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Konzertkritik

L´Ensemble

Ausgewählte Ensembles des Institutes für Alte Musik der UdK stellen sich vor


Tomoki Kitamura und Haruka Izawa | Foto (C) Mitzi Meyerson, UdK Berlin

Bewertung:    



Bei nassgrauem Wetter quer durch den neoliberalen Moloch Berlin fahren, um im Kammersaal Friedenau das Eröffnungskonzert einer neuen Reihe der Universität der Künste zu besuchen. Wir haben es weit, und ich kalauere noch, dass die Musiker jetzt aber sehr gut sein müssen, damit dieser Weg gerechtfertigt sei… Der Kammersaal macht nicht gerade einen einladenden Eindruck, es ist kühl und furchtbare Malereien an den Wänden kränken den Blick. Die leeren Stuhlreihen füllen sich vielleicht zur Hälfte… Bereit stehen inmitten zwei herrliche Hammerflügel unterschiedlicher Art und sind ganz und gar Verheißung.

Der geschäftsführende Direktor des Instituts für Alte Musik an der Universität der Künste, Soloflötist der Akademie für Alte Musik Berlin, Prof. Christoph Huntgeburth, erläuterte zur Begrüßung kurz den Sinn der neuen Veranstaltungsreihe. Mit L´Ensemble soll dem Trend unserer Zeit zu Vereinzelung und Konkurrenz ein „Kontrapunkt“ gesetzt werden, um junge Musiker anzuregen, zusammen zu finden, miteinander zu musizieren. Er verwies auf die Bedeutung nicht nur der Darbietung allein, sondern die Erfordernisse des Zuhörens, des momentanen Reagierens auf das spontane Tun der Anderen. Damit hatte Huntgeburth das große Thema des Sinns von Musik und Kunst im Zusammenhang von Leben, Lieben, von Gesellschaft überhaupt, sehr schön angedeutet.

Nichts auf der Welt hätte seine Worte schöner bewahrheiten können, als was dann folgte. Auf dem Programm standen zunächst Robert Schumanns 6 Studien in kanonischer Form für den  Pedal-Flügel op.56 (1845)  in der Bearbeitung für zwei Klaviere zu vier  Händen von Claude Debussy (1891), und zwar Nr. 1-4. Die zwei blutjungen Künstler, das Klavierduo Haruka Izawa und Tomoki Kitamura (aus der Klasse von Prof. Mitzi Meyerson), traten auf, legten ihre Noten zurecht, nahmen an den Flügeln Platz und begannen einfach miteinander auf eine so berückende Weise zu spielen, dass man sofort im Bann dieser Stücke stand, sofort eingefangen war vom Zauber des inegalen Klangs der beiden historischen Instrumente, von der völligen Hingabe und Aufmerksamkeit ihrer Spieler.

Gerade die dialogisierenden Passagen gewannen durch den zart unterschiedlichen Klang der Originalinstrumente eine eigene, besondere Körperlichkeit (Huntgeburth hatte sie zuvor auch benannt: das eine stammte von Peterson & Co. aus London 1860 und das andere von Böhm, in Wien 1830 gebaut). Es scheint, als höre man jeden Anschlag in seiner rauh sinnlichen Kostbarkeit auch aus den Akkorden noch einzeln. Die Schönheit der Töne blinkt jeweils auf und verschwimmt viel weniger im Gesamtglanz, wie bei den größeren späteren Konzertflügeln, die wir sonst hören. Andererseits besitzen die Töne mehr Seele und Volumen als etwa beim Cembalo. Schumann auf solchen Klavieren zu hören, wie sie ihm ja wohl zur Verfügung standen, und in so unmittelbarer Nähe, für die seine Musik wohl gedacht war, erhöhte noch den Reiz, den kein großer Konzertsaal oder gar das Abhören von CDs so wettmachen könnte.

