Rattenfänger(in)
der Angst
|
Der Freischütz an der Oper Bonn | Foto (C) Bettina Stöß
|
Bewertung:
Man hätte es ahnen können: Wenn sich Autor Lothar Kittstein und Regisseur Volker Lösch Webers Oper Der Freischütz annehmen, wird kaum eine konventionelle Lesart das Ergebnis sein. Zumal dann nicht, wenn auf den Plakaten bereits von einem „Alptraum für Deutschland“ die Rede ist. Und das wird in der Aufführung durchaus sehr konkret: Der Alptraum ist ein Sieg der AfD bei der nächsten Bundestagswahl und Alice Weidel als Bundeskanzlerin. Und das alles in einem Bühnenbild, das aus dem Deutschen Bundestag einen Lost Place macht: Pflanzen ranken ins Bild, nur der Bundesalter behauptet trotzig seinen Platz (Bühne: Carola Reuther).
Löschs und Kittsteins Lesart, für die Letzterer neue Texte geschrieben hat, die auch überzeugend Eingang in die gesungenen Passagen halten, ist durchaus bestechend: Samiel tritt hier von Beginn an auf, als Demagogin, die Max (Kai Kluge) nach seinem Fehlschutz vor versammeltem Volk verspricht, Heimatminister in ihrem Kabinett zu werden. Die Max’ Probeschuss als Attentat auf den Bundeskanzler plant und die mit allen Mitteln die Macht übernehmen will. Mit Birte Schrein hat Volker Lösch die ideale Besetzung für seinen Samiel: Sie ist überzeugend redegewandt, setzt sich souverän über Einwürfe hinweg, auch von empörten Zuschauerinnen und Zuschauern, manipuliert Kaspar und Max und hält die Fäden in der Hand.
Doch auch andere Aspekte der AfD-Ideologie werden thematisiert, etwas das Frauenbild. Wunderbar und sehr lustig etwa die Szene zwischen Agathe (Alyona Rostovskaya) und Ännchen (Nicole Wacker), die sich beide in tradierten Rollenbildern für Social Media präsentieren, Ännchen vielleicht ein wenig überzeugter als Agathe. Und der Auftritt von Max, der Stärke behauptet und doch nur Schwäche ausstrahlt. Zwischendurch immer wieder im Hintergrund portalbreit Zitate von AfD-Größen wie Björn Höcke und Alexander Gauland oder Ausschnitte aus dem Wahlprogramm 2025. Ja, man kann nicht sagen, man hätte es nicht gewusst, in welche Richtung es gehen kann. Angst ist das beherrschende Thema des Abends, Angst, die Parteien wie der AfD dient, weil sie irrational ist und selten auf Argumente anspricht. Und das arbeiten Lösch und Kittstein hervorragend heraus aus Webers Freischütz.
Ein wenig zu affirmativ gerät die Projektion von Bildern in der Ouvertüre. Bilder von vermeintlich Vorzeigefamilien (alle mit blondem Haar) wechseln ab mit Flüchtlingen an Zäunen und Nahaufnahmen von Menschen, die offenbar nicht dem arischen Ideal entsprechen. Nur bleibt der Kontext der Bilder unklar: Wo wurden sie aufgenommen? Was genau zeigen sie? Da wird in der Aufführung selbst doch erfreulicherweise deutlich zugespitzter erzählt, ohne nur eine Emotionalität zu bedienen.
*
Musikalisch lässt Der Freischütz keine Wünsche offen. Und Dirigent Lothar Koenigs samt Beethoven Orchester Bonn, Solistinnen und Solisten sowie Chor & Extrachor des Theaters Bonn zeigen, welche exzellente Musik Carl Maria von Weber im Freischütz gelungen ist. Dunkel raunt die Wolfsschlucht, dagegen fast zart und vorsichtig klingt das Orchester an anderen Stellen, wirkt die Partitur quasi transparent. Die Solistinnen und Solisten fügen sich nahtlos in dieses Bild ein und machen den Abend auch musikalisch zu einem Erlebnis. Kai Kluge überzeugt mit strahlendem Tenor und verkörpert dennoch szenisch überzeugend den gebrochenen Afghanistan-Kämpfer Max. Tobias Schabel lässt seinen Bass mühelos in tiefste Tiefen sinken und gibt Kaspar als arroganten Blender, der sich von allen betrogen fühlt. Alyona Rostovskaya gelingt eine durch und durch innige Darstellung einer Agathe, die zunehmend an ihrer Rolle zweifelt, und Nicole Wacker darf als Ännchen durchaus mehr als nur der Sidekick ihrer besten Freundin sein und kann nicht nur in der Erzählung von ihrer Base (die hier eine überraschende Wendung nimmt) auch musikalisch glänzen.
Abgerundet wird das Ganze von Martin Tzonevs Kuno, Ralf Rachenbauers Kilian und den Brautjungfern Joëlle Fleury, Ji Young Mennekes und Heejin Rachel Park sowie Mary Rosada, die Agathe mit allen Ängsten konfrontieren, die eine Braut nur haben kann. Johannes Mertens als Ottokar gelingt auch optisch ein ganz vorzüglicher Bundeskanzler und Christopher Jähnig hilft mit profundem Bass als graue Eminenz dabei, das Ganze zu einem Ende zu bringen. Hervorragend präpariert auch der Chor, mit einer sehr guten Artikulation und musikalisch höchster Präzision (Choreinstudierung: André Kellinghaus).
Am Ende triumphiert szenisch die Koalition der Willigen – Ännchen, Agathe und Max stehen da längst teilnahmslos inmitten einer euphorisierten Menge. Eine düstere Zukunftsvision, die leider im Bereich des Möglichen liegt. Der neue Bonner Freischütz ist ein starker Abend, der zu Diskussionen anregt.
|
Der Freischütz an der Oper Bonn | Foto (C) Bettina Stöß
|
Karoline Bendig - 5. Mai 2026 ID 15833
DER FREISCHÜTZ (Oper Bonn, 03.05.2026)
Alptraum für Deutschland
Musikalische Leitung: Lothar Koenigs
Regie: Volker Lösch
Bühne: Carola Reuther
Kostüme: Cary Gayler
Video: Robi Voigt
Licht: Max Karbe
Dramaturgie: Polina Sandler und Stefan Schnabel
Choreinstudierung: André Kellinghaus
Mit: Kai Kluge (Max), Alyona Rostovskaya (Agathe), Tobias Schabel (Kaspar), Nicole Wacker (Ännchen), Johannes Mertes (Ottokar), Martin Tzonev (Kuno), Christopher Jähnig (ein Eremit), Ralf Rachenbauer (Kilian), Joëlle Fleury, Ji Young Mennekes, Heejin Rachel Park und Mary Rosada (Brautjungfern) und Birte Schrein (Samiel)
Chor und Extrachor des Theaters Bonn
Beethoven Orchester Bonn
Premiere war am 3. Mai 2026.
Weitere Termine: 09., 22.05./ 04., 07., 21., 24.06./ 04.07.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de
Post an Karoline Bendig
Konzerte
Musiktheater
Neue Musik
Hat Ihnen der Beitrag gefallen?
Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!
Vielen Dank.
|
|
|
Anzeigen:
Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN
Rothschilds Kolumnen
BALLETT | PERFORMANCE | TANZTHEATER
CD / DVD
KONZERTKRITIKEN
LEUTE
MUSIKFEST BERLIN
NEUE MUSIK
PREMIERENKRITIKEN
ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski
RUHRTRIENNALE
= nicht zu toppen
= schon gut
= geht so
= na ja
= katastrophal
|