Scharouns Foyer
als Techno Club
STROM-Festival für elektronische Musik in der Philharmonie Berlin
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Bewertung:
Das STROM-Festival fü elektronische Musik ringt, so steht es auch zwischen den Zeilen des Programmhefts, um hochkulturelle Anerkennung – und ringt dabei, fast schon sympathisch, mit eigenen Worten um eine Begründung. Man fragt sich: Warum eigentlich? Die Antwort ist nicht überraschend und banal zugleich: Weil Publikum und Gesellschaft Klassifizierungen brauchen, um überhaupt miteinander sprechen zu können. Wer nicht einordnet, kann schwer teilen; wer nicht benennt, kann schwer streiten. Das Festival setzt genau an dieser Sollbruchstelle an – und reißt die erste Grenze schon mit der Wahl des Ortes ein: in der Berliner Philharmonie von Hans Scharoun, diesem Tempel der Hochkultur, in dem sonst die Rituale der bürgerlichen Konzertform regieren. Schon der Abend selbst beweist dann, wie gut diese Verschiebung funktionieren kann.
Denn das Konzept ist bestechend einfach: Foyer – Saal – Foyer – Saal – Foyer. Damit wird die Philharmonie nicht zum Club und der Club nicht zum Konzert; vielmehr zeigt die Dramaturgie, dass der Wechsel der Räume auch ein Wechsel der Haltungen ist. Und genau darin liegt die Stärke des vergangenen Samstags.
Der Beginn um 20 Uhr im Foyer ist dafür ideal: Polygonia spielt live – und plötzlich wirkt dieses repräsentative und von Scharoun so großzügig gedachte Foyer, als sei es immer schon auch für Technomusik gebaut worden. Man wird eingestimmt, nicht auf einen „Programmpunkt“, sondern auf einen Zustand: Man kann ankommen, sich entspannen, die ersten Drinks nehmen. Dass Polygonia im Programmheft als Künstlerin erscheint, die Ambient, Deep House und experimentellen Techno verschränkt, und dass sie selbst die Verwandtschaft von Klassik und Techno über „Ernsthaftigkeit“ behauptet, passt zu diesem Auftakt: nicht als Theorie, sondern als ruhige Selbstverständlichkeit.
Um 21:15 Uhr dann das klassische Setting im Saal: Cinna Peyghamy & Azu Tiwaline live. Ein Experiment mit elektronischer Musik und Live-Percussion, konzentriert, knapp, in einer guten Länge von ungefähr drei Viertelstunden. Das ist klug gesetzt: lang genug, um den Saal als Resonanzraum ernst zu nehmen, kurz genug, um nicht in die Falle zu tappen, Elektronik müsse sich nun im Konzertformat beweisen. Das funktioniert – auch weil der Saal durch seine ritualisierte Aufmerksamkeit eine Art Vergrößerungsglas wird: Man hört genauer hin, ob man will oder nicht.
Zurück im Foyer ab 22 Uhr: Techno. DJ Marfox verwandelt das Foyer in einen Techno-Schuppen, ohne dass das Haus daran Schaden nimmt – im Gegenteil. Gerade beim Durchschreiten der Ebenen merkt man, wie sehr diese Architektur auf Bewegung, Blickachsen und soziale Durchmischung angelegt ist. Und man erlebt, wie unterschiedlich Techno wirkt, je nachdem, ob man oben am Rand steht, sich in eine Traube setzt oder unten in der Basszone landet. Die Bässe breiten sich im Gebäude aus wie eine zweite, unsichtbare Architektur.
Mitternacht: wieder Saal. Alva Noto (live AV). Hier kippt der Abend erstmals. Nicht weil das Set schlecht wäre – sondern weil die Versuchsanordnung plötzlich gegen sich selbst arbeitet. Diese sehr minimalistische Stunde gerät zu lang; es sind eher Klänge und Geräusche, die man als Hintergrund für einen Film oder ein Ballett vermuten würde: atmosphärisch, präzise, bildaffin – aber sitzend im großen Saal will sich daraus kein zwingender Bogen spannen. Das wirkt eher wie Kunst im Modus der Installation, nur dass man die Installation frontal „absitzen“ muss. Und doch: Was soll’s? Wenn man Dinge nicht ausprobiert, weiß man nicht, ob sie funktionieren. Gerade ein Festival, das sich programmatisch als Grenzarbeit versteht, darf sich auch einmal einen Moment leisten, der nicht aufgeht.
Der Schluss im Foyer bringt den Abend wieder auf seine stärkste Spur: Ben Klock b2b Fadi Mohem ab 1 Uhr – klassische Techno-Party, im besten Sinn. Es ist das dritte Mal an diesem Abend, dass das Foyer als Club funktioniert, und es funktioniert wieder: nicht als Fremdkörper, sondern als stimmige Nutzung eines Raums, der ohnehin immer auch öffentliches Terrain sein wollte. Nach dem kurzen Stolpern im Saal ist das fast eine Erlösung – und zugleich der Beweis, dass das Festival seine eigentliche Stärke weniger im Behaupten als im Machen hat.
Am Ende kann man der Philharmonie und den Machern des STROM-Festivals nur gratulieren: ein schönes, mutiges Event mitten in Berlin, das die Debatte um Anerkennung nicht durch Argumente gewinnt, sondern durch Praxis. Und vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Die Frage, ob elektronische Musik „hoch“ genug sei, stellt sich im Moment des Gelingens gar nicht mehr!!
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Foto: Steffen Kühn
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Steffen Kühn - 9. Februar 2026 ID 15686
https://www.berliner-philharmoniker.de/konzerte/festivals/strom/
Post an Steffen Kühn
http://www.hofklang.de
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