Potsdamer Winteroper präsentiert mit Zanaida selten gespielte Oper des jüngsten Bachsohns Johann Christian
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Zanaida von Johann Christian Bach - im Schlosspark Sanssouci | Foto (C) Stefan Gloede
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Bewertung:
Bei unerwartet frühlingshaften Temperaturen luden die Kammerakademie Potsdam und das Hans Otto Theater zur alljährlichen Winteroper in die Friedenskirche. Die im Stil des Historismus erbaute und 1848 geweihte Kirche am Eingang zum Schlosspark Sanssouci dient zwei Jahre als Ausweichspielstätte für das Schlosstheater im Neuen Palais, das noch bis 2027 einer weiteren Sanierung unterzogen wird. Gezeigt wird die selten gespielte, 1763 im Londoner King’s Theatre uraufgeführte Oper Zanaida, ein Dramma per musica von Johann Sebastian Bachs jüngstem Sohn Johann Christian Bach (1735-1782). Das 2010 in einer amerikanischen Privatsammlung wiederentdeckte Werk steht stilistisch zwischen dem italienischem Barock und der Wiener Klassik. Musikalisch meint man hier schon den jungen Mozart zu hören, der als Achtjähriger in London sogar einmal mit dem dort als Opernkomponisten beschäftigten „Englischen Bach“ musizierte und ein großer Bewunderer dessen Musik war.
Die Handlung führt in die Zeit der Osmanisch-Persischen Kriege nach Isfahan. Just, wenn am Premierenwochenende Bomben auf den Iran fallen, bekommt das nochmal einen ganz aktuellen Bezug. Um Frieden zu schließen, will der türkische Kaiser Soliman seine Tochter Zanaida mit dem persischen König Tamasse verheiraten. Sie trifft mit einem Gefolge an Tamasses Hof ein und wird sofort Opfer einer Intrige der Mutter des Königs. Roselane will die Geliebte ihres Sohns, Osira, die als türkische Geisel an dessen Hof lebt, zu einer Ehe mit ihm überreden. Auch Tamasse selbst will sein Eheversprechen brechen und befiehlt dem persischen Prinzen Cisseo, Zanaida zu verführen. Der Arme ist aber in Osira verliebt und so entwickeln sich Ränke und Verwicklungen, die sogar zur Verurteilung Zanaidas zum Tode führen.
Natürlich löst sich das am Ende alles in allgemeinem Wohlgefallen auf. Tamasse erkennt sein Unrecht und heiratet Zanaida und auch Cisseo und Osira, die sich gegen ihren an seiner Ehre gekränkten Vater und türkischen Gesandten Mustafa behaupten muss, bekommen sich. Eine etwas verworrene Dramaturgie, noch verkompliziert durch einige Nebenfiguren wie die Prinzessin Aglatida und ihren Geliebten Gianguir, die wie die persische Prinzessin Silvera im Gefolge der Zanaida am persischen Hof weilen. Eine kleine Herausforderung, die Regisseurin Rahel Thiel in ihrer Inszenierung begeisternd aufnimmt.
Gespielt wird auf einem doppelstufigen Podest an der Längsseite des Mittelschiffs. Die Bühne von Judith Philipp nimmt als persischer Palast die schöne Rundbogenarchitektur der Potsdamer Friedenskirche auf. Nachgebildete Säulenfragmente werden vom Gesangsensemble herumgetragen und als Sitzgelegenheiten benutzt. Sie wirken hier wie Schachfiguren in einem brisanten Spiel. Am rechten Bühnenrand steht ein Baum mit gelben Blättern, an dem Prinzessin Zanaida die meiste Zeit der gut 2stündigen Aufführung verweilt, Blätter abzupft und wieder anhängt. Ein Bäumchen der Hoffnung als Symbol wie auch Zanaida selbst, die als Blinde tastend über die Bühne schreitet. Sie präsentiert die reine Liebe, die jeder Intrige widersteht. Ein Spielball politischer Ränke, an deren Spitze Roselane von Weltherrschaft träumt.
Vor dem Altar der Kirche ist die Kammerakademie Potsdam unter der Leitung von Johanna Soller positioniert. Am Cembalo sitzt Rita Herzog. Die Akustik der Friedenskirche ist erstaunlich gut und klar. In den Arien dominieren die hellen Töne des lyrischen Soprans von Miriam Kutrowatz (als Zanaida) und die beiden Countertenöre Elmar Hauser und Philipp Mathmann (als Tamasse und Cisseo). Dagegen stehen der dramatische Sopran von Pia Davila (als Gegenspielerin Roselane, eine Vorläuferin von Mozarts Königin der Nacht) und der tiefe Bariton des Matthias Lika (als Mustafa). Sehr schön abgestimmt auch die drei Chorpassagen der Oper, die durch das insgesamt hervorragende Ensemble bestritten werden. Der Abend ist auch szenisch sehr gut arrangiert und setzt einen Knalleffekt mit Windmaschine ans Ende, dessen Seligkeit die Regisseurin zu Recht misstraut und ihrer Titelfigur einen besonderen Abgang gönnt.
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Zanaida von Johann Christian Bach - im Schlosspark Sanssouci | Foto (C) Stefan Gloede
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Stefan Bock - 6. März 2026 ID 15740
ZANAIDA (Friedenskirche Potsdam, 28.02.2026)
Dramma per musica von Johann Christian Bach
Musikalische Leitung: Johanna Soller
Regie: Rahel Thiel
Bühne & Kostüme: Judith Philipp
Dramaturgie und Produktionsleitung KAP: Clara Rempe
Besetzung:
Zanaida ... Miriam Kutrowatz
Roselane ... Pia Davila
Mustafa ... Matthias Lika
Tamasse … Elmar Hauser
Osira … Anna-Lena Elbert
Cisseo … Philipp Mathmann
Aglatida ... Laila Salome Fischer
Silvera … Sarah Gilford
Gianguir … Florian Sievers
Rita Herzog, Cambalo
Kammerakademie Potsdam
Premiere war am 27. Februar 2026.
Weitere Termine: 06., 07.03.2026
Koproduktion der Kammerakademie Potsdam mit dem Hans Otto Theater Potsdam
Weitere Infos siehe auch: https://www.kammerakademie-potsdam.de/
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