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Konzertkritik

50 Jahre Musikgeschichte zum Anfassen

Jubiläumskonzert anlässlich der 50jährigen künstlerischen Freundschaft Daniel Barenboims mit den Berliner Philharmonikern


Bildquelle: berliner-philharmoniker.de

Bewertung:    



Berlin zieht Weltklassemusiker an wie die das Licht die Motten. Mit seinen drei Opernhäusern, den Philharmonikern und unzähligen anderen Spitzenorchestern und Spitzenchören hat sich in dieser Stadt eine Dichte gebildet, die weltweit unvergleichlich ist. Dieses Gefühl bekommt man schnell, wenn man die Stadt einige Jahre beobachtet. Konkret wird diese Erfahrung an Abenden wie heute: 50 Jahre künstlerische Zusammenarbeit Daniel Barenboim mit den Berliner Philharmonikern. 1964, drei Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer, hatte der damals 21jährige Daniel Barenboim sein Debüt als Solist. Unzählige Male hat er seitdem mit dem Klangkörper zusammengearbeitet, seit den 90er Jahren ist Barenboim mit der Staatsoper Berlin verbunden, mittlerweile als Generalmusikdirektor auf Lebenszeit.

Mit Simon Rattle haben die Berliner Philharmoniker seit 2002 einen Chefdirigenten, der auch aus solch einem Anlass seinen künstlerischen Honig saugt. Im ersten Teil des heutigen Abends kombiniert er Charles Ives' The Unanswered Question mit Richard Strauss' Metamorphosen. Beide Stücke, das 8minütige Frühwerk von Ives und das 27minütige Alterswerk von Strauss sind, für sich allein genommen, schwierig in ein Konzert zu programmieren. Rattle montiert die Stücke aber ineinander. Bei Ives' Stück sind die Musiker im Zuschauerraum verteilt. Das Fernorchester mit Co-Dirigenten Duncan Wood ist im letzten Rang unter der Decke des wunderschönen Großen Saales der Philharmonie platziert. Vier Flöten in zwei Gruppen stehen seitlich in den Rängen, die das Stück bestimmende Trompete spielt frontal hinter der Bühne weit im Zuschauerraum. Diese Anordnung erlaubt es, die drei völlig heterogenen Schichten der Komposition wunderbar transparent zu gestalten. Rattle steht frontal zum Saal, stößt die Aktionen nur sanft an, danach entwickeln sie sich eigenständig weiter. Nahtlos beginnen Strauss' Metamorphosen. Rattle steht nun inmitten der 23 Streicher, die sich kammermusikalisch um ihren Chef arrangiert haben. Simon Rattle reagiert auf das eher einfarbige Stück von Strauss mit einer ausgewogenen Dramaturgie in Tempo und Intensität. Die Montage dieser beiden Stücke erweist sich als Geniestreich in ästhetischer Hinsicht und überdies als musikgeschichtliches Exempel: Ives' avantgardistisches Statement neben den Metamorphosen, in denen Strauss wehmütig die verlorengegangene Vorkriegszeit sublimiert.

Nach der Pause das 1. Klavierkonzert von Johannes Brahms. Welch glückliche Programmwahl! Wie könnte man die künstlerische Freundschaft von Barenboim mit den Philharmonikern besser in Musik setzen als mit Brahms' Frühwerk, wo sich Orchester und Klavier so üppig die Bälle hin und her werfen. Barenboims Vorlagen am Klavier werden in genialer Weise im Orchester weiterentwickelt. Getragen aber doch spritzig legt Barenboim die Partitur aus. Rattles Philharmoniker glänzen vor allem im Adagio, die leisen horizontalen Aktionen der Streicher geraten zu einer oratorienhaften Klarheit. Das prinzipielle Problem von Brahms' 1. Klavierkonzert, dass sich das Stück quasi im ersten Satz verpulvert, ist auch heute nicht aufzulösen. Aber darum geht es heute auch nicht. Barenboim wird in 20minütigen Ovationen gefeiert wie ein Superstar. Sogar eine ruhige Zugabe am Klavier lässt er sich noch entlocken. Simon Rattle sitzt derweilen very britisch am Boden, auf dem Absatz seines Dirigentenpultes.


Steffen Kühn - 18. Juni 2014
ID 7915
BERLINER PHILHARMONIKER (Philharmonie Berlin, 18.06.2014)
Charles Ives: The Unanswered Question
Richard Strauss: Metamorphosen für 23 Solostreicher
Johannes Brahms: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 d-Moll op. 15
Daniel Barenboim, Klavier
Berliner Philharmoniker
Dirigent: Sir Simon Rattle


Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-philharmoniker.de


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