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Konzertkritik

"Kraft und

Anmut"



Bewertung:    



Es gibt Abende, an denen der Weg ins Konzert bereits Teil des Gesamteindrucks ist. In Stettin beginnt er mit dem Gang zur Mieczysław-Karłowicz-Philharmonie, jenem eigentümlich hellen, beinahe unwirklich wirkenden Gebäude, das sich mit seiner weißen, kristallinen Fassade und der gezackten Dachlinie wie eine abstrahierte Stadtsilhouette gegen den Himmel abzeichnet. Der Titel des Abends, „Kraft und Anmut“, erwies sich als treffend gewählt: Auf dem Programm standen Brahms’ 2. Klavierkonzert und Mendelssohns Italienische, zwei Werke also, die genau aus diesem Spannungsverhältnis leben. Solist war Piotr Alexewicz, es dirigierte Manuel Hernández-Silva.

Das Haus selbst verdient besondere Aufmerksamkeit, weil es mehr ist als bloße Hülle. Die heutige Philharmonie steht an der Stelle des 1962 beseitigten alten Konzerthauses von Franz Schwechten; der Neubau wurde ab 2011 errichtet, 2014 eröffnet und 2015 mit dem Mies-van-der-Rohe-Preis ausgezeichnet. Entworfen wurde er von Alberto Veiga und Fabrizio Barozzi. Äußerlich ist das Gebäude von beinahe strenger Eleganz: weiß, vertikal gegliedert, hanseatisch in Kühle und Klarheit. Umso bemerkenswerter sind die Innenräume. Statt ehrfürchtiger Enge eröffnet sich dort eine großzügige, beinahe urbane Dramaturgie des Ankommens: eine weite Eingangshalle, eher Marktplatz als Vestibül, ein Raum zum Flanieren, zum Schauen, zum Innehalten, auch dazu, im Stehen ein Glas Sekt zu trinken, bevor der Abend beginnt. Diese Architektur diszipliniert den Konzertbesucher nicht, sondern bietet ihm den Aufenthalt als gesellschaftliche Form an.



Das Gebäude der Philharmonie in Stettin | Foto (C) Steffen Kühn


*

Dem Publikum war anzusehen, dass es diesen Abend nicht beiläufig, sondern bewusst besuchte. Es handelte sich um ein erfahrenes Publikum, was sich nicht zuletzt daran zeigte, dass nach dem ersten Satz von Brahms niemand in den naheliegenden, aber unpassenden Beifall verfiel. Das Programmheft weist eigens auf die übliche Stille zwischen den Sätzen hin; hier wurde sie nicht als pädagogische Pflicht, sondern als selbstverständlicher Bestandteil des Hörens verstanden. Brahms’ Zweites ist mit seinen vier Sätzen und seiner symphonischen Ausdehnung ohnehin kein Konzert für ungeduldige Ohren. Das Heft erinnert daran, dass das Werk von Kritikern nicht zufällig eher als „Sinfonie mit obligatem Klavier“ beschrieben wurde.

Im ersten Teil des Abends zeigte sich allerdings auch, dass Größe und Anspruch eines Werkes seine Aufführung nicht automatisch schon rechtfertigen. Die Bläser des diesen Abend bestreitenden Orkiestra Symfoniczna Filharmonii w Szczecinie agierten mit hörbarem Einsatz, und das Orchester arbeitete redlich an jener heroisch-deklamatorischen Grundierung, die Brahms’ erstes Allegro non troppo verlangt. Doch der Kontrast zum Solisten blieb beträchtlich. Piotr Alexewicz, im Heft zurecht als einer der bekanntesten polnischen Pianisten seiner Generation vorgestellt, spielte mit einer Selbstverständlichkeit, die man bei jüngeren Solisten nicht allzu häufig hört: technisch unangreifbar, im Ton kontrolliert, im Zugriff niemals bloß virtuos. Gerade weil Brahms dem Pianisten hier nicht durchgängig die Hauptrolle zuweist, sondern ihn immer wieder in die Textur des Orchesters zurücknimmt, fiel auf, wie sehr Alexewicz auch im Begleiten Form bewahrte. Das Orchester hingegen benötigte mehr Zeit, um zu sich zu finden.

Und doch lag das Entscheidende in diesem ersten Teil weniger in der Summe der Einzelleistungen als in der Grundstimmung des Abends. Sie trug. Das Publikum hörte konzentriert, ließ die vier Sätze sich entfalten und feierte den Solisten nach dem Schluss mit stehenden Ovationen. Man konnte das als Höflichkeit eines kultivierten Konzertpublikums deuten; überzeugender war jedoch der Eindruck, dass hier tatsächlich die große Bogenform des Werkes angekommen war: vom furios auftrumpfenden Beginn über das dramatische Scherzo bis zu jenem Andante, in dem Brahms die Musik nach innen wendet.

Nach der Pause fand der Abend dann mit Mendelssohns Italienischer endgültig zu sich. Hernández-Silva, nun ganz beim Orchester, führte präziser, konzentrierter und entschiedener. Und das Orchester antwortete darauf mit einer anderen Selbstverständlichkeit. Plötzlich waren auch die Bläser nicht mehr bloß bemüht, sondern präsent; nun entstand jene professionelle Geschlossenheit, die im Brahms nur stellenweise aufblitzte. Das Werk, das laut Programmheft aus Mendelssohns Italienreise von 1830/31 hervorgegangen ist und im Finale mit seinem Saltarello eine überraschend ernste Mollfärbung annimmt, gewann hier genau die richtige Mischung aus Beweglichkeit und Form. Der Dirigent ließ den Kopfsatz nicht ins bloß Gefällige kippen, und das Finale erhielt jene unnachgiebige Energie, die Mendelssohns Musik vor dekorativer Harmlosigkeit bewahrt.

So zeigte dieser Abend am Ende in bemerkenswerter Klarheit, was sein Titel versprach. Die Kraft lag weniger im massiven Zugriff als in der Steigerungsfähigkeit des Abends; die Anmut nicht in bloßer Eleganz, sondern in der Weise, wie sich Architektur, Publikum und Musik zu einer Form verbanden. Man wird nicht jeden Takt dieses Konzerts gleich hoch bewerten müssen. Festhalten lässt sich jedoch, dass hier ein Haus, ein Orchester und ein Publikum zusammenkamen, die dem Konzertabend noch immer jene gesellschaftliche Würde verleihen, die ihm andernorts längst verloren gegangen ist.

Am Ende wieder: stehende Ovationen. Diesmal nicht nur für den Solisten, sondern für einen Abend, der sich vom Versprechen zur Erfüllung entwickelte. In einer Zeit, in der Konzerte oft entweder Event oder Pflichtübung sind, war das nicht wenig.
Steffen Kühn - 11. April 2026
ID 15795
SINFONIEORCHESTER DER PHILHARMONIE IN SZCZECIN (Filharmonia Szczecin, 10.04.2026)
Johannes Brahms: Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 83
Felix Mendelssohn-Bartholdy: Sinfonie Nr. 4 A-Dur Italienische op. 90
Piotr Alexewicz, Klavier
Orkiestra Symfoniczna Filharmonii w Szczecinie
Dirigent: Manuel Hernández Silva


Weitere Infos siehe auch: https://filharmonia.szczecin.pl


Post an Steffen Kühn

http://www.hofklang.de

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