweh, Weltschmerz und Todessehnsucht oder Liebeskummer getriebenen Dowland entstanden. Davies hatte übrigens alle diese Songs auf seiner letzten CD zusammengetragen, ein wahrer Hochgenuss! Dowland wird einfach am überzeugendsten von einem Engländer gesungen!

Von Georg Friedrich Händel (1685-1759), der hier als dritter „englischer“ Hofkomponist vertreten war, interpretierten die Solisten eine Arie aus dem Oratorium Saul und - mit einem Augenzwinkern hinsichtlich seiner italienischen Lehrjahre – eine köstliche Cantata nach einem Libretto von Kardinal Pamphilij: „Hendel, non può mia musa“.

Mit einer Arie aus Händels Rinaldo als Zugabe hatte dieses Dreamteam den nicht enden wollenden Applaus eines ausgesprochen aufmerksamen Publikums, das zum Teil von weit herreiste, unterbrochen. Ohne Zweifel eines der schönsten Konzerte in der letzten Zeit!
Christa Blenk - 11. Oktober 2015
ID 8924
Weitere Infos siehe auch: http://www.festival-lanvellec.fr


Post an Christa Blenk

eborja.unblog.fr



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