Für das folgende Werk, Franz Schuberts berühmte Fantasie f-moll zu vier Händen (D.940 op. 103) von 1828  setzten sich beide Pianisten an das Wiener Klavier, das ja aus der Zeit dieser Komposition stammt. Nun hatte man das Vergnügen, das ganz in die Musik versunkene Duo beieinander zu sehen, sekundiert von einem Studienkollegen, der ihnen die Blätter wendete. Wie oft hat man dieses Werk Schuberts von den Größten interpretiert gehört – diese unsagbare Wehmut, das Aufbäumen, die Brüche, die Sehnsucht und Stärke, den Willen, den Moment des Wiederkehrens der unsagbaren Melodie…. Aber hat man es je so bestrickend sinnlich gehört wie von Haruki und Tomoki? Ihr Sinn für die dramatische Architektur der Komposition modellierte kontrastreich seine Strukturen heraus, ihr gefühlvoller Anschlag ließ es atmen, ihre Kraft blieb den Härten nichts schuldig, aber alles im Maß klassischer Disziplin. Wie bei Schumann bereits wirkten die Tempi völlig sinngemäß und die Dynamik natürlich. Sie spielten einfach sympathisch, wenn man es so formulieren darf, ganz ohne Manierismen und Effekte: eben „im Dienste der Musik“. Sehr berührend, ein wahres Erlebnis.


Haruka Izawa ist 25 Jahre alt, sie wurde in New York geboren, wuchs aber in Japan auf und hat u.a. am Robert-Schumann-Wettbewerb 2016 in Zwickau teilgenommen. Tomoki Kitamura ist 26 Jahre alt, er wurde in Aichi (Japan) geboren und spielt seit seinem 3. Lebensjahr Klavier. Auch er hat schon an vielen Wettbewerben teilgenommen, Preise gewonnen und mit japanischen Orchestern musiziert. Beide Künstler bezwingen nicht nur durch ihr angenehm bescheidenes Auftreten, dem die selbstverliebte Siegerpose so vieler europäischer Künstler völlig abgeht, sondern vor allem mit ihrem hingebungsvollen Glühen für die Musik, die sie interpretieren. Sowohl Haruka, wie Tomoki sind bereits Inhaber ihrer Meistertitel.


Nach der Pause folgten die beiden anderen Stücke aus Schumanns Studien op. 56 und ließen wiederum nichts zu wünschen übrig. Diesesmal spielte Haruki auf dem Londoner Flügel von 1860 und Tomoki auf dem älteren. Transparent, warm, lebendig beglückten sie die Hörenden – und wiederum faszinierte Debussys geschicktes Arrangement mit seinen dialogisierenden Wirkungen. – Für den Abschluss des Programms, das es wahrhaft „in sich hatte“, wechselten sie wieder ihre Plätze: es erklangen die op.56b von Johannes Brahms (1873). Ehrlich gestanden, so schön, so, es muss nochmals gesagt sein, sinnlich und klar, so gefühlvoll und brillant, ohne jeden Anflug von Sentimentalität oder Äußerlichkeiten, so durchgearbeitet und immer mitziehend, habe ich es noch nie gehört. Und wiederum auch: Brahms’ Akkordfülle und seine rauschenden Bewegungen erhielten eine so verfremdend frische Klangwirkung durch die Hammerklaviere – atemberaubend!
Ein unvergesslicher Musikabend. Der gelungene Auftakt, um die neue Konzertreihe aufs Allerschönste zu eröffnen. – Zum Dank für den herzlichen Applaus spielten Haruka und Tomoki Schumanns Abendlied (Nr. 12 aus den 12 vierhändigen Klavierstücken für kleine und große Kinder, op.85) an dem Hammerklavier von Böhm. – Dem Klavierduo Haruka Izawa und Tomoki Kitamura sei eine erfolgreiche Karriere beschieden – und uns noch viele glückliche Stunden in Konzerten mit ihnen beiden zusammen!
Olaf Brühl - 21. Februar 2017
ID 9864
Weitere Infos unter http://www.udk-berlin.de



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