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Jazz at Berlin Philharmonic

Wolfgang Haffner mit einer All Star Band in Berlin



Bewertung:    



"Liebe Konzertbesucher, die Akustik in diesem Saal ist so gut, dass auch Nebengeräusche für alle deutlich hörbar sind. Husten beeinträchtigt die Konzentration der Künstler und den Musikgenuss der Zuhörer." (Berliner Philharmoniker)

Dieser freundliche Hinweis steht in jedem Programmheft der Berliner Philharmoniker auf der zweiten Seite. Im Foyer stehen überall Schalen mit Ricola Schweizer Kräuterzuckern, und trotzdem ist fast jeder Abend fest in der Hand der Bronchialterroristen. Während der Stücke arbeiten sie vereinzelt und meist zurückhaltend, die Pausen aber werden regelmäßig mit Bronchialattacken aufgeladen, wie von unsichtbarer Hand dirigiert, ergießt sich oft ein Gewitter von Räuspern und Husten in den Saal.

Am Ende dieses fulminanten Konzertes, nach zweieinhalb Stunden Musik ohne Pause, fragt man sich plötzlich, halt, da hat doch heute was gefehlt? Ja, das ist es, keine Huster oder Räusperer haben heute den Musikgenuss beeinträchtigt noch die Konzentration der Musiker geschmälert. Gerade heute im von Grippe und Erkältungen gebeutelten grauen, nassen und kaltem Berlin! Am Alter des Publikums im fast ausverkauften Kammermusiksaal der Philharmonie kann es nicht liegen, viele Jazzfans haben Miles Davis, John Lewis, das Modern Jazz Quartett oder das Dave Brubeck Quartett live erleben können. Also woran hat es gelegen?

*

Siggi Loch, Labelchef und Produzent von actmusic und seit seinem Ausstieg aus dem Major Business Ende der 80er Jahre eine Art Doyen des Modern Jazz in Deutschland kuratiert die Konzertreihe "Jazz at Berlin Philharmonic". Mit einem frischen Vortrag über die Entstehung des Cool Jazz und der Entstehung des heutigen Programms beginnt er den Abend. Verständlich und sehr empathisch fasst er die über 20 Seiten des sehr lesenswerten Programmheftes zusammen und bereitet die Bühne für Wolfgang Haffner, dem Spiritus Rector des Abends. Haffner beginnt mit der Präsentation seiner All Stars: Dusko Goykovich (83jähriger bosnischer Wundertrompeter), Jan Lungren (Ausnahmepianist aus Schweden) - ebenfalls aus Schweden ist Dan Berglund, langjähriger Teil vom Esbjörn Svenssons e.s.t.-Trio; dann geht es weiter mit Pascal Schumacher (einem der wenigen Perkussionisten, die sich ausschließlich auf Vibrafon und Marimba spezialisiert haben), dem finnischen Weltklassesaxofonisten Jukka Perko und Thomas Quasthoff (weltberühmter Bass-Bariton), der seine 2012 beendete Karriere für seinen Freund und musikalischen Partner Haffner heute gern noch mal aufleben lässt.

Das sind alles Musiker, die sich nichts mehr beweisen müssen, die, wie es Haffner mehrfach betont, aus reiner Freundschaft und Freude an der Musik heute hier zusammenstehen. Aus dieser Konstellation heraus spielt die Band mit einer atemberaubenden professionellen Gelassenheit. Pascal Schumachers Vibrafon schimmert und schillert in Miles Davis' So What - begeisterter Szenenapplaus, schon hier reißt es die Zuschauer von ihren Sitzen. Dusko Goykovichs Trompete in Joseph Kosmas Autumn Leaves lässt einem die Nackenhaare aufstehen; er beschwört das ambivalente Gefühl der Herbstfärbung, wenn man sich an den herrlichen Farben freut, aber gleichzeitig weiß, dass es schnell vorbei ist und danach besonders einfarbig grau wird. Jan Lundgren beginnt John Lewis Django mit einer freien Improvisation über Johann Sebastian Bach - das ist wirklich großartig, nicht der übliche Cross Over Sound; Lungren spielt und atmet im Geist des großen Barockvirtuosen Bach und leitet damit zum Klassiker Django ein.

Vom Höhepunkt des Abends zu sprechen, wenn man den Auftritt Thomas Quasthoffs beschreibt, ist einerseits richtig, andererseits ist diese Verschiebung der Perspektive nicht richtig, da der gesamte Abend hochangespannt und eine Ansammlung von Höhepunkten war. Mit My Funny Valentine von Richard Rogers beginnt Thomas Quasthoff. Diese Stimme ist einfach nur beeindruckend, rein und unangestrengt sprudeln die Töne; im zweiten Song Piano Man von Billy Eckstine kommt Dynamik und Strahlkraft dazu. Wolfgang Haffner bleibt mit seinen Drums meist rythmusgebend im Hintergrund, er setzt kleine Akzente und bereitet seinen All Stars immer wieder die Bühne für die fulminanten Auftritte.

Nach fast neunzig Minuten Cool Jazz interpretiert Haffner mit drei Perkussinonieten der Berliner Philharmoniker Ravels Boléro, Brubecks Blue Rondo à la Turk und als letztes Drum Fantasy, ein Stück von ihm selbst. Vier Meister ihres Faches loten vierzig Minuten alle Möglichkeiten des Drum Apparates aus: aus Geräuschen und anfänglichen Kratzen entwickeln sich dynamische Tuttis. Das ist nochmal ganz groß und eigentlich geeignet, ein ganzes Konzert zu bespielen.

Als Zugabe gibt es "Summertime", die bekannteste Arie aus der Oper Porgy and Bess von George Gershwin; der Song ist wohl der am meisten gecoverte Jazz- und Popstandard aller Zeiten. Zehn Minuten dürfen wir nun der Session aus allen Musikern des Abends lauschen. Quasthoff improvisiert nun auch frei, archaische Töne kullern aus seiner Kehle. Fünf Minuten Standing Ovations, dann ist dieses muskalische Großereignis leider vorbei. Zweieinhalb Stunden ohne Pause UND ohne Huster! Woran das nur gelegen hat?



Das ist Wolfgang Haffner - Foto (C) Biggi Sauer | Bildquelle: berliner-philharmoniker.de
Steffen Kühn - 13. Dezember 2014
ID 8322
KIND OF COOL (Kammermusiksaal, 10.12.2014)
Miles Davis: So What
Joseph Kosma/Jaques Prévert/Johnny Mercer: Autumn Leaves
John Lewis: Django
Richard Rodgers/Lorenz Hart: My Funny Valentine
Cannonball Adderley: One For Daddy-O
Wolfgang Haffner: Quincy
- Tantricity

Haffner/Maurice Ravel/Dave Brubeck: Drum Fantasy/Boléro Blue/Rondo A La Turk
Billy Eckstine/Sid Kuller: Piano Man
Haffner: Hippie
Wolfgang Haffner, Schlagzeug
Jan Lundgren, Klavier
Pascal Schumacher, Vibrafon
Dan Berglund, Bass
Dusko Goykovich, Trompete
Jukka Perko, Saxofon
Raphael Haeger, Franz Schindlbeck und Wieland Welzel, Schlagzeug
Thomas Quasthoff, Gesang


Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-philharmoniker.de


Post an Steffen Kühn

http://www.hofklang.de




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