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Konzertkritik

Jean Rondeau spielt

Bachs Goldberg-Variationen

Osterspaziergang zur Traukirche in Dornheim (Thüringen)

Bewertung:    



Wenn man erfährt, dass Jean Rondeau in Thüringen Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen spielt, ist das Grund genug, eine Reise in das „von des Frühlings holden belebenden Blick“ wachgeküsste Land zu unternehmen, dessen liebliche Auen und Hügel um Ostern mit unzählig zarten Nuancen von Grün das Gemüt bezaubern.

„Denen Liebhabern zur Gemüths-Ergetzung verfertiget“ hatte eben weiland auch Bach seine Clavier Übung bestehend in einer ARIA mit verschiedenen Veraenderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen, die er 1741 als IV. und letzten Teil seiner Druckausgabe verschiedener Solowerke für Tasteninstrumente in Nürnberg herausgab. Diese „verschiedenen Veränderungen“ sind immerhin 30 an der Zahl, und das Ganze ein Muster- und Hauptwerk dessen, was menschlicher Geist musikalisch aus einem Thema in abwechselnden Kombinationen, technischen Möglichkeiten, Formen und Ausdrucksvarianten für zwei Hände zu gestalten vermag. Die Folge gliederte Bach in zwei Teile, deren zweiter mit einer veritablen Französischen Ouvertüre (Var. 16) im Stile Lullys anhebt und in einem witzigen Quodlibet, also einem bunten Durcheinander, endet, wonach dann – nach über einer Stunde Veränderungen des musikalischen Materials – die ARIA vom Anfang unverändert wiederholt wird, aber durch die Erfahrung der gerade durchlaufenen Musik-Exkursion, doch „anders“, reicher, gesammelter klingt – und mithin zu einem tiefen philosophischen Zeichen des Lebens wird, den Kreis schließend.

Jean Rondeau, der vom Prospekt der Thüringer Bach-Wochen reklamebeflissen als „Junger Wilder“ etikettiert wird, was natürlich völliger Unfug ist und nur einen geistlosen Bezug zu seinen Frisuren und Outfits herstellt, beweist sich hingegen mit seinen Bach-Interpretationen, - Überraschung! - als einer der ernsthaftesten und besonnensten Musiker unserer Zeit. Er ist zweifellos ein Genie, und junge Genies werden von Managern für gewöhnlich als „Junge Wilde“ verkauft. Sie sind das dann allerdings auch noch mit Fünfzig, siehe Goya oder Brecht – oder Bach höchst selbst. Rondeau indessen hat in seiner französischen Heimat bereits das gesamte Klavierwerk dieses Meisters präsentiert und verfügt damit, noch keine 30 Jahre alt, um eine tatsächlich umfassende Erfahrung mit dem Stil des Leipziger Thomaskantors.

Nun also spielte Rondeau am Ostersonntag 2017 in jener Dorfkirche zu Dornheim die sog. Goldbergvariationen, wo der „junge Wilde“ und unbotmäßige Organist Johann Sebastian Bach 1707 seine Cousine Maria Barbara ehelichte, mit der er sich zuvor am Arbeitsplatz auf der Orgelbank der Neuen Kirche im nahen Arnstadt während des Gottes-Dienstes zu Knutschereien hatte hinreißen lassen. Was die Obrigkeit aktenkundig machte, nicht minder sein „wildes“ Präludieren…

Jean Rondeau, schön wie ein Gott, huschte zum wundervollen Instrument vor dem Kanzelaltar, einem kostbaren zweimanualigen Cembalo, und begann, in Tradition der echten Klavieristen und auch Bachs, frei zu präludieren, so ihn – und die Zuhörerschaft – in den mentalen Musizierraum zu versetzen. Dann versank er in Stille für eine Spannungsminute hochkonzentriert und setzte mit der ARIA an… und – man fasst es kaum! – erhob sich eine Fotografin der Thüringer Allgemeinen Zeitung von ihrem Stuhl, um nun laut klicksend und blitzend für ihr Regionalblatt Pressefotos zu schießen – völlig ungeachtet Bachs intimer filigraner Musik, der Konzentration des Cambalisten und der der gestörten Zuhörerschaft ringsum… Es wäre nicht verwunderlich gewesen, wenn Rondeau abgebrochen und von Neuem angefangen oder (wie Keith Jarret) völlig aufgehört hätte…

