Mitten in Asien,
ganz Europa im Ohr
Kolja Blacher dirigierte das Singapore Symphony Orchestra
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Bewertung:
Mitten in Südostasien ein Abend, der beinahe trotzig europäisch bleibt: viel und ausschließlich Literatur aus dem alten Kontinent, dazu europäische Interpreten – bis auf das in Singapur ansässige Singapore Symphony Orchestra selbst. Und doch passt die Überschrift „Aus der neuen Welt“ erstaunlich gut, nicht nur als Verweis auf Dvořáks Neunter, sondern als gedankliche Klammer für einen Konzertverlauf, der von Herkunft und Aufbruch, von Migration und Aneignung erzählt. Dvořák schrieb seine Sinfonie 1893 unter dem Eindruck Amerikas, berauscht vom industriellen Aufbruch und der Ahnung von Grenzenlosigkeit; er studierte Musik der Ureinwohner ebenso wie afroamerikanische Traditionen und machte daraus etwas Eigenes. Diese Spannung – zwischen Fremdheit und Vertrautheit – lässt sich (in Singapur gehört!) noch einmal anders wahrnehmen: Europa nicht als Selbstverständlichkeit, sondern als bewusste Setzung.
Der Abend beginnt mit Boris Blachers Paganini-Variationen, einem Stück, das seine Wirkung aus Beweglichkeit zieht: ein Vexierspiel aus raschen Charakterwechseln, feinsten Kontrasten und überraschenden Brechungen, die unter einer insgesamt romantisch grundierten Dramaturgie zusammenfinden. Blacher, selbst eine Art biografisches Mosaik – in China aufgewachsen, in Russland gelebt, schließlich nach Deutschland gegangen –, scheint in dieser Musik eine gewisse Weltläufigkeit weniger zu behaupten als beiläufig zu besitzen: nichts wird ausgestellt, vieles wird angedeutet.
Danach die Uraufführung von Sören Søren Nils Eichbergs Quadriga – Zehn Traumsequenzen für Saxophonquartett: man lauscht zunächst mit gespannter Neugier, ob sich darin etwas von jener Energie findet, die man in Singapur und in Südostasien so deutlich spürt – Wille zur Veränderung, Tempo, Zukunftshunger. Eichberg wählt jedoch einen anderen Weg. Wie der Titel verspricht, sind es Sequenzen: träumerische Abschnitte, die modulieren, mäandern, teils überraschend romantisch gefärbt sind und nur selten in wirklich moderne Aktion umschlagen. Das bleibt klangschön und handwerklich sicher, aber es trägt nicht jenen inneren Zwang in sich, der große Dramaturgie ausmacht; mit Dvořáks Neuer Welt kann es in der Sogwirkung nicht konkurrieren. Kolja Blacher, der Dirigent des Abends (und, schöne Fügung, der Sohn Boris Blachers) sorgt dabei für das Entscheidende: Saxophonquartett und Orchester stehen in einem klug austarierten Verhältnis, nichts wird zugedeckt, nichts wirkt aufgesetzt, das Zusammenspiel bleibt transparent.
Nach der Pause schließlich Dvořáks Sinfonie Aus der neuen Welt. Wer aus Berlin kommt, ist verwöhnt von Orchesterkultur auf Spitzenniveau und hört im Blech gelegentlich jene kleine Unsicherheit, die in europäischen Spitzenhäusern seltener durchrutscht; einzelne Bläseraktionen haben nicht immer die letzte Selbstverständlichkeit. Aber Blacher gelingt etwas, das am Ende mehr zählt: ein überzeugender Gesamteindruck, ein Spannungsbogen, der nicht aus Einzelglanz, sondern aus Formbewusstsein entsteht. Besonders das Largo formt er weit und langsam, ohne ins Süßliche zu kippen – sehr ruhig, aber nie kitschig, eher wie eine große Atembewegung, die den Raum öffnet. Und im Finale, das mit seinem Paukenschlag wie eine Erinnerung an die elementare Wucht dieser Musik beginnt, arbeitet Blacher die dramatische Zuspitzung so heraus, dass man tatsächlich Gänsehaut bekommt, obwohl man das Werk längst zu kennen glaubt. Der Saal reagiert entsprechend: begeistertes Publikum, großer Applaus für den Berliner Dirigenten – und für das Singapur-Sinfonieorchester, das an diesem Abend den schönen, fast paradoxen Moment ermöglicht: ein europäisches Programm mitten in Asien, das gerade dadurch vom Gefühl des Aufbruchs erzählt.
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Kolja Blacher und das Singapore Symphony Orchestra - in der Espalande Concert Hall von Singapur | Foto (C) Steffen Kühn
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Steffen Kühn - 17. Januar 2026 ID 15655
SINGAPORE SYMOHONY ORCHESTRA (Esplanade Concert Hall, 16.01.2026)
Boris Blacher: Orchestervariationen über ein Thema von Nicolò Paganini
Søren Nils Eichberg: Quadriga - Zehn Traumsequenzen für Saxophonquartett (UA)
Antonín Dvořák: Symphony No. 9 Aus der neuen Welt
Raschèr Saxophone Quartet
Singapore Symphony Orchestra
Dirigent: Kolja Blacher
Weitere Infos siehe auch: https://www.sso.org.sg
Post an Steffen Kühn
http://www.hofklang.de
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