Respektabel
RIENZI
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Bewertung:
Vor zirka 20 Jahren sah ich zum letzten Mal Rienzi-Aufführungen: an der Oper Leipzig (Nicolas Joel, 2007), am Theater Bremen (Katharina Wagner, 2008) und an der Deutschen Oper Berlin (Philipp Stölzl, 2010) - die letztgenannte war die beste. Danach gab es vielleicht auch noch andere Rienzis an anderen Häusern; mag sein, dass das an mir relativ spurlos vorbeigegangen sein könnte, aber ist ja auch egal, so unbedingt erlebens- oder halt (im Sinne der Macher:) machenswert ist Wagners Jugendwurf nun auch wieder nicht, und das dachten sich dann sicher auch der Maestro & die Gattin selbst, indem sie ihn schlicht, einfach und ergreifend für den Zehnerkanon der von Richard Wagner vor 150 Jahren ins Leben gerufenen BAYREUTHER FESTSPIELE aussparten - bis gestern griff die "Regel".
Und weil dieses Jahr halt Jubiläumsfestspiele sind, durften die dann diesmal ruhig ein bisschen anders sein als wie die "Regel" es soweit bestimmte, also setzte Wagners Urenkelin und Festspielleiterin ihn ausnahmswseise auf den Jubiläumsspielplan, und warum auch nicht.
Für die musikwissenschaftliche Vorarbeit und projektbegleitende Dramaturgie (zur Inszenierung der ungarischen Regisseurinnen und Ausstatterinnen Alexandra Szemerédy & Magdolna Parditka) verpflichtete sie Markus Kiesel; der ist ein über die deutschsprachigen Landesgrenzen hinaus gefragter Wagnerkenner und -spezialist und richtete zudem auch noch das "Textbuch der Fassung der Bayreuther Festspiele 2026" ein.
"Das Team hat sich um eine Fassung bemüht, die die Überlieferungsschichten ebenso sorgfältig in Betracht gezogen hat wie die Rezeptionsgeschichte. Gleichfalls wurde die Rienzi-Philologie der letzten Jahrzehnte ebenso genau berücksichtig. Darüber hinaus hat das Team versucht, neue Quellen zu erschließen bzw. verloren geglaubte Teile der Partitur zu rekonstruieren.
Form und Werkgestalt führen natürlich unweigerlich zur Frage von Kürzungen und Abläufen.
[...]
Nicht nur eine nachvollziehbare Abfolge der Handlungsstränge war dem Team wichtig, sondern auch die Binnenstruktur der einzelnen musikalischen Nummern. Hier spielt auch die 'ungesunde' Beziehung Rienzis zu seiner Schwester Irene eine wesentliche Rolle. Nicht nur, weil sie auf die spätere Inzest-Konstellation in der Walküre verweist, sondern auch, weil sie für die emotionale – und damit musikalisch ausgeformte – Dreiecksgeschichte Rienzi-Irene-Adriano grundlegend ist. Für das Regiekonzept stand also die Frage vor Augen, wo Wagner die Psychologie und die Emotionalität der Figuren in ihrer Tiefe musikalisch ausgelotet hat. Es schien wichtiger der Frage nachzugehen, was die Politik aus den Menschen macht und nicht umgekehrt, und wo die musikdramatische Bearbeitung dieser Fragen im Notentext auffindbar ist. Diese emotionalen Konstellationen – vor einem Hintergrund der politischen Geschichte – generieren überhaupt erst die überragende Qualität der einzelnen Nummern und Szenen."
(Quelle: bayreuther-festspiele.de)
Es wurde also reiflich überlegt, was alles so die Sicht der Dinge heute aktuell sein lassen könnte, und heraus kam eine mehr oder weniger beängstigende Bühnenshow (mit Assoziationspotenzial zu Trump, Putin, Ukraine- und Irankrieg usw. usf.) bei durchaus emotionalem Tiefgang, und für selbigen tat sich v.a. das Protagonisten-Trio mit Andreas Schager (Rienzi), Gabriela Scherer (Irene) und Jennifer Holloway (Adriano) an die buchstäbliche Rampe singen - Schager fiel da diesmal insbesondere bei seinem leiseren statt allzu lautstarken Gebaren (Gebet z.B.) auf, während die beiden Frauen, deren sich gegenseitig überbietende Vibriererei mir total auf die Nerven ging, bei ihren gesanglichen wie darstellerischen Verlautbarungen an ihre jeweiligen Schmnerzgrenzen zu gehen schienen; das alles hatte im Ganzen eine ungeheuerliche suggestive Wirkung, deren man sich schwer entziehen konnte; und das Publikum quittierte das am Schluss mit einer kaum zu zügelnden Begeisterung, völlig zurecht.
Rein musikalisch brillierten einmal mehr das Festspielorchester und der Festspielchor (Einstudierung: Thomas Eitler-de Lint). Und Nathalie Stutzmann (s. ihr Bayreuth-Debüt beimTannhäuser 2023) hatte den Dirigentinnenhut bei all dem auf; und auch sie wurde letzten Endes und verdientermaßen in den Himmel gejubelt.
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Andreas Schager als Rienzi bei den Bayreuther Festspielen 2026 | Foto (C) Enrico Nawrath
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Noch acht Mal (!) wird Rienzi diesen Sommer aufgeführt, und danach nicht und (hoffentlich!!) nie mehr, jedenfalls nicht auf dem Grünen Hügel.
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Andre Sokolowski - 27. Juli 2026 ID 15962
RIENZI (Festspielhaus, 26.07.2026)
Musikalische Leitung: Nathalie Stutzmann
Regie, Bühne und Kostüme: Alexandra Szemerédy & Magdolna Parditka
Licht: Bernd Gallasch
Dramaturgie: Markus Kiesel
Chorleitung: Thomas Eitler-de Lint
Besetzung:
Cola Rienzi, päpstlicher Notar ... Andreas Schager
Irene, seine Schwester ... Gabriela Scherer
Steffano Colonna, Haupt der Familie Colonna ... Andreas Bauer Kanabas
Adriano, sein Sohn ... Jennifer Holloway
Paolo Orsini, Haupt der Familie Orsini ... Michael Nagy
Kardinal Raimondo, päpstlicher Legat ... Vitalij Kowaljow
Baroncelli ... Matthias Stier
Cecco del Vecchio ... Michael Kupfer-Radecky
Ein Friedensbote ... Victoria Randem
Festspielchor
Festspielorchester
Premiere bei den Bayreuther Festspielen: 26. Juli 2026
Weitere Termine: 03., 08., 14., 17., 19., 22., 24., 26.08.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.bayreuther-festspiele.de
https://www.andre-sokolowski.de
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