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Opernkritik

Vorsicht! gurrende Werwölfin - ein Fall für Max von Sydow



(C) Staatsoper im Schiller Theater

Bewertung:    



Derzeit veranstaltet die Staatsoper im Schillertheater anlässlich ihrer 2014er Saison der INFEKTION! (auch) Salvatore Sciarrino-Festspiele - zwei Werke dieses italienischen und wohl weltweit bedeutenden Komponisten schmücken so den diesjährigen Spielplan; Macbeth (ab 21. Juni) und Lohengrin (den wir nun heute Abend live erlebten) stehen da auf dem Programm; ja und, ganz unter uns gesagt, erfährt der so Bedachte und Gepriesene 11 Vorstellungen insgesamt - ein wahrer Festakt überdeutlichen Bemerktwerdens, von dem womöglich junge oder jüngere will sagen unverbrauchtere und ungespieltere Tonsetzer nur zu träumen wagen dürften...

Wir, als ausgewiesene Sciarrino-Fans, wurden in letzter Zeit dann schon mit dessen Werken übers Maß hinaus umworben; ganz zuletzt bei seinem durch den RIAS Kammerchor in Auftrag gegebenen und von ihm aufgeführten Zeitmaschinen-Stück, und vorher schon bei Vanitas (2013). Die hörerischen Resultate unsrerseits waren da freilich sehr verschieden.

Doch zu Lohengrin:

Hier "zeigen sich idealtypisch die radikale Reduktion der Klangereignisse und die extreme Stilisierung, die Sciarrinos Werk unverwechselbar machen. Die dramaturgische Konzeption ist überaus anspruchsvoll: 'Die Töne sind bereits Theater. Das Drama dessen, was man hört, bringt Wirkung mit sich, ein Gast des Raumes.' Literarische Quelle ist Jules Laforgues Lohengrin, fils de Parsifal, den der 26jährige Dichter gemeinsam mit fünf weiteren Parodien berühmter Archetypen 1886 veröffentlichte. Salvatore Sciarrino reduzierte und gestaltete den Text drastisch um. Dabei tilgte er fast gänzlich die frivolen Aspekte, die satirisch eingesetzten Redundanzen und das enzyklopädische Feuerwerk des Originals, behielt jedoch das nächtliche Ambiente und den sich immer wieder durchdringenden Kontrast von Dunkelheit und Helligkeit bei." (Quelle: staatsoper-berlin.de)

Alles soweit klar? nein?? noch nicht???

"Die Musikdramaturgie sucht und findet ihre Wirkung in der geradezu gnadenlosen Reduktion auf das Wesentliche. Fast kaum zu realisieren ist der Gesang. Die Solostimme muss sich auf eine Kompletterkundung des stimmlichen Ausdrucks einlassen: vom eigentlichen Wort über den Laut und das Geräusch bis hin zum Seufzer – und dies ununterbrochen, während sie von einer psychischen Situation in die andere hinübergleitet. Ähnliches gilt für den kleinen Männerchor, der quasi instrumental eingesetzt wird. Das klein besetzte Orchester ist meist extrem ausgedünnt und beschränkt sich oft auf einfache Klangbänder, wenn es nicht überhaupt über lange Strecken schweigt. Als Protagonist agiert es nur an theatralisch kritischen Punkten – dann interveniert es mit äußerster Vehemenz. Ansonsten bleibt es im wesentlichen ein Echo der Worte. Meist 'hören' wir also die Geschichte durch die geschlossenen (invisibile) Augen der Protagonistin Elsa. Dadurch stellt Lohengrin an uns die Forderung, die Wirklichkeit von Musik mehr denn je durch unvoreingenommenes Hören zu entdecken." (Quelle: dto.)

Okay.

