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Premierenkritik

Circulus

vitiosus

PELLÉAS ET MÉLISANDE
zur Ruhrtriennale 2017


Phillip Addis und Barbara Hannigan als Pelléas et Mélisande in der Jahrhunderthalle Bochum | Foto (C) Ben van Duin/Ruhrtriennale

Bewertung:    



Kurz vor der Opernpremiere von Claude Debussys Pelléas et Mélisande eröffnete eine bewegende Rede von Herta Müller die RUHRTRIENNALE 2017. Der sehr persönliche Text Ein Ausweg nach innen macht verständlich, wie die Autorin und Nobelpreisträgerin in der Ära von Nicolae Ceausescu einen Weg fand, die äußere Unterdrückung der Diktatur zu überstehen. Sie beschreibt in poetischen Bildern, wie sie die Sprache und die Worte, aber auch die sie umgebende Natur bewusst als einen über aktuelle Sorgen hinausweisenden Realitätsraum wahrnimmt. Diese Gedankenwelt vermag es über die unmittelbar einschränkende Ungerechtigkeit wenigstens zeitweise hinwegzutrösten. So gelingt ihr eine Unabhängigkeit und eine Abgrenzung im Geiste, der sie für kommende Herausforderungen erstarken lässt.

*

Nach der Eröffnungsrede durch die deutsche Schriftstellerin rumänischer Abstammung folgte Krzysztof Warlikowskis Inszenierung der ersten Oper der Moderne. Pelléas et Mélisande (1902) erzählt auch von Unterdrückung, Angst, Einsamkeit, existenziellen Abgründen und voneinander unabhängigen Facetten der Realitätswahrnehmung. Die Oper entstammt aus dem gleichen Jahr wie die 1902 gebaute Bochumer Jahrhunderthalle, in der sie während des diesjährigen Festivals gezeigt wird. Das ausgefallene Bühnenbild von Małgorzata Szczęśniak fällt direkt ins Auge. Die großräumige Bühne gliedert sich in zwei unterschiedliche Bereiche. Auf der rechten Seite ist der Raum mit holzvertäfelter Wand wie ein überdimensionierter Salon gestaltet, der etwa an die Räumlichkeiten in der Villa Hügel von der Industriellenfamilie Krupp erinnert. Auf der linken Bühnenhälfte sehen wir hingegen eine Bar und unmittelbar dahinter eine Reihe von Waschbecken. Nach hinten hinaus umrahmen zwei große, kunstvoll geschwungene Treppenläufe die Bochumer Symphoniker, die während der gesamten Vorführung auf der Bühne platziert sind. Das Orchester, dem die Darsteller mit dem Rücken zum Publikum immer wieder zugewandt sind, ist während der Vorführung das effektvolle Inventar einer kultivierten und adligen Familie.

Ein gestisch lebendig deklamierender Prolog von Golaud-Darsteller Leigh Melrose lässt mit versöhnlich stimmenden Sätzen wie „Es ist eine Geschichte so alt wie die Welt“ auf einen unterhaltsamen Theaterabend hoffen. Doch schon bald lastet auf der sich nach und nach entwickelnden Handlung eine abstrus anmutende Bedeutungsschwere. Golaud, Enkel des Königs von Allemonde, verirrt sich bei der Jagd im Wald, den auf der Bühne die Bar repräsentiert. Er trifft hier auf die rätselhafte Mélisande. Golaud zeigt sich entzückt von der jungen Frau und überzeugt sie schnell davon, sie mit in seine königliche Herkunftsfamilie zu bringen. Mélisande gibt ihrerseits jedoch fast nichts über sich und ihre Herkunft preis. Wir erfahren von ihr nur, dass ihr etwas angetan worden sei. Als Person wirkt Mélisande zerrüttet, so als sei sie in der Vergangenheit belastenden Lebensbedingungen ausgesetzt gewesen. Kurze Zeit später sind beide ein Paar, und er bringt sie in sein düsteres, von Bäumen beschattetes Schloss. In der Familie Golauds eckt die unkonventionelle Frau jedoch an, da sie inmitten der königlichen Sitten und Gebräuche und der vielen Türen, Korridore und Zimmer schnell die Orientierung zu verlieren droht. Bald finden auch Golauds Halbbruder Pelléas und Arkel, der König von Allemonde, Gefallen an der jungen Frau. Die Herren der Schöpfung umgarnen Mélisande in einem Reigen der Schmeicheleien, während jene Auserwählte eigenartig unbeteiligt bleibt und bis zum Schluss wie ein Fremdkörper in den königlichen Gemächern wandelt.

