Spiegel-Diptychon
LA VOIX HUMAINE von Francis Poulenc und POINT D´ORGUE von Thierry Escaich am Théâtre des Champs-Élysées
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Bewertung:
2021 hätte diese Produktion aufgeführt werden sollen. Dann kam Corona, und die Premiere fand vor einem leeren Saal statt. Es sind zwei sich ergänzende und sich entfremdende Mini-Opern: La voix humaine von Francis Poulenc (Musik) und Jean Cocteau (Text) - und nach der Pause Point d’orgue von Thierry Escaich (Musik) und Olivier Py (Text).
Fünf Jahre später findet nun die Aufführung dieser prickelnden Produktion in Paris, im Théâtre des Champs-Elysée, statt.
Zur Premiere am 9. März kamen nur 700 Personen, und auch heute bei der dritten Aufführung war das Theater nicht ausverkauft. Eigentlich unverständlich und schade, denn die 2021 von Escaichs komponierte Musik ist abwechslungsreich, verständlich und bleibt trotzdem zeitgenössisch-modern. Sie passt perfekt zu der von Poulenc, ohne den Versuch diese kopieren oder erreichen zu wollen. Der Text von Olivier Py hingegen hinkt hinter dem von Cocteau her, nimmt aber das Geschehen auf und kehrt die Seiten um.
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Bei La Voix humaine ist es Sie (La femme), die am Telefon den Verlust ihrer Liebe beweint und ständig unterbrochen wird, während sich das Libretto von Point d’orgue mit einer depressiven Sado-Maso Situation auseinandersetzt, aus der Er (Lui) nicht herauskommt; hier ist also der Mann die Hauptfigur, ein in einer Schaffenskrise steckender Komponist (und - in Oliver Pys Inszenierung - wahrscheinlich auch der Ehemann von La femme), der es dem bipolaren Poulenc gleichtun will, aber künstlerisch nicht an ihn herankommt und deswegen zu zerbrechen droht. So wird er alkohol- und drogenabhängig und Opfer von verbaler und körperlicher Gewalt. Der Andere (L'Autre) kommt aus einer weniger privilegierten gesellschaftlichen Schicht, ist brutal, verschlagen, Dealer, dominierender Liebhaber und perverser Henker. Das alles spielt sich in einem schmutzigen Hotelzimmer oder in der Wohnung jenes anderen ab. Sie (diesmal als Elle) erscheint als starke Frau: nicht gebrochen und nicht verzweifelt (wie etwa vorher als La femme in Voix humaine) - er hat aber keine Energie, versteckt sich, als sie von der Rezeption angemeldet wird. "Sag ihr, ich bin tot oder in China", lässt er L'Autre ins Telefon sagen. Elle kommt dann aber doch hoch ins Zimmer, ist entsetzt, will ihn mit in ihr Haus am Meer nehmen, verspricht ihm Licht und Ruhe...
Sprache und Handlung in Point d’orgue sind gewalttätig und grob. Einmal will L'Autre die Hand von Lui, dem verzweifelten Komponisten, absägen, um den Hund damit zu füttern; und es ist ein echter Hund, der immer wieder über die Bühne geführt wird.
Die Musik von Thierry Escaich (60) ist sehr lebendig, fast spritzig. Kalte Klänge wechseln sich mit hohen Tönen ab, es gibt viele rhythmische Wechsel, Tango, Jazz, Bartok und ein Bach-Choral.
Das Zimmer ist ein beweglicher Raum, der sich im Uhrzeigersinn dreht. Bei La Voix humaine hängt Millais‘ Der Tod der Ophelia an der Wand. La femme nimmt das Bild aber irgendwann von der Wand, will sich nicht als Sterbende sehen. Das Telefon ist ein Computer, der auf dem Boden steht. Dies vermittelt den Eindruck, dass sie vielleicht gar nicht telefoniert, sondern fantasiert. Der Raum stellt sich langsam auf den Kopf, ein paar Mal will sie aussteigen, schafft aber den Sprung nicht. Bei Point d’Orgue hat das Publikum auch einen Blick ins Badezimmer. Dort wird auch getrunken. Das Zimmer dreht sich schneller hier, aggressiver. - - Der sich auf den Kopf stellende Raum drückt perfekt die Qual der Beteiligten aus. Der Gehweg unterhalb des Raumes dient vor allem, um den Hund Gassi zu führen. Das Bühnenbild ist von Pierre-André Weitz, der schon viele Jahre mit Olivier Py arbeitet.
La Voix humaine zählt zu den Meisterwerken des französischen Musiktheaters. Die Monooper wurde 1959 mit Denise Duval im Salle Favart uraufgeführt. Die Musik von Poulenc ist zerrissen, fragmentiert, wie das zum Teil abgehackte Telefonat: "Fräulein, hören Sie mich? Kann ich mit ihm sprechen?"
Cyrille Dubois (als L'Autre) ist der Böse, der Verführer, ein virtuoser Teufel.
Jean-Sébastian Bou (als Lui) ist der Sensible, der verhinderte, drogenabhängige Künstler, der permanent gegen den sich drehenden Raum ankämpfen muss. Er legt einen eindrucksvollen Sprechgesang hin.
Und dann Patricia Petibon (als La femme und als Elle)! Sie ist großartig und gewaltig, singt in beiden Kurzopern, sehr lyrisch in La Voix humaine und ausdrucksstark, hoch in Point d’orgue.
Das Orchestre National de France mit Ariane Matiakh am Pult ist fantastisch. La voix humaine bekam nur begeisterte Zurufe, während Point d’orgue leicht und vereinzelt ausgebuht wurde.
Eine durch und durch gelungene Produktion zwischen Zartheit, Schwäche, Unterwerfung, Isolation, Dominanz und toxischen Ratschlägen, die Text und Musik aufnehmen und weitergeben.
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Ach ja, der Hund hat nicht einmal gebellt.
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Bildquelle: theatrechampselysees.fr
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Christa Blenk - 14. März 2026 ID 15754
LA VOIX HUMAINE | POINT D´ORGUE (Théâtre des Champs-Élysées, 13.03.2026)
von Francis Poulenc | Thierry Escaich
Musikalische Leitung: Ariane Matiakh
Inszenierung: Olivier Py
Bühne und Kostüme: Pierre-André Weitz
Licht: Bertrand Killy
Besetzung:
La femme/ Elle ... Patricia Petibon
Lui ... Jean-Sébastien Bou
L´Autre ... Cyrille Dubois
Orchestre National de France
Premiere war am 9. März 2026.
Weitere Termine: 15., 17.03.2026
Koproduktion mit der Opéra de Dijon, der Opéra National de Bordeaux und der Opéra de Saint-Étienne
Weitere Infos siehe auch: https://www.theatrechampselysees.fr
Post an Christa Blenk
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