Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 5

KULTURA-EXTRA durchsuchen...

Premierenkritik

Performance

überdeckt

Oper

CARMEN von Georges Bizet


Bewertung:    



Die Erwartungen waren hoch: Eine ganz andere Carmen wollte Regisseurin Gabriela Carrizo schaffen. Das ist gar nicht so einfach, schließlich hatte die Figur der Carmen schon etliche Wandelungen durchlaufen. War sie in der Ursprungsnovelle von Prosper Mérimée (erschienen 1845) noch eine Prostituierte, die nicht davor zurückschreckte einige ihrer Freier umzubringen, wurden diese düsteren Züge in der Oper entschärft. Georges Bizet zeigt sie als leidenschaftliche, aber auch gefährlich liebende Frau. Der Komponist schrieb dieses Musikdrama für die Pariser Opéra Comique. Die Uraufführung von 1875 verlangte dem Publikum einiges ab. Eine Arbeiterin in einer Tabakfabrik und ein desertierter Soldat als Helden einer Geschichte, die dazu noch blutig endete. Ertragbar war das für die Zuschauerschaft nur, da diese Carmen mit ihrem offen zur Schau gestelltem sexuellen Begehren eine „Zigeunerin“ war und damit außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft stand. Doch diese klischeehaften Darstellungen wichen längst anderen Interpretationen. Carmen ist keine Femme fatale mehr, sondern eine hart arbeitende Frau mit einem großen Freiheitsbedürfnis. Was die Regisseurin als ganz neue Sichtweise ankündigte, ist also schon auf Opernbühnen zu sehen gewesen. Da musste noch etwas Anderes daraufgesetzt werden. Carrizo ist die Leiterin der belgischen Tanztheatergruppe Peeping Tom und somit bieten sich tänzerische Inhalte an.

In Interviews vor der Premiere hat sich das verheißungsvoll angehört. Vom Film inspiriert will sie auf den Geist und die Seele der Menschen zoomen. Jede Hauptfigur werde von einem Tänzer umgeben, der das Innere und Unbewusste der Protagonisten darstellt. Klang richtig gut. Doch die Umsetzung überzeugte nicht. Die - wirklich großartigen -Tänzer und Tänzerinnen nahmen den Sängern und Sängerinnen den Raum. Während der Tänzer in Stierkampfuniform exaltiert auf einem Tisch tanzt, nimmt man den Auftritt von Davide Luciano als Escamillo optisch zunächst kaum wahr. Noch merkwürdiger als Carmen über die Erkenntnis ihres nahenden Todes singt. Asmik Grigorian war in ihrem Rollendebüt wirklich ein Ereignis. Obwohl die Sopranistin hier eine Mezzo-Partie sang und die Tiefen nicht immer erreichte, riss sie in ihrer Natürlichkeit, ihrer Präsenz und Ausdruck das Publikum immer wieder zu Beifallsstürmen hin. Wenn Grigorian singt, braucht man keine nackte Tänzerin daneben, die in einem Wasserbecken planscht.

Noch ärgerlicher bei der Arie von Micaela. Wenn Kristina Mkhitaryan berührend über ihre Angst singt, in der Dunkelheit allein und schutzlos zu sein, wird sie von einem Mann in Badehose mit einem blinkenden Heiligenschein umtanzt. Einfach too much, und es vergeht keine Szene, in der (zumindest im Hintergrund) nicht gezappelt wird. Das tut einem auch für die Tänzer und Tänzerinnen leid, die das großartig machen. Man würde sie gerne mal in einer Tanzperformance sehen, nur nicht so massiv konzentriert, als ob sie den Sängern und Sängerinnen die Schau stehlen wollten.

Die Soldaten, die schon im Original keine sympathische Rolle haben, werden hier als grausame Mörderbande dargestellt. Immer und immer wieder quälen sie einen Zivilisten, sie zwingen Kinder auf andere Kinder zu schießen. In einer zutiefst brutalisierten Gesellschaft scheint alles möglich zu sein.

Manchmal vermisst man zwischen den einzelnen Szenen die Verbindung. Wir wissen natürlich, dass José (Jonathan Tetelman) sich in Carmen und sie sich dann in den Torero Escamillo verliebt hat, aber so ganz nachvollziehbar ist es nicht. Erst beim Schlussduett, ganz ohne Tanz, finden Grigorian und Tetelman zu einem wunderbaren Abschluss. Die Bühne ist in glühendes Licht (von Tom Visser) etaucht, während sonst viel Düsternis in der kargen Felsenlandschaft vorherrscht (Bühne und Kostüme: Christof Hetzer).

Musikalisch hat Dirigent Teodor Currentzis mit seinem Utopia Orchestra gezeigt, was er draufhat. Gebremst wird er nur durch eine manchmal hinzugefügte sirrende Geräuschkulisse und Flamencogesang. Das bremst aber das Publikum nicht ihn hinreichend zu bejubeln.



Jonathan Tetelman (als Don José), Asmik Grigorian (in der Titelrolle) und Amparo Cortés (als Lillas Pastia) in Carmen bei den Salzburger Festspielen 2026 | Foto (C) SF/Thomas Aurin

*

Erwartungen erfüllt? Gesanglich und musikalisch ja. Aber auch wenn man sich dringlichst neue Ausdrucksformen in der Oper wünscht, das ist hier nicht so ganz gelungen.
Isabella Schmid - 27. Juli 2026
ID 15963
CARMEN (Großes Festspielhaus, 26.07.2026)
von Georges Bizet

Musikalische Leitung: Teodor Currentzis
Regie und Choreografie: Gabriela Carrizo (Peeping Tom)
Bühne und Kostüme: Christof Hetzer
Licht: Tom Visser
Dramaturgie: Christian Arseni
Besetzung:
Carmen ... Asmik Grigorian
Don José ... Jonathan Tetelman
Micaëla ... Kristina Mkhitaryan
Escamillo ... Davide Luciano
Frasquita ... Iveta Simonyan
Mercédès ... Anita Monserrat
Zuniga ... Matthias Winckhler
Moralès ... Liviu Holender
Le Dancaïre ... Michael Arivony
Le Remendado ... Mingjie Lei
Performerinnen und Performer (Peeping Tom): Eurudike De Beul, Amparo Cortés, Fons Dhossche, Boston Gallacher, Balder Hansen, Chey Jurado, Seungwoo Park, Romeu Runa und Eliana Stragapede
Utopia Choir
(Einstudierung: Vitaly Polonsky)
Bachchor Salzburg
(Einstudierung: Michael Schneider)
Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor
(Einstudierung: Wolfgang Götz & Regina Sgier)
Utopia Orchestra
Premiere zu den SALZBURGER FESTSPIELEN: 26. Juli 2026
Weitere Termine: 30.07./ 03., 08., 12., 15., 21., 26.08.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.salzburgerfestspiele.at


Post an Isabella Schmid

Freie Szene

Premieren Musiktheater

Premieren Sprechtheater

SALZBURGER FESTSPIELE



Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!    



Vielen Dank.



  Anzeigen:





MUSIK Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Rothschilds Kolumnen

BALLETT |
PERFORMANCE |
TANZTHEATER

BAYREUTHER FESTSPIELE

CD / DVD

KONZERTKRITIKEN

LEUTE

MUSIKFEST BERLIN

NEUE MUSIK

PREMIERENKRITIKEN

ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski

RUHRTRIENNALE

SALZBURGER FESTSPIELE


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal




Home     Datenschutz     Impressum     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2026 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)