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Konzertkritik

Die Stemme-

Kundry


PARSIFAL mit den Berliner Philharmonikern


Das ist Nina Stemme. | Foto (C) Neda Navaee; Bildquelle: berliner-philharmoniker.de

Bewertung:    



Ein schöner und v.a. anständiger Brauch ist es, dass die Berliner Philharmoniker in jedem Jahr die jeweiligen Opern, die sie zu den jeweiligen Osterfestspielen - egal ob nun in Salzburg (früher) oder Baden-Baden (heute) - exklusiv dortselbst in den Orchestergräben musizier(t)en, auch den Hauptstädtern durch konzertante Aufführungen im Sharoun-Bau nachgereichen lassen; also dass dann nicht nur der sich diese Hochkulturevents flugs leisten könnende Elitezirkel etwas davon hat, sondern auch wir: die sogenannten "kleinen Leute", wie der Seehofer den ganzen Rest von außerhalb stinkreich altväterlicher Maßen zu den Urnen ruft. Die heimatlichen Eintrittspreise sind zwar auch beim weltbesten Orchester nicht ganz ungepfeffert, fallen aber schon dann - im Vergleich zu Festspielen's - recht ausgeglichen und, nach unten hin gestaffelt, auch bezahlbar aus...

*

Jetzt gab's zum dritten Mal in der Nachkriegshistorie des Orchesters Parsifal, das Wagnerische Bühnenweihfestspiel, zu hören und zu sehen - 1980 startete Herbert von Karajan mit ihm, 2001/2002 wollte Claudio Abbado sein Chefamt hiermit beschließen, und 2018 tat es ihm Sir Simon Rattle gleich:

Das dreiteilige Werk umfasst zwei breitbreiige Grabesmessen (1., 3. Akt) sowie ein kurzweiliges Liebesintermezzo (2. Akt), wobei's in diesem Mittelteil tatsächlich handlungsmäßig ziemlich rund geht: Zauberer hetzt seine Wunderwaffe(n) gegen unverschämten Eindringling; sechs Sündengirlies suchen einen Rittersschwanz, ihr Opfer fühlt sich nicht/noch nicht zur Sexualität berufen bis die große Übermutter "hilft" - allein ihr gut gemeinter Kuss erzeugt bei dem Probanten justament das Gegenteil, er will sie nämlich nicht; sie textet ihn mit ihrer eigenen Ahasverinnenstory zu; er lässt sich nicht von ihr erweichen und behält schlussendlich sein privates Glied für sich; das Zauberreich zerstaubt in lauter Sternschnuppen...

Evgeny Nikitin (Klingsor) und Stuart Skelton (Parsifal) und Nina Stemme (Kundry) feuern obige Geschichte lauthals und mit ungezügeltster Emotionalheit ab; allein bei Stemme, die außer exorbitant aus sich herauszusingen auch noch jene Art vulgäre Dreckigkeit beim Schreien und beim Lachen, die der Ausnahmepartie vorzüglich "zu Gesicht steht", aufzubringen in der Lage ist, verblüfft als sangdarstellerische Attraktion an sich!

Auch scheint genau dann jener zweite Akt der für den Rattle passendste zu sein; er hält sich nicht etwa mit leisen Zwischentönen auf, aber das kennen wir von ihm auch schon von allen andern Wagneropern, die er bis dahin mit den Berliner Philharmonikern darbot. / Der Rundfunkchor Berlin in seiner hochgenialen Mehr-Einstimmigkeit (Choreinstudierung: Simon Halsey) singt bei den zwei Außenakten aus drei unterschiedlich aufgehöhten Positionen (Choremporen); sein Zusammenklang (Synchronität) mit dem Orchester funktioniert 1a. // Franz-Josef Selig (Gurnemanz) hat einen über einstündigen Monolog ab Vorspielende bis Verwandlung kurz vor Totenmessenanbeginn zu absolvieren; seine Textverständlichkeit muss als grandios bezeichnet sein, und sein sonorer Bass hat fast schon auswüchsiges Edelmaß. Der Mann ist als gesangliches Gesamtkunstwerk sensationell!!

* *

Übrigens: Claudio Abbado hatte seiner Zeit extra für Parsifal (2001) Gralsglocken in den Tönen E, G, A und C neu gießen lassen. Diese stehen heute nur noch zum Betrachten im Foyer des Hintereingangs der Philharmonie. Die hätte man doch diesmal wieder nutzen können, oder etwa nicht??




6. April 2018: Schlussapplaus nach Parsifal mit den Berliner Philharmonikern | Foto (C) Monika Rittershaus

Andre Sokolowski - 7. April 2018
ID 10625
PARSIFAL (Philharmonie Berlin, 06.04.2018)
Konzertante Aufführung

Besetzung:
Parsifal ... Stuart Skelton
Kundry ... Nina Stemme
Gurnemanz ... Franz-Josef Selig
Klingsor ... Evgeny Nikitin
Amfortas ... Gerald Finley
Titurel ... Reinhard Hagen
Blumenmädchen ... Iwona Sobotka, Kiandra Howarth, Elisabeth Jansson, Mari Eriksmoen, Ingeborg Gillebo und Kismara Pessatti
Knappen/Gralsritter ... Neal Cooper, Guido Jentjens und Iurie Ciobanu
Rundfunkchor Berlin
Einstudierung: Simon Halsey
Berliner Philharmoniker
Dirigent: Sir Simon Rattle


Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-philharmoniker.de


http://www.andre-sokolowski.de

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