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Konzertkritik

Kostbar, selten

DYBBUK von Leonard Bernstein


Bewertung:    



Als im September 2001 das Jüdische Museum Berlin eröffnet wurde, hingen überall Plakate einer cool gemachten wie neugierig machenden Werbekampagne. Da waren Königsnattern zu sehen, die aus Fahrradreifen hingen; Raupen krochen aus Zahnpastatuben; Küken kiekten aus abgebissenen Schaumküssen hervor. Nicht das, was Sie erwarten lautete der Slogan, der das damit verbundene Versprechen dann auch tatsächlich einlöste.


Wieder fast zurück in der Gegenwart - also vor ein paar Tagen - ist im Newsletter des DSO Berlin von einem kostbar seltenen Bernstein zu lesen. Dybbuk? I'm really sorry, but: nie gehört. Das muss einen aber gar nicht weiter irritieren, wurde doch die komplette Ballettmusik von 1974 bislang noch nie in Berlin gespielt. Kent Nagano hatte kürzlich im Interview mit dem Tagesspiegel erklärt, dass die Aufführung erst jetzt durch die neue Kritische Ausgabe möglich sei.


Wer sich im Vorfeld mit dem jüdischen Dibbuk-Mythos beschäftigt, liest von Frömmigkeit, lurianischer Kabbala und chassidischen Mystikern. Vor dem geistigen Auge formt sich ein Klangbild, welches so ernst und fleißig tönt, dass einem schon mal Schweißperlen auf die Stirn geraten können. Leonard Bernstein hingegen komponierte nicht das, was Sie (vielleicht) erwarten. Seine Musik mäandert virtuos von Weise zu Walzer, von Jazz zu Score, von Zartheit hin zu einer Härte, die selbst einem Schostakowitsch in nichts nachsteht. Ständig trippelt, tickt, zischt, tuscht und huscht es, dreht diese Partitur die faszinierendsten Pirouetten. Und Kent Nagano? Im Grunde steht nach der Pause ein anderer Dirigent am Pult. Dass der erste Teil mit mausgrau interpretierter Mittagshexe und Isoldes Liebestöter nur konzertfüllende Piefigkeit im Angebot hat - Schwamm drüber. Bei Bernstein stapft Nagano durch die Klänge, schlägt zackig die Handkanten, offenbart die schiere Lust an diesem Werk. Und das DSO Berlin tanzt begeistert mit: Was für knackige Percussions, welch berückendes Blech, grell und griffig.

Heiko Schon - 2. Mai 2026
ID 15829
DEUTSCHES SYMPHONIE-ORCHESTER (Philharmonie Berlin, 01.05.2026)
Antonín Dvořák: Die Mittagshexe
Richard Wagner: Vorspiel und "Liebestod" aus der Oper Tristan und Isolde
Leonard Bernstein: Dybbuk für Bariton, Bass und Orchester (vollständige Ballettmusik)
Johannes Kammler, Bariton
Sam Carl, Bassbariton
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Dirigent: Kent Nagano


Weitere Infos siehe auch: https://www.dso-berlin.de


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