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nachDRUCK # 5

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Originalklang

Dresdner Barock

auf Böhmisch


COLLEGIUM 1704 /
COLLEGIUM VOCALE 1704


Bewertung:    



Seit einiger Zeit werden Musikenthusiasten, die Barockes lieben, von jungen tschechischen Ensembles verwöhnt, deren CD-Einspielungen endlich den großen böhmischen Meistern mit idiomatischem Elan gerecht werden. So wetteifern sie, die Werke Jan Dismas Zelenkas in Konzerten und Referenzaufnahmen zu präsentieren. Eines dieser führenden Ensembles ist das Collegium 1704, das Václav Luks 2005 gründete und dem sich mit international renommierten Solisten das Collegium Vocale 1704 beigesellt – seither eilen sie von Erfolg zu Erfolg; und der Schreiber dieses freute sich darum sehr, die Künstler endlich in Berlin zu erleben.

*

Ihr Programm bot ein Kaleidoskop der einzigartigen Dresdner Musikära zu Anfang des 18.Jahrhunderts, wo in der Elbmetropole unter italienischem Einfluss die großen Musiziertraditionen Böhmens und Mitteldeutschlands in großartiger Produktion kulminierten und Dresden mit seiner Hofkapelle zu einem europäischen Zentrum der Musik gedieh. Ein Hauptprotagonist dieses Geschehens war der geniale Johann David Heinichen, der als Hofkompositeur mit Konzerten, Kirchenmusik und Opern den internationalen, d.h. italienisch dominierten Qualitätsanspruch, für den Glanz der Festlichkeit als Deutscher erfüllte. Mit seinem herrlichen Concerto á 5 in G-Dur wurde der Abend eröffnet und riss die vehemente Musizierlust der Instrumentalisten unter Leitung ihres jeden Bogen, jede Schattierung und melodiöse Schönheit herausmodellierenden Dirigenten sofort mit. Luks´ von der Musik schier durchpulster Körper schien seine Musikanten geradezu tänzerisch zu beschwören! Die Freude der Musiker zündete.

Mit solcher Leidenschaft und Klarheit auch wurde dann J. S. Bachs Lutherische g-moll-Messe vorgetragen, und die Berliner konnten Flexibilität und kristallinen Klang des Solistenchores bewundern, für den keine noch so instrumental geführter Stimme auch nur das geringste Problem bedeutete – aber bei aller Virtuosität dem Bachschen Stil doch nichts an Wärme, Inbrunst und Plastizität schuldig blieb: beeindruckend das gestaltungsstarke Basssolo von Jaromír Nosek, sowie Václav Čižeks mit strahlendem Charme betörender Tenor.

Ein Phänomen der Musikgeschichte bleibt Zelenka, der sein Leben in der Dresdner Kapelle am Kontrabass verbrachte, aber als Katholik zunehmend, von Heinichen und dem Stargeiger Pisendel gefördert, die Kompositionsarbeit für die Hofkirche leistete. So entstanden mit den Jahren über zwanzig großartige Messen, viele Psalmen, Requiem und einige Oratorien usw. Doch allzu oft blieb er, wo nicht un-, so doch unterbezahlt, musste in demütigenden Schreiben selbst ausgelegte Kosten anmahnen und erhielt erst spät einen entsprechenden Posten. Von Bach und Freunden hochgeschätzt, gehörte Zelenka, einsam und selbstquälerisch, nicht zu den Berühmtheiten Dresdens (kein einziges Bildnis von ihm ist überliefert) und wird seine Größe erst in unserer Zeit mit Erstaunen wieder entdeckt. Wie Bach schrieb er in strenger Kontrapunktik einen „körnigen“, oft existentiell anmutenden Figuralstil, der offensichtlich mystisch inspiriert war. Dennoch ist bei all der polyphonen Wucht nicht wirklich von einer „Wahlverwandtschaft“ zu reden, die der Programmheftautor herbei träumt: des durch und durch katholischen Zelenkas Formensprache und Schreibstruktur ist von der Bachs völlig verschieden, und geht in genialer Besessenheit ganz eigene Wege, die zuletzt auf Haydn und Mozart voraus verweisen.

Den Abend krönte Zelenkas fast einstündige Missa omnium sanctorum, sein letztes Werk dieser Art, wie er selbst in der Partitur bitter vermerkt hatte, sie sollte den (unvollendet gebliebenen) Zyklus von letzten sechs Messen abschließen. Ob er seine Komposition je aufführte, ist eher unwahrscheinlich. – Auf jeden Fall war die Interpretation in Berlin ein unvergessliches Ereignis: so fegten diese Klangstürme daher, mit solcher Rasanz fesselte jeder Takt dieser stürmisch-ziselierten Partitur – bishin zu dem magisch über Streicherfiguren schwebenden Benediktus-Chor (Sopran/Alt) und dem harsch erschütternden Agnus Dei, das Tomás Král (Bass) mit überragendem Einfühlungsvermögen vortrug, auch Hana Blažikovás wie immer lupenreiner Sopran vermochte wohl alle Anwesenden zu verzaubern, nicht zu vergessen Kamila Mazalovas herzberührende Altarie. Die extremen Chorfugen waren dank unglaublichen Temperaments in ihrer Transparenz einfach atemberaubend!

Triumphale Ovationen des Publikums für einen triumphalen Abend!



Das Prager Barockorchester Collegium 1704 und das Vokalensemble Collegium Vocale 1704 | Foto (C) promo / Bildquelle: berliner-philharmoniker.de

Olaf Brühl - 7. Mai 2016
ID 9300
COLLEGIUM 1704 & COLLEGIUM VOCALE 1704 (Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin, 03.05.2016)
Johann David Heinichen: Concerto a 7 G-Dur S 214
Johann Sebastian Bach: Messe g-Moll BWV 235
Jan Dismas Zelenka: Missa Omnium Sanctorum a-Moll ZWV 21
Hana Blažíková, Sopran
Kamila Mazalová, Alt
Aneta Petrasová, Alt
Václav Cížek, Tenor
Tomáš Král, Bass
Jaromír Nosek, Bass
Collegium 1704
Collegium Vocale 1704
Dirigent: Václav Luks


Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-philharmoniker.de


Post an Olaf Brühl

http://www.olafbruehl.de



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