Doch Rondeau, ganz Bachmusik, ganz Cembalo, spielte unverdrossen weiter und beschwor nicht nur mit immenser Bravour den Geist dieser Noten, ihre Architektur, ihre Kontraste und Farbigkeit, sondern die den einzelnen Abschnitten innewohnende DRAMATIK, die Schreiber dieses für ein innerstes Wesen des Bachschen Musikuniversums hält. Spielt Jean Rondeau nun eher emotional malerisch oder eher vergeistigt? Bei ihm werden äußerste Virtuosität und intellektuelle Struktur der Kompositionen so souverän Ereignis, wie ihre Sinnlichkeit, Emotionalität und innerste Tiefe. In der Tat gelingt Rondeau das Charakteristikum Bachs, die absolute, dialektische Balance der gegensätzlichsten Pole, extreme Leidenschaft und andererseits extreme Formbewußtheit, diese Quadratur des Kreises, zu meistern, erlebbar zu machen.

Normalerweise bleibt bei den brillanten Klavierartisten immer ein unnennbarer Rest, wenn sie die mathematische Perfektion Bachs zum Strahlen bringen. Hingegen mangelt eben jenes oft bei den Andren, die, sich „gefühlvoll“ windend selbst darstellen: obwohl die exaltierte Körperbewegung, wie Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel extra betonte, seinem Vater an Musikern verächtlich war, herrscht bei Rondeau doch gleichzeitig überragende Souveränität und Disziplin, ist alles vom Sinn durchdrungen. Seine geradezu ingenieurmäßige Obsession von der Musik erinnert etwas an Glenn Goulds entsprechende Selbstvergessenheit.

Während Variation 15 verklang, stampfte dann ein weiterer Fotoenthusiast unverdrossen hinter dem Künstler zur Emporentreppe, um von dort die Bilder seines Lebens zu schießen. Rondeau machte eine längere Zäsur, um die Zweiteiligkeit des Zyklus zu betonen und für die andere Hälfte Besinnung zu schaffen, die atemberaubend pathetisch und farbenreich (wie so noch nie gehört!) mit der Ouvertüre begann. – Leider kam während der folgenden Variationen jener offenbar taube Unglücksfotograf wieder von der Empore herunter und platzierte sich, emsig fotografierend, für die Restdauer des Konzertes zwei Meter hinter dem Künstler…

Das Publikum feierte Rondeau, der scheu lächelnd für den Applaus dankte – Merci.



Jean Rondeau am Ostersonntag 2017 in der Kirche zu Dornheim | Foto (C) Lars Jolig


*

Unschön klang der unvergessliche Bach-Nachmittag in der thüringischen Provinz aus mit den nur allzu verständlichen Beschwerden über jene fotografierende Presse-Mitarbeiterin, - u.a. von einer Besuchergruppe, die nur für dieses Konzert aus den Niederlanden angereist war … Doch mit der Erklärung „von der Presse“ und nicht, wie ihr Kollege, durch den Altarraum marschiert zu sein, kam jene gar nicht auf die Idee gestört zu haben (z. B. die Gemüths-Ergötzung der Liebhaber) oder gar: um Entschuldigung zu bitten. Man fragt sich nach dem Verantwortungsbewusstsein der Veranstalter. Die Kultur Deutschlands liegt in französischen Händen, sehr schönen und zarten übrigens, und an den Rändern des Kulturlebens erkennt man, welchen Wert man der Kultur zubilligt: den von Events.
Olaf Brühl - 19. April 2017
ID 9974
Weitere Infos unter http://www.bach-in-dornheim.de/die-traukirche-in-dornheim/


Post an Olaf Brühl



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