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Konzertkritik

Grand Concert Pour Louis XIV.

mit dem Freiburger Barockorchester


Der junge Louis XIV. in der Hauptrolle des Apollo im Ballet royal de la nuit, 1653 | (C) Wikimedia Commons

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Am 1. September 1715 starb in seinem Schloss zu Versailles Ludwig XIV., und so endete die längste uns bekannte Regentschaft eines Königs. Grund genug, zu feiern! Dem Trauerzug der königlichen Leiche zur Begräbnisstätte ihrer Vorfahren in St. Denis folgte von Seiten des Volkes allenfalls Teilnahmslosigkeit und Abscheu, eher wurde sie mit Tanzen und Springen gefeiert! Jahrzehntelange Kriege und ein maßloser Luxus zur Festigung des Absolutismus am Hof hatten die Massen ausgepresst, in Hungersnöten darben lassen und die Söhne als Soldaten hingeopfert. Die ersten Lunten zur späteren Revolution glimmten bereits. Aber auch der Adel atmete auf und gab sich noch üppigeren Festen hin. Schließlich war es Ludwig, der das Bürgertum, Handwerk, Handel und Wissenschaften gefördert, aber die Adligen, wo es nur ging, in die Schranken gewiesen und zurück gedrängt hatte, geradezu beispielhaft nur so die Nation einte, zentralisierte und die Staatsgewalt festigte. Er hatte Frankreich als führende Macht Europas etabliert und die französische Kultur, das heißt die Ludwigs, drückte der ganzen Epoche ihren Stempel auf. Denn gleichsam steht die Regentschaft Ludwig XIV. für ein goldenes Zeitalter der Künste, wie es bisher einzigartig blieb.



Ludwig XIV. und seine Erben im Jahr 1711 | Bildquelle: Wikipedia


Nach 300 Jahren nun wird von führenden Ensembles der „Barock-Musik“ das Jubiläum zum willkommenen Anlass genommen, an die Kulturförderung des „Sonnenkönigs“ zu erinnern und den unsterblichen Glanz seiner Musikära in Zeiten strahlen zu lassen, da die gesellschaftliche Funktion von Kunst offenbar zunehmend verkannt wird, Privatinitiativen, Geschäftsinteressen und der Zahlungsfähigkeit jener Kreise überlassen bleibt, die durch Zufall des Geschicks noch etwas an solchen Dingen zu finden vermögen. Staaten, in denen der Musikunterricht abgebaut, ja völlig gestrichen ist, und die Kinder nicht von den Schulen an das kulturelle Erbe herangeführt werden, scheinen ohne jeden Zweifel nicht zu den Hoffnungsträgern der Geschichte zu zählen. Die Frage nach Humanismus oder Barbarei scheint sich für die nähere Zukunft da wie von selbst zu beantworten. Wo die Kultur ein Eliten-Privileg wird, zeichnet sich das Menetekel bereits an deren Horizont ab.

*

Davon scheinbar untangiert, nahm auch das international höchst renommierte Freiburger Barockorchester mit seiner Konzerttournee Grand Concert Pour Louis XIV. dessen Todestag zum Aufhänger, um in einem Programm Werke führender Komponisten des Versailler Hof erklingen zu lassen – und so auch Anfang Oktober im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie:

Das musikalische Epizentrum des französischen Hofs bildete fraglos die überragende Persönlichkeit des Florentiners Jean-Baptiste Lully. Doch auch Michel-Richard de Lalande, wie der heute durch das Te Deum berühmtere Marc-Antoine Charpentier, ein Rivale Lullys, aber schließlich dessen Nachfolger als „Superintendant der Musik“, gehörte zu den kreativen Planeten, die den „Sonnenkönig“ umkreisten und sein Licht im musischen Universum verbreiteten. In Versailles zählten unter anderen auch der Lully-Schüler Jean-Féry Rebel, der europaweit berühmte Gambenvirtuose Marin Marais, sowie der großartige André Campra, der Kapellmeister der „Académie Royale“, zu diesem illustren Kreis.

Es war also zwingend logisch, dass zuerst eine veritable festlich-feierliche Trompeten-Ouverture von Jean-Baptiste Lully erklingen musste (noch für Bach und Händel waren die Französischen Ouverturen des Lully-Typs Langsam-punktiert – Schnell-fugiert – Langsam-punktiert selbstverständlich maßstabsetzender Standard!): und zwar die aus der Comédie-Ballet Les Amants magnifiques und eine Suite aus der Opéra-Ballet Les Plaisirs de l’île enchantée. Diese Auswahl erinnerte natürlich daran, dass Seine Majestät in jungen Jahren selber leidenschaftlich gern als Tänzer auftrat – und dank einer solchen Gelegenheit, nämlich der berühmten Aufführung von Francesco Cavallis Festoper Hercule amoureux, wo er in der Rolle Apolls erschien, von seinen Claqueuren die Bezeichnung „Sonnenkönig“ erhielt. –Schon mit den ersten Prachtklängen verzauberten die Freiburger das Berliner Publikum und entrückten es quasi auf eine Insel vergnüglichster Freuden… Kein Zweifel, dass die so stilgerecht und süffig musizierten Stücke die Hörerschaft von einem Entzücken in das nächste versetzen würden.