* * *

Unsere Lesart von dem Ganzen (Inszenierung: Ingo Kerkhof) ist da etwas schlichter; also:

Deutscher Kuwi- und Psychologiestudent im vorletzten Semester (stumm: Konstantin Bühler), der sein müßiggängerisches Austauschdasein in Italien vertrödelt, greift sich eine noch nicht Achtzehnjährige in einer Diskothek in Rom und schleppt sie nachher zu sich ab. Kurz später wird geheiratet, ja und man reist zu einer Hochzeitsvilla irgendwo am Meer. "Sie unterstand dem Kultusministerium und wurde den Neuvermählten kostenlos zur Verfügung gestellt." (lt. dem Libretto) Bald stellt sich heraus, dass mit dem Mädchen irgendwas nicht stimmt; der junge Psychospezialist hatte das zwar schon irgendwie geahnt gehabt und es womöglich auch als Kick empfunden, dass er sich so sehr für diese Fremdartige (also nicht nur sexuell) interessierte, aber nun wird/ist ihm diese Angelegenheit mehr als suspekt, um nicht zu sagen: lästig. Daher würde er sie lieber gleich von heut' auf morgen wieder los werden...

Die junge Mädchenfrau hält sich für Elsa (aus dem Lohengrin) und führte/führt ein schizophrenes Dasein. Noch verspürt ihr angetrauter Frischgatte keine Gefahr, dass sie vielleicht dann richtig durchknallte und ihn (den un-erhörten Lohengrin) zur Strecke bringen könnte; doch die Grundsituation - Frau/Mann in abgeschiedenem Hotelzimmer fernab der Zivilisation - ist schon recht brenzlich. Gatte schweigt also fortan und kaut an einem deutschen Schwarzbrot; Gattin redet sich inzwischen heiß:

Ursina Lardi spielt und singt die Halbverrückte, und das macht sie atemberaubend gut!! Sie gurrt und girrt, betreibt sehr intensive Schlucklautübungen, giekst sich in ungeahnte Höhen, zwerchfellet sich auf und ab, hustet und röchelt, rotzt während des Tonabgleichens, echolotet ihren "Elsa"-Namen hundertmal und hundertfach in immer neuen Varianten und - sie gähnt und gähnt und gähnt; ist ihr der Typ am Ende vielzu langweilig geworden? (Bühler sieht dann zwischenzeitlich aus, als würde er ihr sagen wollen: 'Halt dein Maul, ich will jetzt schlafen' oder so... Halt wie im wahren Leben, wenn dann meistens 1 plus 1 gleich 2 nicht richtig funktioniert.)

Klein-Elsa scheint jetzt aber bald mit Lohengrin ihre Geduld endgültig zu verlieren. Sie spricht plötzlich ziemlich tief, fast wie mit Männerstimme; und das wäre gleichsam etwas für den Exorzisten Max von Sydow, dass er dann das Kind auf seine Therapiearten für die Gesellschaft quasi 'rückbesinnt - - das hätte Sciarrino durchaus mitbedenken können, als er seine Lohengrin-Oper vor 30 Jahren dichtete und komponierte.

Mitglieder der Staatskapelle Berlin und deren Orchesterakademie servierten die gehörten Klänge auf sehr virtuose und sehr stimmungsreiche (flirrende, ätherisch anmutende) Art; es dirigierte Michele Rovetta!

Anhaltender Beifall.




Das ist die Sängerin Ursina Lardi (als Elsa), die vor dem Schauspieler Konstantin Bühler (als Lohengrin) sitzt - Foto (C) Thomas Jauck



Andre Sokolowski - 16. Juni 2014 (2)
ID 7911
LOHENGRIN (Werkstatt im Schiller Theater, 16.06.2014)
Musikalische Leitung: Michele Rovetta
Inszenierung: Ingo Kerkhof
Ausstattung: Stephan von Wedel
Video: Philipp Ludwig Stangl
Licht: Irene Selka
Dramaturgie: Roman Reeger
Besetzung:
Elsa ... Ursina Lardi
Schauspieler ... Konstantin Bühler
Bass ... Peter Krumow
Bariton ... Dmitri Plotnikov
Tenor ... Benedikt Kristjánsson
Mitglieder der Staatskapelle Berlin und der Orchesterakademie
Uraufführung war am 15. Januar 1983 in der Piccola Scala in Mailand
Berliner Premiere: 14. Juni 2014
Weitere Termine: 18., 19., 21., 22. 6. 2014


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsoper-berlin.de


http://www.andre-sokolowski.de



 

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