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Zeitgenössische Oper

Zwischen Spiegeln verstörender Stimmen der Stille



Jakob Lenz an der Oper Stuttgart - Foto (C) Bernd Uhlig

Bewertung:    



„Hören Sie denn nichts, hören Sie denn nicht die entsetzliche Stimme der Stille, die um den ganzen Horizont schreit, und die man gewöhnlich die Stille heißt?“
(Georg Büchner, Lenz, 1839)


*

Mit ungewöhnlich direkter Sprache werden in Wolfgang Rihms Jakob Lenz widersprüchliche Empfindungen und psychotische Schübe dargestellt. Seit seiner Uraufführung 1979 ist es eine der am häufigsten gespielten zeitgenössischen Kammeropern. Michael Fröhlings Libretto nach Georg Büchners Erzählung reflektiert in einer Szenenabfolge den Aufenthalt des suizidgefährdeten Lenz beim Pfarrer Johann Friedrich Oberlin und verwebt in einer vielstimmigen Montage lyrische Fragmente des Sturm und Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792), Bibelzitate, Aufzeichnungen des realen Oberlin und Briefe Büchners.



Jakob Lenz an der Oper Stuttgart - Foto (C) Bernd Uhlig


Die Titelfigur verkörpert in Andrea Breths bildgewaltiger, erschütternder Inszenierung der aus Wien stammende Bariton Georg Nigl mit lebendiger Gestik, mimischem Spiel und stimmlich bemerkenswertem Ausdruck. Im stetigen Übergang vom Sprechen über den lyrischen Gesang bis hin zum Schreien und Flüstern schöpft er sämtliche Ausdrucksformen der menschlichen Stimme aus. So stellt er erschütternd den Abstieg Georg Lenzs’ in die geistige Umnachtung dar, mit allen Nuancen von Angst, Trost, Lächerlichkeit und Ekel. Musikalisch spiegeln rhythmische und harmonische Dissonanzen im Gesang und übertriebene und schräge Klangkonstellationen im orchestralen Zusammenspiel effektvoll die Entrücktheit und Verrückung Lenzes.

Anfangs irrt Lenz durch eine kalte, steinige und abweisende Landschaft (Bühne: Martin Zehetgruber). Das innere Erleben und die äußere Wirklichkeit vermag er nicht zu unterscheiden. Die Kälte der Nacht wirkt ungemildert in seine Seele, und seine innere Verzweiflung ist eins mit dem ihn umgebenden Gebirge. Gelungene, in düster verhangenes Licht getauchte Bühnenbilder geben dieses Verhältnis seiner Seele zur Umgebung wieder. Bis zuletzt ersetzen große, dunkle Steine auch das Mobiliar in Lenzes Räumlichkeiten. Die zahlreich vorhandenen Spiegel tragen ebenfalls zu dem Eindruck bei, dass sich die Unterschiede von den wirklichen Personen und ihren Reflektionen auf kalten (Spiegel-)Flächen verwischen.

Das Publikum sieht zu, wie Jakob Lenz immer mehr psychisch entgleitet, schizophren wird und in geistiger Umnachtung endet. Zuletzt kann er nur noch immer wieder sagen „konsequent“...



Jakob Lenz an der Oper Stuttgart - Foto (C) Bernd Uhlig


Georg Büchners Fragment Lenz (1839 posth. erschienen) ist eine sehr fundamentale realistische Darstellung eines Menschen in einer Krise, die ganz von innen her zu kommen scheint und sein Verhältnis zur Welt stört, zerstört und auflöst. Wirklichkeit und Wahn geraten immer mehr durcheinander. Bruchstückhaft findet der psychisch kranke Lenz alles lächerlich, entsetzlich im raschen Wechsel und ist dann wieder für kurze Momente getröstet – insbesondere durch den wohlmeinenden Pfarrer Oberlin. Anders als im damals gerade ausklingenden Klassizismus ist Lenz nicht von einer hehren Idee geleitet oder in einem tragischen Dilemma verstrickt. Und anders als in der zeitgleichen Romantik jagt Lenz keiner blauen Blume nach, sehnt sich nicht nach dem verlorenen Glück und Liebe, sondern wird von seinen Wahnvorstellungen gehetzt.

Dem Wahn - vor den Augen des Opernpublikums aufdringlich und drastisch dargestellt - werden zwei andere Protagonisten gegenübergestellt: Der britische Bassbariton Henry Waddington spielt den wohlwollenden Pfarrer Oberlin, der es mit konservativ christlichen Moralvorstellungen versucht, Lenz zu helfen und es tatsächlich schafft, ihn damit noch kurzzeitig zu stabilisieren. Kaufmann, einen Bekannten von Lenz, spielt der britische Tenor John Graham-Hall mit strengem Ausdruck. Seine Figur steht ebenfalls der wahnhaften Erkrankung hilflos gegenüber, versucht aber mit Härte, die Setzungen der Normalität aufrecht zu erhalten und Lenz zurück zu seinen Eltern zu führen, was Lenz scheinbar nur noch mehr in den Abgrund treibt. Das in dieser Darstellungsform sehr moderne Stück entstand in der Zeit, in der die Restauration alle Neuerungen bekämpfte und wohlwollend oder mit brutaler Macht an den alten Normen und Machtverhältnissen festhielt. So ist die Erkrankung von Lenz und die Reaktion der beiden Protagonisten hierauf gleichzeitig ein Sinnbild für das Deutschland der Epoche Biedermeier/Vormärz. Ein Ausstieg aus diesem System schien die letzte Konsequenz zu sein. Wolfgang Rihm verfasste aus diesem Stoff eine Oper in den späten 70er Jahren, als erneut in Deutschland versucht wurde, überkommene Formen zu bekämpfen.



Jakob Lenz an der Oper Stuttgart - Foto (C) Bernd Uhlig


Andrea Breth schafft es mit ihrer intensiven Inszenierung von Jakob Lenz, dem Publikum auf eindrückliche Art das unmenschliche Auf und Ab einer Krankheit wie der Psychose näherzubringen. Auch das orchestrale Spiel und der Gesang der Darsteller unter der Leitung von Franck Ollu tragen zu dem stimmigen Gesamteindruck des Ver- und Entrückten bei.


Ansgar Skoda - 16. November 2014
ID 8250
JAKOB LENZ (Opernhaus Stuttgart, 14.11.2014)
Musikalische Leitung: Franck Ollu
Inszenierung: Andrea Breth
Bühne: Martin Zehetgruber
Kostüme: Eva Dessecker
Licht: Alexander Koppelmann
Dramaturgie: Sergio Morabito
Besetzung:
Lenz… Georg Nigl
Oberlin… Henry Waddington
Kaufmann… John Graham-Mall
Stimmen… Irma Mihelic, Olga Heikkilä, Sabrina Kögel, Katrin Torbjörnsdóttir, Stine Marie Fischer, Dominic Grosse und Eric Ander
Akrobot und Double Jakob Lenz… Martin Bukovsek
Staatsorchester Stuttgart
Premiere war am 25. Oktober 2014
Weitere Termine: 17., 22. 11. / 15. 12. 2014
Koproduktion der Oper Stuttgart mit La Monnnaine/ De Munt (Brüssel) und der Staatsoper Unter den Linden


Weitere Infos siehe auch: http://www.oper-stuttgart.de


Post an Ansgar Skoda

ansgarskoda.wordpress.com




 
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