Nach diesem ersten Musikrausch folgte ein Kleinod der Kammermusik mit der weltbekannten Gambistin Hille Perl, die dank ihrer bannenden Kunst Marin Marais´ Variationen über Les Folies d’Espagne (Folia, auch Follia) und damit ein unbeschreiblich, schier magisches Ausdrucksspektrum auf ihrem Instrument, der Viola da Gamba, deren unbestrittener Meister Marais war, zum Erklingen brachte. Es gab über die Jahrhunderte kaum einen Großen der Musik, der nicht über diese betörend schöne Melodie seine Versionen komponiert hätte, ob Händel, Leclair oder Scarlatti, ob Bachs Söhne, er selber oder später Salieri, Liszt, Albicastro. Doch Marais´ Gambenwerk ist eine der kostbarsten.

Den Abschluss des ersten Konzertteils bildete nun von Michel Richard de Lalande die „Deuxième Fantaisie“ aus seinen vielen Symphonies pour les Soupers du Roy – eine prachtvolle Tafelmusik, die sofort Assoziationen zu den Sälen und Parks von Versailles beschwört, voller Überraschungen, Farben und nie ermüdender Energie. Keine Frage, dass der Meister-Geiger Gottfried von der Goltz wie so oft bewährt und erstklassig die Werke mit makelloser Präzision anführte, allerdings bei dieser Art Musik schien es mir doch ein wenig an französischer Grande und Rasanz zu fehlen, unmerklich vielleicht, aber gerade die Dialoge der Instrumente, der dramatische Gestus blieb mehr im Blassen, als wenn ein Dirigent das Ganze im Blick und Griff gehalten hätte: dieses Engagement war von den Schöpfern einst bei ihren Aufführungen garantiert, dem deutschen Violinisten entgingen hier gewisse Dimensionen der Plastizität zupackend-kontrastierenden und gegeneinander Wettstreitens.

Nach kurzer Pause ging es auf diesem exaltierten Emotionslevel weiter und nun mit einer Suite aus der Opéra-Ballet Le Carnaval de Venise von André Campra, dessen reiches Werk in Frankreich schon einigermaßen dem Repertoire zurück gewonnen ist, hier aber noch höhere Aufmerksamkeit verdiente: denn auch er war auf vielen Gebieten mit exemplarischen Leistungen erfolgreich, ob mit seinen Opern (der Idoménée sollte immerhin die unmittelbare Vorlage für Mozarts Idomeneo abgeben), seiner grandiosen Kirchenmusik oder den sublimen Kammerwerken.

Passend zum Anlass des Konzertprogramms musizierte Hille Perl anschließend mit Begleitung zweier Violinen und Basso continuo eine Trauermusik, nämlich die Sonate Nr. 7 von Jean-Féry Rebel auf den Tod seines Lehrers Lully: Tombeau pour Monsieur de Lully. Dem ergreifenden Werk blieben die Solistin und ihre Mitstreiter nichts an Tiefe, Gefühlszartheit und Noblesse schuldig – dankbarer Applaus feierte die Künstler nach diesem Moment scheinbar in Schönheit stillstehender Zeit.

Es war klar, dass mit dem Finale wieder den beiden Solotrompetern Jaroslav Rouček und Hannes Rux jede Chance, ihr Können funkeln zu lassen, gegeben würde, und richtig, da blieb nichts zu wünschen, nur, dass der charismatische Schlagzeuger Charlie Fischer, der gelassen die Pauken schlug und mit Zimbeln und Trommeln das Auditorium fesselte, ihnen fast die Show gestohlen hätte, aber imgrunde waren so alle miteinander verbunden und musizierten mit solcher Lust, dass sie mit Michel Richard de Lalandes Concert de Trompettes pour les fêtes sur le canal de Versailles das Glück des Abends kaum jubelnder hätten zur Krönung führen können. Und jubelnd dankten es ihnen die Berliner, und völlig zurecht. Ein Merci, Sire! mochte man im Hinausgehen dem so erinnert Verblichenen nachrufen, dem bis heute diese Fülle der Schönheit und des Geistes nicht zuletzt auch zu danken ist.




Olaf Brühl - 31. Oktober 2015
ID 8951
GRAND CONCERT POUR LOUIS XIV. (Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin, 08.10.2015)
J.B. Lully: „Prélude – Entrée d’Apollon – Menuet de Trompettes“ aus Les Amants Magnifiques
- Suite aus Les Plaisirs de l’île enchantée
M. Marais: Les folies d’Espagne für Viola da Gamba und Basso continuo
M.-R. de Lalande: Deuxième Fantaisie ou Caprice „que le Roi demandait souvent“ aus Symphonies pour les Soupers du Roy
A. Campra: Suite aus dem Opéra-Ballet Le Carnaval de Venise
J.F. Rebel: Sonate Nr. 7 c-Moll Tombeau pour Monsieur de Lully
M.-R. de Lalande: Concert de Trompettes pour les festes sur le canal de Versailles
Hille Perl, Viola da Gamba
Jaroslav Roucek und Hannes Rux, Trompete
Charlie Fischer, Pauken
Freiburger Barockorchester
Violine und Leitung: Gottfried von der Goltz


Weitere Infos siehe auch: http://www.barockorchester.de


Post an Olaf Brühl

http://www.olafbruehl.de



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