Neben den deutschen und englischen Übertiteln zur französischsprachigen Oper leuchten auf der Bühne zwei weitere großformatige Monitore. Hier werden Details des Bühnenbilds live übertragen, Schlachtungen von Schafen aus Massentierhaltung oder wiederholt ein prominenter Filmausschnitt von Alfred Hitchcocks Klassiker Die Vögel gezeigt. Im Film massakrieren Vögel die Haare von Tippi Hedren, während auf der Bühne Mélisande ihr volles und lockiges Haar lobpreist. Ihr unheilvolles Schicksal wird so wenig subtil vorweggenommen. Gegenüber den männlichen Figuren hat Mélisande als überwiegend passiv bleibendes Objekt der Begierde ansonsten leider wenig tragende Gesangspassagen. Barbara Hannigan weiß trotzdem mit nuanciertem Ausdruck zu gefallen und spielt die Mélisande rätselhaft-anrührend als verletzliche Femme Fatale. Franz-Josef Selig gibt einen prächtigen König von Allemonde mit kraftvoller und fein modulierter Bassstimme. Auch Phillip Addis als Pelléas und Leigh Melrose als Golaud überzeugen mit ausdrucksstarkem und pointiertem Gesang und darstellerischem Können. In all der Düsternis wirkt die impressionistische Musik von Claude Debussy dann aufhellend, wenn die Schönheit der Natur orchestral unterstrichen wird.

Ähnlich wie in der Rede Herta Müllers scheint auch hier in der Betrachtung von Mond und Meer der einzige Ausweg zu sein. Leider wetteifern während der Vorführung auf das Dach der Jahrhunderthalle prasselnde Regenschauer über weite Passagen mit dem Orchesterklang. Der originelle Veranstaltungsort vermag hier nicht darüber hinwegzutäuschen, dass er ursprünglich nicht für Konzertereignisse ausgelegt wurde. So wird neben dem eigentlichen Stück immer auch der Mythos Ruhrgebiet inszeniert. Dennoch wirkt der Eindruck dieses Eröffnungsabends atmosphärisch lange nach.



Gabriel Böer (als Yniold) und Leigh Melrose (als Golaud) in Pelléas et Mélisande in der Jahrhunderthalle Bochum | Foto (C) Ben van Duin/Ruhrtriennale

Ansgar Skoda - 24. August 2017
ID 10210
PELLÉAS ET MÉLISANDE (Jahrhunderthalle Bochum, 18.08.2017)
Musikalische Leitung: Sylvain Cambreling
Regie: Krzysztof Warlikowski
Bühne und Kostüme: Małgorzata Szczęśniak
Licht: Felice Ross
Choreografie: Claude Bardouil
Video: Denis Guéguin
Dramaturgie: Miron Hakenbeck
Besetzung:
Arkel … Franz-Josef Selig
Pelléas … Phillip Addis
Golaud … Leigh Melrose
Ein Arzt … Caio Monteiro
Mélisande … Barbara Hannigan
Geneviève … Sara Mingardo
Yniold … Gabriel Böer
Statisterie … Frank Bramkamp, Lisa-Katharina Breuer, Björn Castillano, Yacouba Coulibaly, Klaus-Peter Hannig, Monika Hüttche, Laron Janus, Juliana Jobe, Klaus Linden, Christian Scheid, Gabriele Schönstädt, Eva Stoldt und Aboubacar Traore
Bochumer Symphoniker
Premiere war am 18. August 2017.
Weitere Termine: 24., 26., 27., 31.08./ 01., 03.09.2017


Weitere Infos siehe auch: http://www.ruhrtriennale.de


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